»Hl. Petrus«, wohl 1490 (c) Katholische Pfarrkirchenstiftung St. Peter; Foto: Walter Bayer

Auf dem Tanzfuß

Seine Moriskentänzer kennt jeder in München. Über sein sonstiges Werk und über das Leben Erasmus Grassers wissen hingegen nur die Kunsthistoriker genauer Bescheid. Damit dies nicht so bleibt, widmet das Bayerische Nationalmuseum in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Freising dem Künstler (um 1450-1518) aus Anlass seines 500. Todestages eine umfangreiche Einzelausstellung.

Etwas zurückgesetzt vom Marienplatz in Richtung zum Isartor steht das Alte Rathaus. In seiner Beletage befindet sich der Tanzsaal. In ihm begegneten sich im 15. Jahrhundert die bürgerliche und die höfische Welt. Zur Ausschmückung dieses Festsaals erhielt vor 1480 der Bildhauer Erasmus Grasser vom Rat der Stadt München einen Großauftrag. Mindestens zehn Figuren galt es zu schnitzen, die, auf Podesten in fünf Metern Höhe am Ansatz der Gewölbegrate stehend, den Tanzsaal umgaben. Es war zu einer Zeit, als vor allem die Kirche als Auftraggeber von Bildwerken und Figuren in Erscheinung trat, ein bedeutsames Unterfangen aus dem und für den profanen Bereich. Der Auftrag zeigte, dass sich das städtische Bürgertum neben dem Herzog als weiterer Auftraggeber emanzipierte. Für den jungen Meister, der aus der Oberpfalz nach Lehr- und Wanderjahren, in denen ihn vor allem Werke Nikolaus Gerhaerts von Leyden prägten, nach München gekommen war, bedeutete die erfolgreiche Ablieferung der Figuren einen hohen Prestigegewinn, forderten die Tänzer doch sein ganzes künstlerisches Können. Es handelt sich um Vollfiguren, eingefroren in einer Tanzbewegung, in der sich Arme undBeine in unabhängiger Bewegung voneinander befinden und der Torso durch Drehung zur Dynamik beiträgt. Zudem hatte der Bildhauer die Untersicht zu berücksichtigen, wegen der Finger und Hände gelängt sowie die Köpfe vergrößert werden mussten. Die Kleidung unterstützt dabei den Bewegungsdrang der Lindenholz-Figuren, von denen sich zehn bis in unsere Zeit erhalten haben. Der Moriskentanz hat seinen Namen nach christianisierten Mauren erhalten, die vor allem in Spanien lebten. Von dort gelangte er im 14. Jahrhundert über Burgund nach Süddeutschland, wo er eine Zeit lang als beliebtes Tanzspiel sehr in Mode war. Die Tänzer vollführten Sprung- und Hüpfbewegungen, die auf eine Frau, um die sie sich herumbewegen, bezogen waren. Der fantasievollste »Antänzer« erhielt von der Frau einen symbolischen Preis in Form eines Apfels oder Ringes.

Sakrale Kunstwerke

Über Erasmus Grassers Aktivitäten als junger Meister im Profanbereich – beim Schnitzen der Moriskentänzer war er rund 30 Jahre alt – sind wir durch erhaltene Urkunden zumindest teilweise recht gut unterrichtet. Die überwiegende Mehrheit seiner Arbeiten ist aber dem kirchlichen Bereich zuzuordnen. Allerdings sind ihm nur wenige durch Urkunden direkt zuschreibbar. Viele sakrale Kunstwerke müssen durch stilgeschichtliche Analysen Erasmus Grasser und seiner Werkstatt zugeordnet werden. Diese kunsthistorische Forschung ist nicht beendet. Das einzige von Grasser eigenhändig signierte und datierte Werk ist das Grabmal für Ulrich Aresinger, den damaligen Pfarrer von St. Peter in München, das der Meister im Jahr 1482 aus Rotmarmor gehauen hat. Für dieselbe Kirche hat Grasser auch die monumentale Petrusfigur des Hochaltars (wohl 1490) geschnitzt. Im Museum wird jetzt dieser Hochaltar, der später im barocken Geschmack verändert wurde, rekonstruiert, wie er zu Grassers Lebzeiten ausgesehen hat. Die spätgotischen Gemälde aus der Hand Jan Polacks und seiner Werkstatt, die sich erhalten haben, werden mit der sitzenden Petrusfigur auf Zeit wiedervereint. Ramersdorf, heute ein Stadtteil Münchens, war zu Grassers Zeit einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Süddeutschlands. Die Kirche beherbergt eine Kreuzreliquie und bis heute auch einen Grasser-Altar, der nach einer kürzlich erfolgten Restaurierung in der Ausstellung zu sehen ist, bevor er in die Pfarrkirche zurückkehren wird. Die Dokumentation der wechselvollen Restaurierungsgeschichte des Heilig-Kreuz-Altars ist ebenfalls Teil der Präsentation. Seinen umfangreichsten Auftrag wickelte Grasser mit seiner Werkstatt ab, als sie das Chorgestühl für die Münchner Frauenkirche schnitzten. Die wertvollen Büsten von Aposteln, Heiligen und Bischöfen sind weitgehend erhalten. 35 von ihnen sind in der Ausstellung zu sehen.

Architekt und Ingenieur

Erasmus Grasser war nicht nur als Bildhauer und Holzschnitzer tätig, er verfügte auch über Expertenwissen in der Architektur und im Wasserbau. Der bayerische Herzog und Kaiser Maximilian nahmen seine Dienste in Anspruch. Der Kaiser beauftragte Grasser mit der Erweiterung der Stadtpfarrkirche im tirolerischen Schwaz. Außerdem plante Grasser das Kloster Mariaberg bei St. Gallen. Für Herzog Albrecht IV. sanierte er die Saline in Bad Reichenhall, die wegen Süßwassereinbrüchen nur noch minderen Gewinn abwarf. Von dem sparsamen und erfolgreichen Wirken des Künstlers und Ingenieurs beim Umbau der Saline war der Herzog so angetan, dass er Grasser eine jährliche Leibrente zusprach und ihn zu einer Art Hofkünstler werden ließ. Mithilfe von zeitgenössischen Gemälden, Papierarbeiten, Musikalien sowie Kostümen stellt die Ausstellung Grassers Wirken in den Zeitkontext um 1500. Ein Jahr nach Luthers Thesenanschlag, der den Anbruch einer ganz anderen Zeit bedeuten sollte, stirbt Erasmus Grasser 1518 in München als einer der reichsten Bürger der Stadt.

Rüdiger Heise

 

Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser

Bis 29. Juli, Di-So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr, Bayerisches Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3.

 

Karten: Tel. (089) 2 11 24 01.

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