Wie lässt sich der Hass unter den palästinensischen und israelischen Musikschülern überwinden? Eduard Sporck (Peter Simonischek) mit Layla (Sabrina Amali) und Ron (Daniel Donskoy) © CCC Filmkunst/Oliver Oppitz

Crescendo #makemusicnotwar

Kinostart am 16. Januar.

Junge Musiker aus Palästina und Israel sollen zusammen ein Konzert geben. Hat die Musik die Kraft, trotz der vielen Herausforderungen und Hindernisse, Brücken zwischen den jungen Menschen verschiedener Religionen und verhasster Nationalitäten zu bauen? Crescendo #makemusicnotwar von Regisseur Dror Zahavi (Alles für meinen Vater) kommt am 16. Januar 2020 bundesweit in den deutschen Kinos im Camino Filmverleih. Das packende Drama über ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester begeisterte – nicht zuletzt wegen des herausragenden Schauspielerensembles um Hauptdarsteller Peter Simonischek – bereits das Publikum bei zahlreichen deutschen und internationalen Festivals und gewann das Publikumspreis sowohl auf dem 15. Festival des deutschen Films als auch auf dem 17. Warsaw Jewish Film Festival.

Eduard Sporck (Peter Simonischek) ist ein weltberühmter Dirigent, der an einer Frankfurter Musikhochschule unterrichtet. Nun soll er ein Konzert vorbereiten, welches Jugendliche sowohl aus Palästina als auch aus Israel bestreiten. Das Konzert soll aktuelle Friedensverhandlungen zwischen beiden Ländern begleiten und ein Zeichen gegen den Hass setzen, der schon so lange vorherrscht. Eduard Sporck zweifelt. Nicht nur, weil er weiß, dass es nicht einfach wird, beide Seiten zusammenzubringen. Sondern auch, weil er eine schwierige, eigene Geschichte in sich trägt: Als Sohn von zwei NS-Ärzten wurde sein ganzes Leben von den grausamen Taten seiner Eltern geprägt. Doch Klara de Fries (Bibiana Beglau) schafft es, ihn zu überzeugen, die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen und sich auf die Reise nach Israel zu begeben. