Weltmusiker mit Leib und Seele: Mulo Francel in Havanna (c) René Van der Voorden

Das Wichtigste aus zwei Welten

Mulo Francel, der kreative Kopf des erfolgreichen Welt­musik-Ensembles Quadro Nuevo, kehrt mit »Mocca Swing« zu seinen Jazz-Wurzeln zurück. Mit APPLAUS sprach er über die Entstehung der Doppel-CD, ihre Einflüsse und sein Präsentationskonzert mit Jazz-Quartett und dem Münchner Rundfunkorches­ter im Prinzregententheater.

APPLAUS: »Mocca Swing«, so hätte auch ein neues Quadro-Nuevo-Album heißen können. »Mocca Flor« gab es schon einmal. Es geht Ihnen aber jetzt um etwas anderes?


MULO FRANCEL: Für mich ist es eine Verbindung. Einmal der Jazz, von dem ich herkomme, bei dem man nie ausgelernt hat und nie sagen kann, jetzt bin ich richtig gut. Bei dem es immer Bessere gibt, von denen man etwas lernen kann …

… und bei dem es auch immer etwas Neues gibt.


Nach wie vor, ja. Das ist für mich ein kreativer Spielplatz, auf den außermusikalische Gedanken oder Parameter kaum hereindringen. Da gibt es nur dieses Spiel, dessen Feld die Bühne ist, in das aber die Zuschauer miteinbezogen sind. Die nehmen teil und reagieren. Das alles ist für mich ein spannender Prozess, dieser Jazzkontext.

Wie kamen Sie denn eigentlich zum Jazz?


Mein Vater war Kriegsflüchtling aus Böhmen und starb, als ich erst sechs Jahre war. Doch er hinterließ mir seine Jazzplattensammlung. Wes Montgomery, Stan Getz, Miles Davis und viele andere. Als ich zwölf war, holte ich eine nach der anderen in mein Zimmer. Es war wie eine spirituelle Brücke zu meinem Vater.

Das ist also die eine Seite. Und die andere?


Das ist die Weltmusik, wie wir sie bei Quadro Nuevo seit Jahren machen. Die lebt meiner Meinung nach sehr von interkulturellen Begegnungen. Und davon, dass du das Publikum entführst, vielleicht in eine reale, vielleicht in eine virtuelle Welt. Bei »Mocca Swing« wollte ich beides zusammenbringen.

Was eines ordentlichen Aufwands bedurfte. Eine Doppel-CD mit Quartett, Orchester, vielen Gästen und Arrangeuren – ist es Ihr bisher aufwendigstes Projekt?


Ja, aber zunächst war das gar nicht so geplant. Wir haben ja vor fünf Jahren in diesem Quartett schon eine CD eingespielt, »Escape«, und wollten unbedingt nachlegen. Weil wir neue Stücke haben, weil wir eben den »Mocca Swing« schon seit fünf Jahren spielen, aber noch nie aufgenommen haben. Dann kam zur selben Zeit das Münchner Rundfunkorchester und schlug vor, eine Produktion zusammen zu machen. Und es kam Siggi Loch mit der gleichen Anfrage – als Folgeerscheinung seines Bix-Beiderbecke-Abends in der Berliner Philharmonie, bei dem ich dabei war. Also habe ich mir gedacht, das könnte man alles in einer Doppel-CD zusammenführen. Und Siggi Loch fand das auch gut. Worauf ich mir dachte, wenn Siggi Loch das gut findet, dann würde ich das ganz gerne machen.

Es ist aber keine Abkehr von der langjährigen Zusammenarbeit mit dem anderen Münchner Label GLM?


Nein, überhaupt nicht. Aber ich wollte mal etwas außer der Reihe machen. Und es reizte mich, mal mit Siggi Loch zu arbeiten, der ja ein richtiger Jazz-Producer ist.

