Ensemble in »Kairos«, Ballett in Zürich (c) Judith Schlosser

Neue Sichtweisen und moderne Klassiker

Die BallettFestwoche 2018 beginnt mit »Portrait Wayne McGregor«, der ersten zeitgenössischen Premiere unter Igor Zelenskys Leitung. Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts und seine Compagnie freuen sich, dass der angesagte Brite für sie ein neues Stück kreiert und weitere zwei auf sie überträgt. Drei Meisterwerke von John Cranko, John Neumeiers »Ein Sommernachtstraum«, die jüngsten Premieren »Anna Karenina«, »Alice im Wunderland« und »Spartacus« sowie eine Matinee ergänzen das Programm

ERÖFFNUNGSPREMIERE: »Portrait Wayne McGregor«

Der 1970 geborene Wayne McGregor, als Experimenteur unter den britischen Choreografen gefeiert, gründete bereits 1992 die Company Random Dance, die er bald zu einer ästhetischen Forschungsstation entwickelte. Denn von John Travolta inspiriert, studierte er nicht nur Choreografie, sondern auch Semiotik. In seinem berühmten »Studio Wayne McGregor« entstanden in einem Netzwerk von Autoren, Komponisten, Programmierern und anderen Kreativen interdisziplinär schon über 30 Werke, die sich im Tanz mit Themen aus den Geisteswissenschaften, der Genetik, Robotik und Kognitionslehre beschäftigen. 2006 wurde er als erster Tänzer mit moderner Basis und erster aus der freien Szene zum Hauschoreografen an Londons Royal Ballet. Parallel dazu schuf er ein vielfältiges Œuvre für die großen Compagnien der Welt, war aber auch in anderen Sparten tätig, beispielsweise als Movement Director für den Film Harry Potter und der Feuerkelch. Nun gibt der vielfach ausgezeichnete Künstler sein Hausdebüt an Münchens Nationaltheater.

Der dreiteilige Abend beginnt mit dem 2014 am Ballett Zürich entstandenen Kairos. Dieses griechische Wort – übrigens endbetont – bezeichnet den richtigen Augenblick, den entscheidenden Moment und die darin enthaltene, spezifisch gegenwärtige Zeiterfahrung. Oder einfach nur das Wetter. In Max Richters Bearbeitung von Vivaldis Die vier Jahreszeiten verschmelzen beide Kontexte. Hinter gestreiftem Paravent werden, stroboskopisch fragmentiert, Tanzende wahrnehmbar. Ein Pas de deux lässt ausdrucksstark den Gehalt der Musik erkennen. Dann hebt sich der Schleier, und zeichenhaft macht eine Solistin im Einklang mit der Musik deutlich, wozu der »rechte Augenblick« gekommen ist. Fünf Tänzerinnen erinnern mit schnellem Unisono vor einer Wand an William Forsythe. Doch bei McGregor steht dieses Quintett in neuem Kontext, bedeutet also etwas anderes. Nach einem männlichen Quintett kommen im Vivace die fünf Frauen wieder. Ein Licht von oben, ein Schattenstreifen. Ein Pas de deux deutet die Suche einer Zeit oder Beziehung an. Sukzessive färben Lichtbahnen den Bühnenboden weiß. In diesem verkürzt dargestellten Verlauf (Bühnenbild: Idris Khan, Beleuchtung: Lucy Carter) dehnt McGregors Choreografie den Körper als Augenblick und setzt scharf synchronisierte Sequenzen gegen ins Chaos tendierende Bewegungsbilder.

Borderlands für zwölf klassische Tänzer/-innen hatte 2013 am San Francisco Ballet Premiere. Davon inspiriert, wie die farbkräftigen geometrischen Bilder des Bauhaus-Künstlers Josef Albers mit unserer Wahrnehmung spielen, richtete McGregor sein Interesse darauf, wie die Einwirkung unterschiedlicher Farbfelder und Licht-Intensitäten physisch umzusetzen ist. Es beginnt mit einem geometrisch geprägten Pas de deux zu einem elektronischen Sound. Das Licht ändert mehrmals seine Farbe, wird mild oder pulsiert grell, spannende Counterbalancen wechseln mit langen Hebungen, zeitlupenartig oder temporeich. Auch die Formationen der Tanzenden lösen sich ab. In einem weiteren Pas de deux zu ruhigen Klaviertönen verweist der große Gestus wie in einer Versuchsanordnung auf McGregors Interesse an Zeichen und deren Bedeutung. Lichtzonen streifen von einer Seite zur anderen oder breiten sich von der Mitte der Bühne zu deren Rändern aus, und im Grenzbereich des Lichts wechselt die Bewegungsqualität. So entsteht durch das Zusammenspiel von Beleuchtung (Lucy Carter), Musik (Paul Stoney, Joel Cadbury) und vor allem Tanz auch in diesem Ballett ein virtuoses Spiel mit der Wahrnehmung.

