Die Hauptdarsteller der »Lustigen Witwe« während der Proben im Juli 2017:  Daniel Prohaska (Graf Danilo Danilowitsch), Camille Schnoor (Hanna Glawari),  Alexandra ­Reinprecht (Hanna Glawari) und Christoph Filler (Graf Danilo Danilowitsch) (c) Christian POGO Zach

Wieder am Platz!

Wenn das Gärtnerplatztheater am 14. und 15. Oktober mit der ­Eröffnungsgala »Es ist so weit!« seine ­Wiedereröffnung feiert, dann kommen nach fünf Jahren Bauzeit ­Musik, Wort und Tanz in eines der schönsten Opernhäuser Deutschlands zurück. Die neue Spielzeit startet Staatsintendant Josef E. Köpplinger am 19. Oktober mit der Operette »Die lustige Witwe«.

APPLAUS: Sie mussten fünf Jahre auf die Wiedereröffnung warten. Gab es Momente, in denen Sie verzweifelten?

JOSEF E. KÖPPLINGER: Als die Nachricht kam, dass sich die Wiedereröffnung noch einmal um ein Jahr verschiebt – das war schon Wahnsinn. Wir hatten die ganze Saison geplant, Spitzensänger gebucht. Zweimal war ich so weit, dass ich dachte: Ich hör auf. Andererseits habe ich unglaubliche Glücksmomente erlebt. Die Zuschauer sind uns an alle Spielorte gefolgt. Und so schwierig diese Zeit war, ich glaube, wir haben durch sie neue Zuschauergruppen gewonnen.

Ihr Spielplan knüpft an die erstaunlich erfolgreichen Wanderjahre an: Donizettis »Maria Stuarda« steht neben einer bayerischen »My fair Lady« und dem Dragqueen-Musical »Priscilla«. Es gibt mit »La Strada« ein Fellini- sowie ein »Pumuckl«-Ballett von Wittenbrink. Sie sind überzeugt, dass Ihr Konzept auch im Stammhaus aufgeht?

Wir hatten in der letzten Spielzeit fast 90 Prozent Auslastung und haben derzeit einen Zuwachs an Abonnenten um 70 Prozent. Das ist ein Vertrauensbeweis, der mich wahnsinnig freut. Das Gärtnerplatztheater ist eines der schönsten Opernhäuser Europas, und es ist die künstlerische Vielfalt, die es auszeichnet. Kunst und Unterhaltung sind für mich keine Gegensätze. Wir haben großartige Künstler wie Dagmar Hellberg und Daniel Prohaska und tolle junge Talente wie Maximilian Mayer oder Christoph Filler. Ich betone immer: Wir sind ein Staatsopernhaus. Das bedeutet, wir müssen alle Genres auf gleichermaßen hohem Niveau präsentieren. Da darf es keine Ausreden geben. Ich nehme jedes Genre ernst.

Als Eröffnungspremiere inszenieren Sie »Die lustige Witwe«, die ja Hitlers Lieblingsoperette war. Was hat Sie daran vor allem gereizt?

Ich will zeigen, dass diese tolle Operette es nicht verdient hat, zu einem lieben Spaß verharmlost zu werden. In ihr steckt viel Zeitkritik, eine politische Dimension, die wir hervorheben, doch ich möchte nicht zu viel verraten. Sie ist frech und frivol. Wir verdoppeln die Travestie: Wir haben einen weiblichen Njegus, die großartige Sigrid Hauser. Niemand kann einen Kerl spielen wie sie. Die Ehefrauen bei Léhar flirten herum und gehen fremd, die Ehe ist so porös wie die Monarchie. Als Nebenbuhler Danilos tritt der Tod persönlich auf, den Adam Cooper verkörpert, der ehemalige Solist der Royal Ballet Company und Billy Elliot-Star. Natürlich geht es in der Lustigen Witwe um die beiden Grundthemen des Lebens und der Operette: Eros und Thanatos. Wir vergessen es gern, aber wir sind alle sterblich, der Tod tanzt immer mit. Für mich bewegt sich die Wiener Operette immer zwischen Wurstelprater und Kapuzinergruft. In jedem süßen Walzer schwingt die Vergänglichkeit mit.

Sie verlegen »Die lustige Witwe« ins Jahr des Kriegsbeginns 1914.

1905 brodelte es ja schon gewaltig, bei uns ist die Katastrophe herangerückt. Meine Großtante, die mich wahnsinnig geprägt hat, war in der Uraufführung. Jeder wusste, dass mit Pontevedro Montenegro gemeint war. Da sind die Linksintellektuellen so selbstverständlich reingegangen wie das Proletariat, das Bürgertum und die Altaristokratie, Menschen wie meine Großtante, die noch so schöne Sätze sagte wie: »Jetzt gib er mir eine Zigarette.« Diese Selbstverständlichkeit, diese Kultur wurde durch den Nationalsozialismus kaputt geschlagen. Was dann in den 1950er-Jahren mit der Operette passierte, war eine Verharmlosung, die Grablegung eines Genres.