Auf dem Album sind außerdem viele Mitstreiter der Projekte aus den vergangenen Jahren zu Gast, von Cafe del Mundo über den Gitarristen Paulo ­Morello bis zum Perkussionisten Max Klaas von Cairo Steps. Und die Kollegen von Quadro Nuevo natürlich auch …


Das liegt an den Stücken, die ich mit dem Rundfunk­orchester abbilden wollte. Es gibt für mich einfach nur eine begrenzte Anzahl von Stücken, die orchestral funktionieren. Und da braucht man immer Leute. Erfahrene Arrangeure wie Menno Dahms oder Leonhard Kuhn und spezielle Musiker, die eine besondere Note beisteuern. Wir hätten Misty bestimmt auch mit David Gazarov (dem Pianisten des Quartetts, Anm. d. Red.) spielen können, aber das wäre mir zu herkömmlich gewesen, diesen Klavier-Standard par excellence wieder mit einem Pianisten zu besetzen. Da fand ich es spannender, es mit zwei Flamenco-Gitarristen zu probieren. Dann gab es Stücke wie zum Beispiel Goethe sulla strada, das ist eigentlich eine schnelle italienische Polka, da wollte ich schon bisschen diesen Quadro-­Nuevo-Sound mit Akkordeon.

Wobei dann nicht nur Andreas Hinterseher spielt, sondern auch der Dirigent des Rundfunkorchesters Enrique Ugarte.


Richtig, der Enrique spielt eben auch hervorragend Akkordeon. Ich fand es interessant, dass er so wandlungsfähig ist. Ich habe ihn 1995 als Musette-Akkordeonisten kennengelernt und dann immer mehr Seiten an ihm entdeckt. Dass er eben auch so toll dirigieren kann, dass er sich mit alten baskischen Instrumenten auseinandersetzt, mit Giora Feidman unterwegs ist und richtig improvisieren kann. Richtig in mein Leben ist er aber erst wieder getreten, als wir, Quadro Nuevo, 2012 mit ihm und der NDR Philharmonie ein Projekt hatten, das er dirigiert und arrangiert hat.

Was war jetzt das Besondere an der Zusammen­arbeit mit dem Münchner Rundfunkorchester?


Ich war erstaunt, wie gut es geklappt hat. Man weiß ja vorher nicht, wie die Motivation ist, wie der Swing klappt. Aber für mich ist es perfekt: Ich wollte ja gar keine moderne Jazz-Bigband haben, sondern den Charme der deutschen Studio- und Tanzorchester der Fünfzigerjahre aufleben lassen. Die hatten auch nicht den Swing eines Count Basie, aber einen Sound mit einer eigenen Berechtigung. Und das können diese Musiker vom Rundfunkorchester, da stehen sie auch in einer gewissen Tradition.

Kann man sagen, dass »Mocca Swing« fast so etwas wie eine Werkschau des Mulo Francel geworden ist?


Schon, aber nicht rückblickend. Ich habe ausgefiltert, was für mich die wichtigsten Stücke sind. Und im Quartett bin ich natürlich ganz offen gewesen. Da sind zwei Stücke von Sven Faller dabei, zwei von David Gazarov. Aber es stimmt, es ist eine Art Bestandsaufnahme. Und ich freue mich sehr, das jetzt auch live zu spielen, denn mit dem Quartett zu spielen ist immer kreativ, da bin ich auch gefordert. Es gibt ja diesen Effekt, wenn man etwas sehr lange spielt wie etwa unser Tango-Programm mit Quadro ­Nuevo: Man improvisiert immer noch, ist aber in Gefahr, sich in die erprobten Muster reinzusetzen. Hier werde ich jeden Abend neu gefordert sein.

Oliver Hochkeppel

 

Mocca Swing. Mulo Francel & Friends, Münchner Rundfunkorchester.

15. November, 19.30 Uhr, Prinzregententheater.

Karten: MünchenTicket.

 

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