Als Mittelteil kreiert Wayne McGregor mit den Tänzern des Bayerischen Staatsballetts ein neues Stück zu Musik der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Ihr Circle Map ist eine sphärisch verträumte wie auch physisch konkrete Komposition, die auf Gedichten des Sufi-Mystikers Rumi basiert. Ziel ist dabei auch, dass McGregor das kreative Potenzial der Tänzer herausfordert und sie für ihre weitere Laufbahn inspiriert, dass aber auch das Publikum durch das Erlebnis dieses Choreografen, der sich auch als Kreativitätslehrer versteht, neue Sichtweisen gewinnt.

CRANKO UND NEUMEIER: choreografische Hausgötter

John Cranko sicherte Deutschland mit seinem Ballettwunder in Stuttgart auf der Weltkarte des Balletts, wo es bis dahin ein weißer Fleck war, nachhaltig seinen illustren Platz. Vor 50 Jahren wurde er parallel zu Stuttgart auch in München de facto Leiter des Balletts. Deshalb feierte das Bayerische Staatsballett ihn im Februar in einem CrankoFest mit der Aufführung drei seiner Werke, die hier unverzichtbar sind. Die BallettFestwoche 2018 vergegenwärtigt sie noch einmal: Der Widerspenstigen Zähmung, nach sieben Jahren zu Beginn der aktuellen Spielzeit wieder aufgenommen, zeigt einen Cranko, der schon 1969 die Überwindung der patriarchal behaupteten Unterlegenheit des weiblichen Geschlechts großzügig voraussetzte und so den Zuschauern ermöglichte, ihr Vergnügen an dieser einzigartigen Ballettkomödie, zu der Kurt-Heinz Stolze die Musik nach Domenico Scarlatti beitrug, noch heute unbefangen zu genießen.

Auch Romeo und Julia entfaltet im Handlungsballett John Crankos seine Wirkung als Tragödie einer großen Liebe von Kindern bürgerkriegsähnlich verfeindeter Familien zeitloser und, auch Dank der Musik von Sergej Prokofjew, stärker als Shakespeares Original im Schauspiel. Crankos Onegin zu einem glänzenden Arrangement von Tschaikowsky-Kompositionen durch Kurt-Heinz Stolze bezeugt, dass der Choreograf ein literarisches Werk wie Puschkins Versroman in wenigen Szenen so genial zur Anschauung bringt, dass man nichts vermisst und manches im Wortlaut zu sehen glaubt. Seine von Liebe zum Leben und Humor durchglühten Stücke boten begehrte Rollen, die höchste technische und darstellerische Anforderungen stellen. Damit lockte er internationale Tänzer, die ihrerseits die Ballettkunst weiterbrachten. Zu ihnen gehörte auch John Neumeier, von dem das Bayerische Staatsballett vier Stücke zu den Säulen seines Repertoires zählt. In seiner zauberhaften Adaption von Shakespeares Ein Sommernachtstraum verwandelte er dessen Kaleidoskop irrationaler Anwandlungen von Liebe in ein Tanzdrama, das Hippolyta in ihrem Kampf mit Theseus um eine Liebe auf Augenhöhe begleitet, und wählte für die Ebenen des Mythos, der Elfen und der Handwerker jeweils eigene Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, György Ligeti und Drehorgelmusik aus dem 19. Jahrhundert.