Lange galt die Operette als Ömchen-Genre …

Sehr zu Unrecht! Was ist die Operette? Die Schwesternschaft von Logik und Unlogik? Ist sie Kitsch? Ich war 24, als ich in Regensburg meine erste Operette inszenierte. Man gab mir einen Bearbeitungstext von Das Land des Lächelns, den ich völlig idiotisch fand. Dann las ich das Originalskript und dachte plötzlich: Das ist ja fast wie bei Schnitzler! Damals begriff ich, dass im sogenannten Kitsch Ernsthaftigkeit zu finden ist. Weil in ihm etwas zutiefst Menschliches steckt. Die Seligkeit einer großen Verliebtheit, das Gefühl, sterben zu müssen, wenn wir verlassen werden – ist das kitschig?

Kitsch ist für Sie kein Schimpfwort?

Nein, ich bin ein Gefühlsmensch. Manche Menschen verweigern sich ihm völlig, verbieten es sich, sich davon berühren zu lassen. Das sind die Unrettbaren. Oft sind es Menschen, deren Wünsche sich nicht erfüllt haben, die halt Pech hatten im Leben. Darum halten sie warme Gefühle, Schönheit für Lüge. Wenn sie einen Rosenregen auf der Bühne sehen, rufen sie: Bäh, Kitsch! Nein. Ein Rosenregen auf der Bühne ist schön!

Der neue Boom der Operette ist eng mit Ihrem Namen verbunden. Woher kommt die wiedererwachte Lust an dem Genre?

Ich glaube, dafür war ein bisserl Mut nötig, Mut, sich dem Kitsch ohne Berührungsängste anzunähern. Ich nehme die Figuren ernst, auch wenn sie unernst auftreten. Wenn man Spaß und Ernsthaftigkeit verbindet, dann funktioniert es. Im Weißen Rößl, in dem ich die Persiflage sehr weit getrieben habe, waren im Publikum viele begeisterte junge Leute, ebenso wie in Kálmáns Faschingsfee und in Viktoria und ihr Husar. Ich habe auch Paul Abrahams Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat ernst genommen, dessen Schicksal nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mich tief erschüttert hat. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte sehe ich als eine der Aufgaben unseres Hauses an, das ja selbst eine dunkle Vergangenheit hat.

Mit Peter Konwitschny, der »Den tapferen Soldaten« inszeniert, haben Sie auch einen Regisseur engagiert, der garantiert kein werktreues Wohlfühltheater bietet.

Ich bewundere seine Arbeit und wollte ihn unbedingt nach München holen. Oscar Straus ist ein völlig unterschätzter Komponist und Shaws Parodie auf nationalistisches Heldenpathos hat angesichts des Rechtsdralls in Europa neue Aktualität. Kunstideologische Scheuklappen sind mir fremd. Martin Kušejs Rusalka war für mich eine der besten Operninszenierungen der letzten Jahre. Aber eine historische Inszenierung kann genauso spannend sein. Entscheidend ist nicht, ob ein Regisseur einen Stoff werktreu aufbereitet. Doch er sollte Achtung vor dem Werk haben und die Geschichte, die er erzählt, muss in sich stimmig sein und die Zuschauer packen.

Früher war das Publikum von einer Oper wie »Maria Stuarda« und einem Discohit-Musical wie »Priscilla« in Lager getrennt. Ist das heute ganz anders?

Oh ja, das haben wir in den letzten Jahren gesehen. Vielleicht bin ich ein wenig verrückt, aber ich möchte wirklich alle erreichen. Ich möchte eine echte Volksoper für alle Schichten und Altersgruppen schaffen, in der man eine erstklassige Donizetti–Oper, ein Spitzenballett, eine wunderbare Operette und ein tolles Disco-Musical erleben kann. Einen Ort, an dem man sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzt, aber auch einen Abend lang einfach nur glücklich sein kann, ein bisserl weniger erwachsen sein darf. Wer von uns sehnt sich denn nicht manchmal danach? Anders ist die Wirklichkeit doch gar nicht zu ertragen.

Petra Hallmayer

 

Wieder am Platz. Tag des offenen Zuschauerraums. 8. Oktober, ab 14 Uhr. Eintritt frei.

Die lustige Witwe. Premiere am 19. Oktober, 19.30 Uhr.

Weitere Vorstellungen am 21., 24. und 25. Oktober, 19.30 Uhr, und 22. Oktober, 18 Uhr, Staatstheater am Gärtnerplatz.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 60 und unter gaertnerplatztheater.de.

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