Gerard van Honthorst »Die Kupplerin«, 1625 (c) Centraal Museum, Utrecht/Tom Haartsen 

Im Reich von Licht und Schatten

Dem italienischen Barockmaler Caravaggio und seinen europäischen Einflüssen, die vor allem in den Niederlanden, aber auch in Spanien und Frankreich unmittelbar zu verzeichnen waren, geht die Ausstellung in der Alten Pinakothek nach

Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571-1610), führte ein skandalträchtiges Leben, das Jahrhunderte nach seinem Tod Gegenstand einiger Biografien und im Jahr 1986 eines aufsehenerregenden Films unter der Regie von Derek Jarman wurde. Von den Mutmaßungen aus den Biografien und dem Film konnte die kunsthistorische Forschung bis heute allerdings kaum etwas verifizieren. Auf sicherem Boden im Vergleich dazu steht dagegen die stilkritische Analyse von Caravaggios berühmt gewordener Helldunkelmalerei, die europaweit bereits zu Lebzeiten des Meisters und kurze Zeit nach seinem Tod viele Nachahmer fand, die seine Impulse mit unterschiedlichen Nationalstilen zu verbinden wussten und weiterentwickelten. Die Ausstellung in der Alten Pinakothek nimmt hier besonders intensiv die niederländischen Caravaggisten in den Blick. Darunter versteht die Kunstgeschichte die Utrechter Maler Hendrick ter Brugghen (1588-1629), Gerard van Honthorst (1592-1656) und Dirck van Baburen (um 1592/93-1624). Der Ruf, dass Caravaggio einer ganz neuen, dramatischen Bildauffassung den Weg ebne, war aus Rom bis ins niederländische Utrecht vorgedrungen. Die Faszination, die von den Berichten über Caravaggios Chiaroscuro-Malerei ausging, ließ die drei Maler nach Rom reisen. Die heutige Forschung sieht es als unwahrscheinlich an, dass sie dabei Caravaggio persönlich getroffen haben. Mit von ihm beeinflussten römischen Malern konnten sie sich aber über die Malweise und die Kompositionen Caravaggios austauschen. Und, was die Hauptsache sein dürfte, einige seiner Werke in Kirchen und in den Villen seiner Gönner aus Kardinalskreisen konnten sie im Original sehen und auf sich wirken lassen. Was ließ die Bilder Caravaggios für die Maler aus den Niederlanden so sensationell erscheinen? Da ist zunächst die Lichtführung, gebündelt, kein Streulicht, konzentriert, oft von der Seite auf eine Person, eine Gruppe gelenkt. Die Lichtregie wirkt als ein eigenes Kompositionsmittel. Wer von diesen Lichtbündeln bestrahlt wird, ist wichtig, wer im Schatten sitzt, den sieht man nicht. Sodann die Auswahl des Personals und der Themen: Caravaggio wählt als Modelle Leute von nebenan, aus der Taverne, vom Marktplatz. Bisweilen sehen sie derb aus, auf Schönheit trifft man selten, auf Idealisierung gar nicht. Dieses Personal bevölkert die Bilder mit sakralen Themen und erst recht die profanen Szenerien. Caravaggio und die von ihm beeinflussten Maler verleihen profanen Themen einen nachhaltigen Emanzipationsschub. Sie sind nicht mehr nur Studien, sondern werden zu Bildsujets eigenen Rechts. 

 
Eine europäische Bewegung 
Die Einteilung in sakrale und profane Sujets findet sich auch in der Struktur der Ausstellung in der Alten Pinakothek wieder. Die Sonderausstellungsräume sind in vier Themenfelder gegliedert: Helden, Heilige, Christus und Sünder. Insgesamt zeigt die Schau 75 Werke von Caravaggio und den europäischen Caravaggisten. Eine solche Ausstellung ist nur möglich durch die enge Zusammenarbeit mit Leihgebern aus dem In- und Ausland, seien es andere bedeutende Gemäldegalerien, kirchliche Einrichtungen oder Privatsammlungen. Viele der Leihgaben sind zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Direkt aus den Vatikanischen Museen in Rom kommt die Grablegung Christi vom Meister selbst für eine Stippvisite bis zum 19. Mai nach München. Gemälde von Orazio Gentileschi und Bartolomeo Manfredi, dessen Dornenkrönung Christi für die Ausstellung restauriert wurde, stehen für die italienischen Caravaggisten, Jusepe de Ribera für die spanischen, Valentin de Boulogne und Simon Vouet für die französischen. Fast die Hälfte der gezeigten Bilder stammen von den drei bereits erwähnten niederländischen Caravaggisten. Die Bilder sind in der Blütezeit des europäischen Caravaggismus entstanden, im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. 
 
Weiterentwicklungen und Besonderheiten 
Die Maler aus den Niederlanden greifen die Impulse von Caravaggio in einer produktiven Weise auf und entwickeln sie zu eigenen Personalstilen weiter. Den von Caravaggio der Malerei eingehauchten Realismus radikalisieren sie, sodass jetzt auch das Entstellte und Hässliche zu seinen Bildrechten kommt. Gerard van Honthorst und Hendrick ter Brugghen setzten dann auch künstliche Lichtquellen in ihren Nachtstücken ein, wobei die Kerzen und Fackeln selbst zu Gegenständen im Bild werden. Das Licht wird ganz materiell. Es kommt nicht mehr einfach von oben oder von der Seite aus dem Nichts. Die Hände werden zu dramatischen Bedeutungsträgern und treten mit dem Mienenspiel des Gesichts in Konkurrenz. Die räumliche Nähe zu den Bildern Caravaggios und der anderen europäischen Caravaggisten verdeutlicht den Besuchern die Gemeinsamkeiten, mehr aber noch die Unterschiede zwischen jenen Malern, die sich im 17. Jahrhundert auf Caravaggio bezogen haben. Dass auch der frühe Rembrandt und Georges de La Tour stark vom Caravaggismus beeinflusst wurden, schlägt dann bereits ein anderes Kapitel auf, das sicherlich eine weitere Ausstellung wert wäre.

               Rüdiger Heise

 

Utrecht, Caravaggio und Europa.

Bis 21. Juli, Di, Mi 10-21 Uhr, Do-So 10-18 Uhr,
Alte Pinakothek, Barer Str. 27.
Tel. (089) 23 80 52 16.

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