WHEELDON, GRIGOROVICH, SPUCK: Igor Zelenskys bisherige Premieren

Christopher Wheeldon realisierte 2011 am Royal Ballet Lewis Carrols Alice im Wunderland als eigenständiges Kunstwerk zu den raffiniert kombinierten Klangwelten von Joby Talbot in bunten Bühnenbildern und Kostümen von Bob Crowley. Seit einem Jahr ist sein märchenhaftes Spektakel nun auch in München ein Hit. Darauf folgt mit Spartacus von Yuri Grigorovich der Klassiker des sowjetischen Balletts, in dem rund 70 Tänzer/-innen mit geballter Energie und hoher Virtuosität der Solisten zur Musik des armenisch-stämmigen Komponisten Aram Chatschaturjan die Geschichte vom Sklavenaufstand in Rom erzählen. Der subtileren Tradition John Crankos folgend schuf Christian Spuck mit Anna Karenina 2015 in Zürich aus Lev Tolstois großem Roman ein Ballett, das mehrere führende Companien übernahmen. Seine kluge Auswahl überwiegend russischer Musik evoziert die tragische Handlung dieser Ehebruchsgeschichte und ein Tanz-Ereignis, das am Ende der BallettFestwoche 2018 einen weiteren grandiosen Stoff leidenschaftlich präsentiert.

Eine Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung gehört traditionell dazu. In ihrem Rahmen zeigt das Bayerische Jugendballett München mit Petite Corde eine humorvolle Hommage von Marek Svobodník an Jiri Kylián. Mit Aszure Bartons Nonett folgt eine weitere Uraufführung, die zu R.R. Perrys Music for Breath and Heart feinfühlig mit Strukturen spielt. Und Ralf Jaroschinskis Intuition Blast passt als scherzhafte Karikatur zweier Bürohengste zu Schwanensee-Musik perfekt in den April. Die Ballett-Akademie ergänzt das Programm mit der Kinder-Mazurka aus Raymonda und dem groß besetzten Against von David Russo.

Autor: Karl-Peter Fürst

 

BallettFestwoche 2018.

14.-22. April, Nationaltheater.

 

Karten: Tel. (089) 21 85 19 20 und unter staatsoper.de/staatsballett.

Spektrum

Das Minguet Quartett (c) Frank Rossbach

Ickinger Frühling

Italienische Reise
Weiterlesen ...

Kinder

Meister Eder Ferdinand Dörfler (Mitte) und seine Pumuckl (Christian Schleinzer, Benjamin Oeser) (c) Christian Pogo Zach

Gesungener Schabernack

Pumuckl-Musical
Weiterlesen ...

Klassik

Juan Diego Flórez weiß sich nicht nur im Konzertsaal in Szene zu setzen (c) Decca/ Simon Fowler

Belcanto Principe

Der weltbekannte Tenor Juan Diego Flórez gastiert er an der Bayerischen Staatsoper
Weiterlesen ...

Film

Marie Bäumer spielt die Schauspiellegende Romy Schneider © Peter Hartwig/ Rohfilm Factory/ Prokino

3 Tage in Quiberon

Berührendes Porträt über die Ikone Romy Schneider kurz vor ihrem Tod
Weiterlesen ...

Theater

Schauspieler David Tobias Schneider als junger Agent (c) Hagen Schnauss

Der Fall Patricia Highsmith

Spannendes Krimitheater von Joanna Murray-Smith
Weiterlesen ...

Tanz

Probenarbeiten zu »Movin' Faust« (c) Marie-Laure Briane

Faust bewegt

Ein lyrisches Konzert mit Tanzelementen von Karl Alfred Schreiner
Weiterlesen ...

Jazz etc.

Django Bates, Anouar Brahem, Jack DeJohnette und Dave Holland bilden ein virtuoses Quartett (c) Bart Babinski/ ECM Records,

Am Anfang steht das leere Blatt

Der tunesische Oud-Virtuose Anouar Brahem stellt sein neues Album »Blue Maqams« vor
Weiterlesen ...

Vorschau

Moriskentänzer, »Zauberer«, 1480 (c) Münchner Stadtmuseum, G. Adler, E. Jank Eum

Kunst

500. Todestag des Künstlers Ersamus Grasser
Weiterlesen ...

Kabarett

Stacyian Jackson und Stephanie van Batum in »don’t worry be Yoncé XS Edition« © Julia Willms

Theaterfrühling

»Radikal Jung« im Volkstheater
Weiterlesen ...

Gastro

Austausch unter Weinliebhabern (c) Deutsches Weininstitut (DWI)

Weinmesse: WeinTour 2018

Weiterlesen ...

Literatur

Heinrich Steinfest (c) Burkhard Riegels

Heinrich Steinfest

Die bügelnde Frau und das Meer
Weiterlesen ...

Kunst

Fassade der Villa Stuck (c) Nikolaus Steglich

Im Zeichen der Amazone

Als Kunstmuseum feiert die Villa Stuck in diesem Frühjahr ihr 50-jähriges Jubiläum
Weiterlesen ...

Aktuelles

Zum Seitenanfang