Martin Kippenberger, »Ohne Titel« (aus der Serie »Das Floß der Medusa«), 1996, © ESTATE OF MARTIN KIPPENBERGER, GALERIE GISELA CAPITAIN, KÖLN

Am Leitfaden des Leibes

Die Ausstellung »Body Check« im Kunstbau des Lenbachhauses vereinigt Werke von zwei wichtigen Kunstschaffenden des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Maria Lassnig und Martin Kippenberger verwendeten den eigenen Leib als künstlerisches Erkenntnismedium und waren beide begnadete Humoristen.

Körper von Menschen und Tieren sind in der Malerei des Westens häufig zu sehen, kaum der Rede wert. Den eigenen Leib des Künstlers selbst zur Darstellung zu bringen ist dagegen schon eine ganz andere Angelegenheit. Jahrhundertelang musste hier ein Teil, das Gesicht nämlich, für das Ganze des Leibes oder, objektiver formuliert, für den Körper einstehen. So wurde das Selbstporträt zu einer rhetorischen Figur, fachsprachlich zu einer Synekdoche, des eigenen Leibes. Einige wenige Ausnahmen gab es: So hat sich Dürer zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Dreiviertelakt mit sichtbaren Genitalien selbst abgebildet und einem Brief an seinen Arzt fügte er eine kleine Zeichnung mit Markierung der schmerzenden Körperpartie bei. Erst die Fotografie im 19. Jahrhundert sowie die Installations- und Performancekunst im 20. Jahrhundert öffneten hier die Schleusen. Künstler wie Wolfgang Flatz machen sich und ihren Leib zum Klöppel und damit zum Schmerzzentrum einer Performance. Schmerz und Ekstase werden dabei zu bevorzugten Modi körperlicher Wahrnehmungsdarstellung. Ende der 1960er-Jahre brachte Valie Export in ihrem berühmt gewordenen Tapp- und Tastkino eine feministische Perspektive in die Leibwahrnehmung ein. Der eigene Leib und seine Eigen- wie Fremdwahrnehmung werden in den bildenden Künsten im 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Thema. Sehr selten bleibt aber die Verbindung dieses Themenkomplexes mit dem menschlichen Alleinstellungsmerkmal des Lachens, mit Witz und Humor. Dies ist in der Ausstellung Body Check im Kunstbau des Lenbachhauses über dem U-Bahnhof Königsplatz anders.

Polaritäten
Die Schau bringt Arbeiten von einer Künstlerin und einem Künstler zusammen, die Leib und Witz auf ganz eindringliche und höchst originelle Weise zu verbinden wussten: Die Rede ist von Maria Lassnig und Martin Kippenberger. Mehr als 60 Arbeiten der beiden hat der Kurator Veit Loers, den Elisabeth Giers und Matthias Mühling unterstützt haben, aus internationalen Sammlungen für dieses Projekt zusammengetragen, das zuvor bereits eine Station am Museion in Bozen gemacht hat. Bevor wir aber einen Blick auf den Dialog zwischen Lassnig und Kippenberger werfen, kann es nicht schaden, sich die unterschiedlichen Polaritäten zu vergegenwärtigen, denen die beiden unterworfen waren oder von denen sie sich leiten ließen. Da ist zunächst der Unterschied der Geschlechter und ihrer gesellschaftlich vermittelten Rollenbilder. Gegen die Dominanz des männlich geprägten Kunstbetriebs wie des Kunstmarktes musste sich die weibliche Herangehensweise durchsetzen, was schlicht und einfach Zeit kostete. Martin Kippenbergers Leben glich der Kerze, die an beiden Enden angezündet wird, und folgte zumindest im Nachhinein dem Motto Janis Joplins »Live fast, die young«, was hier dem Sinne nach als »Lebe intensiv, sterbe früh« zu übersetzen wäre. Geboren 1953 in Dortmund im Ruhrgebiet erfuhr der Künstler seine Prägung durch die Kölner und Westberliner Szene. Im Alter von 44 Jahren starb er 1997 in Wien. Maria Lassnig war im Unterschied dazu ein langes Leben in kontinuierlicher Entfaltung vergönnt. Sie starb mit 94 Jahren 2014 in Wien.
 
Wider das Künstlerklischee
Wenn Maria Lassnig und Martin Kippenberger den eigenen weiblichen und männlichen Leib darstellen und zum Medium ihrer Inszenierungen machen, so eint sie der Kampf gegen das Künstlerklischee vom exemplarisch Leidenden, Empfindenden und Wahrnehmenden. Ihren Selbststilisierungen fehlt jedes Moment des Heroischen. Sie drängen sich nicht geniemäßig nach vorn. Kippenbergers ironisches Diktum »Heute denken, morgen fertig« beschreibt eben gerade nicht das eigene künstlerische Arbeiten und Bemühen. Der Leib macht solidarisch. Alle Menschen sind dem körperlichen Verfall, der Verletzlichkeit, der Krankheit und dem Schmerz in seinen physischen wie psychischen Aspekten anheimgegeben. Der Kreatürlichkeit des Leibes kann sich niemand entziehen. Verfall und Krankheit sind die großen Gleichmacher und verdienen gerade deshalb besondere Beachtung und Darstellung. Das Lächerliche einer alten, nackten Frau auf dem Mofa, eines mittelalten Männerkörpers in der Starthaltung eines Sprinters wird zu einer Widerstandshaltung gegen Selbstheroisierung und Selbstoptimierung. Vergessen wir auch nicht, dass der in den Arbeiten beider sich ausdrückende Humor auch eine leibliche Komponente hat – die Vorstellung von den Körpersäften, deren Mischung das jeweilige Individuum ausmacht. Maria Lassnig entwickelt daran ihr ganz eigenes Ausdrucksmittel der Körpergefühlsfarben. Martin Kippenberger bringt an der Seite des Malers, Zeichners und Bildhauers den Wort- und Titelschöpfer ins witzige Scharmützel. Wo andere nur die Fäuste gebrauchen, sieht er, lädiert wie in dem berühmt gewordenen Foto, einen »Dialog mit der Jugend«. Rüdiger Heise

Body Check. Martin Kippenberger – Maria Lassnig. Bis 15. September, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10- 18 Uhr, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Luisenstr. 33. Tel. (089) 23 33 20 00.

Der dreisprachige Katalog (Dt./Engl./Ital.) zur Ausstellung ist im Verlag Snoeck erschienen. Er enthält Texte von Kirsty Bell, Anna Fricke, Veit Loers und Peter Pakesch und ist im Museumsshop und online zum Preis von 30,- € erhältlich.

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