Das Antwerp Philharmonic Orchestra beim letztjährigen Night-of-the-Proms-Event (c) Veranstalter

Harmonie der Gegensätze

Seit 25 Jahren verbindet die Night of the Proms erfolgreich Klassik, Pop und Rock zu einem grenzenlosen Multimedia- Spektakel im Großformat. Heuer treffen Bryan Ferry, Tim Bendzko, Milow, die Pointer Sisters und Petrit Çeku auf die wie immer von John Miles angeführte NOTP Backbone Band, den Fine Fleur Chor und das Antwerp Philharmonic Orchestra.

Wenn das Publikum in einer Riesenhalle Walzer tanzt, wenn ein von der Brasilianerin Alexandra Arrieche energisch geleitetes Sinfonieorchester auch zu jeder Pop-Schandtat bereit ist, wenn John Miles wie jedes Jahr seine unwiderstehliche Hymne Music anstimmt, wenn der Moderator Markus Othmer seine Scherze macht, wenn sich festlicher Rahmen mit moderner Bild-, Licht- und Tontechnik mischt, wenn schließlich Popveteranen auf Jungstars und ein grandioses Klassiktalent treffen – dann ist fast schon wieder Weihnachten, soll heißen, dann steht die Night of the Proms in der Münchner Olympiahalle an.

Ein kulturelles Phänomen ist sie in jedem Fall, die seit 1994 auch durch Deutschland ziehende erfolgreichste Festival-Tournee Europas. Die Idee, Klassik, Rock und Pop zu einer großen, breitenwirksamen Show zusammenzuspannen, mag Puristen nicht überzeugen, die Breitband-Musikhörer aber hat man eingefangen: 85 Prozent der Zuschauer kommen wieder. Wie sehr sie von Jahr zu Jahr auf ihre Kosten kommen, steht und fällt natürlich mit der Besetzung. Bei der haben die Produzenten der Show, Jan Verecke und Dirk Hohmeier, in den vergangenen Jahren geschickte Händchen bewiesen und auch eine Verjüngung hinbekommen. Als Hohmeier vor 25 Jahren das von belgischen Studenten nach britischem Vorbild erfundene Spektakel nach Deutschland holte, war das bonbonbunte »Treffen von Klassik und Pop« noch vorzugsweise Anlaufstation alter Pop-Saurier, die sich gegen Ende ihrer Karriere noch einmal im alten Ruhm sonnten. Seit ein paar Jahren aber hat man nicht nur Stars gewonnen, die noch voll im Saft stehen, sondern auch junge Künstler überzeugt, dass die Night of the Proms ein Sprungbrett sein kann.

So ist heuer der erst 33-jährige Singer-Songwriter Tim Bendzko das deutsche Zugpferd. Der ehemalige Theologiestudent und Auto-Auktionator gewann 2009 den Talentwettbewerb der Söhne Mannheims »Söhne gesucht « als Pendant zu Xavier Naidoo. Schon 2011 feierte der Berliner mit dem Chartbreaker Nur noch kurz die Welt retten seinen Durchbruch. Inzwischen auch Juror in mehreren Casting-Shows gehört er nach wie vor zu den führenden Exponenten des boomenden gefühlvollen Pops in deutscher Sprache. Gewissermaßen das belgische Pendant zu Bendzko ist Milow. Der eigentlich Jonathan Vandenbroeck heißende, ebenfalls vorwiegend auf Pop-Balladen abonnierte Sänger kam von 2008 an mit Songs wie Ayo Technology oder You And Me groß heraus.

Der internationale Headliner der in diesem Jahr vom 30. November bis zum 22. Dezember durch die großen deutschen Konzerthallen tourenden NOTP ist freilich noch einmal ein anderes Kaliber, schon wegen seiner jahrzehntelangen Karriere: Bryan Ferry gibt sich die Ehre, jene – 2011 von der Queen zum »Commander of the British Empire« geadelte – britische Stilikone, die in den Siebzigerjahren mit Roxy Music den Artrock mitbegründete. Aber auch solo etablierte sich Ferry mit seinem markanten, zwischen Vibrato und Stakkato changierenden Gesang, mit eigenwilligen Cover-Versionen berühmter Songs von den Dreißigerjahren bis zur Gegenwart und mit eigenen Hits wie Slave To Love als eine der prägenden Gestalten der Popwelt.

Für die nötige Erdung, also die richtige Portion R&B sorgen die Pointer Sisters. Die kalifornischen Schwestern waren in den frühen Achtzigerjahren mit einem Dutzend Hits von Jump bis I’m So Excited die ungekrönten Königinnen des Disco-Soul und sind im Zuge des Soul-Revivals heute gefragter denn je.

Bleibt schließlich noch das Klassik-Talent, das traditionell mit an Bord genommen wird – und unter denen sich in früheren Ausgaben Solisten wie Andrea Bocelli oder David Garrett befanden, die später große Stars wurden. Die Wahl fiel diesmal auf den kosovarischen Gitarristen Petrit Çeku. Der 33-Jährige begann im Alter von sechs Jahren mit dem Gitarrenspiel und sein Talent war beim Studium in Zagreb bereits so auffallend, dass er 2009 in die USA geholt wurde – als Schüler des legendären Manuel Barrueco am Peabody Conservatory in Baltimore, wo er fünf Jahre verbrachte. Seither hat er sich bei den einschlägigen Festivals einen Namen gemacht.

Sie alle dürfen also ihre Songs nun mit dem kompletten sinfonischen Besteck neu aufleben lassen – und an der Seite des unverwüstlichen John Miles, dessen Solo mit Music wie seine Duette mit den Stars zu den unverzichtbaren Ritualen der NOTP gehören. Auf dem Papier stimmt die aktuelle Mischung, nun liegt es an den Produzenten, daraus auch eine mitreißende Show zu machen.

Sie alle dürfen also ihre Songs nun mit dem kompletten sinfonischen Besteck neu aufleben lassen – und an der Seite des unverwüstlichen John Miles, dessen Solo mit Music wie seine Duette mit den Stars zu den unverzichtbaren Ritualen der NOTP gehören. Auf dem Papier stimmt die aktuelle Mischung, nun liegt es an den Produzenten, daraus auch eine mitreißende Show zu machen.

Oliver Hochkeppel 

Night of the Proms. 7. und 8. Dezember, 20 Uhr, 9. Dezember, 15 Uhr, Olympiahalle. Karten: Eventim.de.

 

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