Der gebürtige Berliner Jakob Spahn (linkes Bild) ist seit 2011 Solocellist des Bayerischen Staatsorchesters (c) Siemens AG

Klang im Maßanzug

Dolby Surround, 5.1 oder gar 10.1 – neue akustische Formate gibt es viele. Nun erschien mit maßgeblicher Förderung und Unterstützung des Siemens Arts Program ein erstes 3D-Audio-Projekt mit der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters. Dirigent Stephan Frucht und der junge Cellist Jakob Spahn erklären die technischen und musikalischen Aspekte.

Was kann man tun, damit klassische Musik auch junge Menschen erreicht? Eine Frage, die Stephan Frucht, künstlerischer Leiter des Siemens Arts Program, bei seiner Ausarbeitung einer neuartigen Klangkonzeption antreibt. »Reizt man die heutigen technischen und klanglichen Möglichkeiten aus, gibt es viel Neues und Aufregendes zu entdecken«, ist der Musiker überzeugt. »Es kommt natürlich auch auf die Werkwahl an«, fügt er hinzu. Also wurden für die 3D-immersive Blu- Ray, die einen umfassenden, naturgetreuen Raumklang garantiert, das stilistische Grenzen überschreitende Cellokonzert des querständigen Pianisten Friedrich Gulda und die Rokoko-Variationen von Peter Tschaikowsky gewählt. Sie werden hier statt mit großem romantischem Orchester nur von einem solistischen Bläserquintett begleitet.

Frucht erklärt die technischen Neuerungen, die sich auch gravierend auf die Wahrnehmung der Musik auswirken: »Bei Stereo muss irgendwann festgelegt werden, was links und rechts aus dem Kanal kommt. Dolby Surround hat das Klangspektrum horizontal nach vorne und hinten erweitert. 3D-immersive Audio bedeutet, dass noch eine vertikale Achse, also Klang von oben und unten dazukommt.« Der Dirigent zieht einen plastischen Vergleich Möglichkeiten der Mode: »Schon auf der Pure Audio BluRay gibt es quasi den individuell angepassten Anzug von der Stange. Das klingt mit dem Bluray- Spieler und guten Kopfhörern schon viel besser als eine normale CD.« Alles Weitere ist dann der perfekte Maßanzug und hängt von der Anzahl der bis zu 16 Lautsprecher – und der 3D-Fähigkeit von neuen Fernsehern – ab!

Auf der ersten CD/Blu-Ray ist mit voller Absicht kein großes Orchester zu hören, sondern Kammermusik, weil die Klarheit und Dezidiertheit einer kleineren Besetzung am besten den präzisen Raumklang abbilden beziehungsweise von der neuen Technik profitieren kann: »Das Ohr hat nur begrenzte Möglichkeiten für das räumliche Hören, bei einer Mahler-Sinfonie wäre es schon fast überfordert.« Also fiel die Wahl auf Friedrich Guldas Cellokonzert mit 15 Spielern – vornehmlich Bläsern – und auf die Bearbeitung der Rokoko-Variationen von Peter Tschaikowsky für Cello, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn. Besonders gut hört man den aufgefächerten Raumklang bei der kleinsten Besetzung, dem Andante Cantabile aus Tschaikowskys erstem Streichquartett für Geige, Bratsche und zwei Celli: »Da sind wir, was die Aufstellung angeht, dann noch mal richtig ins Extrem gegangen«, erläutert Stephan Frucht.

Das betont auch Jakob Spahn, ARD-Musikwettbewerbs- Preisträger und seit 2011 Solocellist des Staatsorchesters. Dem 35-Jährigen gefällt die Kammermusik-Fassung der Tschaikowsky-Variationen viel besser als jene originale mit großem Orchester, die er natürlich oft im Konzert aufgeführt hat, denn: »Die Kommunikation ist in dieser Bearbeitung viel leichter möglich, schon weil die Bläser so dezidiert ›sprechend‹ artikulieren. « Streicher bilden da oft einen etwas diffusen Klangteppich. Aber weil die Rokoko-Variationen so virtuos, oft motivisch kleinteilig sind, »kann man jetzt besser aufeinander hören, schneller reagieren, die Bälle sicherer hin und her spielen.« Spahn lässt sich von den Bläsern, die im Halbkreis um ihn herum sitzen, inspirieren und spielt daher selbst deutlicher artikuliert. Er ist begeistert: »Als ich das Ergebnis erstmals in 3D hörte – die Klarinette von da, die Flöte von da, ich mit dem Cello mittendrin –, war ich echt überwältigt.« Spahn hat auch beim Schnitt mitgearbeitet, bei dem zuerst eine Stereound dann die 3D-Version abgemischt wurde.

Ganz anders klingt das Gulda-Konzert, in dem viel populäre Musik mit hereinspielt und kaum mehr als klassische Musik zu verstehen ist. Spahn war dabei wichtig, die burlesken Elemente nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern betont ernsthaft und kultiviert an die Sache zu gehen: »Das ›Alpenglühn‹ des langsamen zweiten Satzes wollte ich so schön spielen wie möglich, also ohne Kitsch, aber mit feiner Romantik; genauso das Menuett. Und die Kadenz in der Kadenz hat mir auch großen Spaß gemacht, denn da hat man noch mal eine schöne Freiheit, etwa im vorgeschriebenen ›Flageolett‹ zu improvisieren.«

Weil dieses Thema so breite Wogen geschlagen hat, wird Jakob Spahn Auszüge der Produktion im September auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten in Berlin präsentieren.

Klaus Kalchschmid

 

Cello Concerts Tchaikovsky/Gulda Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters, Jakob Spahn (Cello), Stephan Frucht (Ltg.). Hänssler Classic, HC18016.

Informationen: siemens.com/siemensartsprogram

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