Komponist Jörg Widmann (c) Marco Borggreve

Mozart und Widmann

Er spielt ebenso virtuos wie hochmusikalisch das Ende des 18. Jahrhunderts gerade erst technisch ausgereifte Instrument, welches der späte Mozart über alles liebte – die Klarinette: Jörg Widmann ist bei der Mozartwoche in Salzburg als Kammermusiker, Komponist und ­Dirigent zu erleben. Zweites Zentrum des ersten Programms der neuen Intendantin Maren Hofmeister ist »Die Entführung aus dem Serail« unter René Jacobs in der Regie von Andrea Moses.

Lange ließ er sich Zeit damit, vielleicht auch ein wenig aus Aberglauben, denn die berühmten Klarinettenquintette waren fast immer Spät- oder gar letzte Werke großer Komponisten, so bei Mozart, Brahms oder Reger. »Meine Demut und Bewunderung angesichts dieser Meisterwerke brachte mich 2009 zu einem vorläufigen Scheitern des Lebensprojekts Klarinettenquintett«, weiß Widmann heute. »Die Musik­geschichte, die mir sonst Lust bereitet, darauf aufbauend Neues, Anderes zu erfinden, wurde mir plötzlich zur Last. Ich war dieser magischen Gattung offenkundig noch nicht gewachsen. 2017 griff ich den Plan wieder auf. Ich spürte sofort, dass sich das Warten gelohnt hatte, die Musik strömte nur so aus mir heraus.«

Das Quintett ist ein einziges etwa 40-minütiges Adagio. Bis auf wenige Ausbrüche spielt es sich in einer Welt zwischen Statik und Fluss ab, immer wieder verlöscht die Musik fast ganz, um dann in noch tieferen oder höheren Sphären zu singen, zu schweben, wie Widmann erklärt: »Gesang, Schweben, Liebe: In kaum einem anderen Stück habe ich mich diesen Topoi so hemmungslos gewidmet wie in meinem Klarinettenquintett.« Der gebürtige Münchner hat es im April 2017 in Madrid mit dem Salzburger Hagen-Quartett uraufgeführt und macht nun auf Europa-Tournee Station in der Mozart-Stadt, natürlich gekoppelt mit Wolfgang Amadés A-Dur-Quintett. Im Konzert der Wiener Philharmoniker spielt Widmann Mozarts Klarinettenkonzert, bei der Camerata Salzburg fungiert er als Dirigent – unter anderem mit seiner Konzertouvertüre Con Brio und 180 beats per minute – sowie als Solist in Webers Klarinetten-­Concertino. Das Schumann Quartett rahmt Werke Mozarts um eine Auswahl aus Widmanns 24 Duos für Geige und Cello. Künstlergespräch und Film runden den Widmann/Mozart-Schwerpunkt ab.

Auch René Jacobs hat erst alle anderen großen ­Mozart-Opern zwischen Idomeneo und Zauberflöte aufgeführt und aufgenommen, bevor er 2015 Die Entführung aus dem Serail für Harmona Mundi einspielte und dem sonst oftmals in Bühnen-Aufführungen nicht sehr gelungenen Mix aus Musik und gesprochenen Dialogen einen wunderbar lebendigen Drive gab, bei dem das in den Übergängen eifrig mitmischende Hammerklavier für Witz und musikalischen Zusammenhang sorgte. Nun dirigiert Jacobs erstmals eine Bühnenproduktion. Wie auf CD sind Robin Johannsen als Konstanze und Julian ­Prégar­dien als Pedrillo dabei. Der vielseitige lyrische Tenor zwischen Monteverdi, Bach und Händel auf der einen, Mozart, Schubert und zeitgenössischer Musik auf der anderen Seite meistert als faszinierender Liedinterpret auch die Herausforderungen des reinen Sprechens mit derselben klaren Diktion und einem ähnlich schönen Timbre wie beim Singen. Hochkarätig ist aber auch die übrige Besetzung: Nikola Hillebrand als selbst­bewusste Blonde, die dem derben, frauenverach­tenden Osmin in Gestalt von David Steffens in jeder Hinsicht Paroli ­bieten wird. Sebastian Kohlhepp hat soeben in Stuttgart mit großem Erfolg den Jason in der Medea des Mozart-Zeitgenossen Cherubini verkörpert und dürfte den im Lauf der Oper immer virtuoseren Arien des Belmonte ähnlich gewachsen sein wie den Tenorarien in Bachs Johannes-Passion, die er unter Jacobs erst kürz­lich eingespielt hat. Für die Sprechrolle des ebenso autoritären wie am Ende »ganz verteufelt ­humanen« Bassa Selim – so Goethe über seine Iphigenie – konnte der renommierte Theater- und Filmschauspieler Peter Lohmeyer gewonnen werden.

Wie in jedem Januar ist ein breites Spektrum an ­Pianisten zu erleben: Die Altmeister András Schiff mit Bach- und Mozart-Konzerten und Daniel Barenboim in einem Klavierabend, der unter anderem Werke von Claude Debussy enthält. Der junge Kit Armstrong ist in Fassungen mit Streichquartett statt Orchester von Konzerten Mozarts und Carl Philipp Emanuel Bachs zu hören. David Fray spielt erstmals bei der Mozartwoche Mozart und Bachs c-Moll-Partita. Daneben widmet sich der großartige Piotr Anderszewski dem letzten Klavierkonzert Wolfgang Amadés; Robert Levin und Florian Birsak spielen auf Mozarts Walter-Flügel.

Neben den Wiener Philharmoniker in drei Konzerten mit jungen Dirigenten wie Robin Ticciati und Alain Altinoglou sowie Valery Gergiev treten drei Originalklang-Ensembles auf: die Akademie für Alte Musik mit der Entführung und deren Bläser am Vor­abend von Mozarts Geburtstag mit Harmoniemusi­ken aus diesem Singspiel. Die English Baroque ­Soloists spielen unter John Eliot Gardiner in einem reinen Mozart-Programm unter anderem die ­Sinfonia ­Concertante (Solisten: ­Isabelle Faust und Antoine ­Tamestit). Wie auch im Programm der Cappella ­Andrea Barca wird im Konzert des B’Rock Orchestra aus Gent einmal mehr Johann Sebastian Bach Werken Mozarts gegenübergestellt.                              

Autor: Klaus Kalchschmid

 

Mozartwoche 2018.

26. Januar bis 4. Februar,

Mozarteum Salzburg, Großes Festspielhaus, Haus für Mozart und Mozart-Wohnhaus in Salzburg.

Karten unter www.mozarteum.at

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