Auf dem Weg nach Calais: Gyllen (Fionn Whitehead, vorne) und William (Stéphane Bak) © STUDIOCANAL GMBH

Beste Zeit für Freundschaft

Vier Jahre nach »Victoria« inszeniert Sebastian Schipper mit »Roads« ein abenteuerliches Roadmovie.

Ein junger Typ ist allein unterwegs mit seinem Auto und trifft einen anderen Jungen« – die Zusammenfassung von Sebastian Schippers neuem Film Roads liest sich wie aus dem Lehrbuch fürs Drehbuchschreiben. Die Grundidee in einem Satz so formuliert, dass das Kopfkino losgehen kann und man sich einiges vorstellen kann, was da passieren könnte. Bis bei Sebastian Schipper, dem Victoria-Regisseur, tatsächlich aus dieser Idee ein Film wurde, vergingen mehr als zehn Jahre. Eine Zeit, in der Europa anfing, sich stark zu verändern, und sich gesellschaftliche Risse zeigten, die auch die in Nordafrika und Europa angesiedelte Story von Roads prägen. Die beiden interessanten und modernen Protagonisten Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak) stehen stellvertretend für eine neue Zeit und deren immense Aufgaben. Sie erleben dabei als Kumpels eine intensive und ungewöhnliche Freundschaft, mit der sie sich gegen Widerstände behaupten und Herausforderungen annehmen können.

Camper, Fähre, Elektrorad und Motorrad – dieser Film setzt auf Bewegung und Rastlosigkeit. Dabei wird -– ganz typisch für ein Roadmovie – der Weg zum Ziel und man wünscht sich, dass diese beiden Jungs nie ankommen werden. In der ersten Szene jedoch muss erst einmal eine Zwangspause eingelegt werden. Man sieht den Engländer Gyllen mit einem Camper im Dunkeln am Straßenrand in Marokko stehen und verzweifelt Bekannte anrufen, von denen keiner zu erreichen ist. Sein Wohnmobil, das er seinem Stiefvater heimlich entwendet hat, um dem Familienurlaub in Nordafrika zu entkommen, will nicht mehr anspringen. Die Zufallsbekanntschaft mit dem 18-jährigen William wird zu seiner Rettung. Denn der Junge aus dem Kongo, der auf dem Weg nach Europa ist, um seinen nach Frankreich geflüchteten Bruder zu finden, kennt sich mit Autos besser aus und kann zudem auch gut fahren. Die beiden bilden eine Zweckgemeinschaft und werden zu mehr als gemeinsam Reisenden.

Jenseits ihrer persönlichen Ziele, den in der Fremde verloren gegangenen Bruder zu finden oder den leiblichen Vater (Ben Chaplin) bei seiner neuen Familie zu besuchen, spürt man bei beiden eine altersgemäße Abenteuerlust und Verspieltheit, die diesem Film etwas so Sympathisches und Unterhaltsames verleiht. Ihre Unerfahrenheit und vor allem Gyllens Naivität ermöglichen interessante Begegnungen und waghalsige Unternehmungen. Jeder Erwachsene hätte ihn vor dem deutschen Hippie Luttger (Moritz Bleibtreu) gewarnt, den er im Hafen von Tanger anspricht, damit er den Camper auf die Fähre bringt. Ein bisschen seltsam kommt dieser Typ Gyllen zwar schon vor, doch wie sollte er anders das Wohnmobil nach Spanien bekommen? Doch Luttger verfolgt eigene Pläne und so dauert es ein bisschen und erfordert Mut, Erfindungsgeist und Zusammenarbeit, bis die beiden Jungen endlich allein in dem wiedereroberten Camper sitzen und Richtung Frankreich fahren können.

Von Anfang an begegnen sie sich auf Augenhöhe. Nun haben sie viel Zeit, über ihre Sehnsüchte zu sprechen und sich besser kennenzulernen. Ganz nebenbei schleicht sich das Flüchtlingsthema in den Film, wenn sie Migranten am Strand in Spanien treffen, kurzzeitig den Wagen mit Menschen vollpacken und über Schleichwege durch die Pyrenäen nach Frankreich fahren. Das alles riecht noch nach Sommerabenteuer, die harte Wirklichkeit holt sie dann in Calais ein, wo illegale Lagerstätten im Wald von der Polizei geräumt werden und die Menschen in der Kälte von Flüchtlingsorganisationen notdürftig versorgt werden.

Die Wege der beiden werden sich trennen, denn ihre Möglichkeiten, in dieser Welt persönliche Freiheit zu leben, unterscheiden sich sehr. Schipper will in seinem Film keine aktuellen politischen Themen verhandeln, sondern von einer besonderen Zeit im Leben zweier Jungs erzählen, die ihren weiteren Weg beeinflusst. In Calais wird die Thematik Flucht jedoch so bestimmend für William, dass seine Abgeklärtheit, die er schon die ganze Reise an den Tag legte, unglaubwürdiger wirkt. Auf der anderen Seite genießt man es als Zuschauer, dass sich die beiden ohne das Label »Flüchtling« begegnen durften. Zusammen schwingen sich der britische Shootingstar Fionn Whitehead (Dunkirk, Kindeswohl) und der französische Schauspieler und Stand-up-Comedian Stéphane Bak (Die Schüler der Madame Anne, Elle) in schauspielerische Höhen auf und allein für die Dynamik und die Spielfreude, die sie hier zeigen, lohnt sich Roads bereits.

Diemuth Schmidt


Start: 30. Mai. 

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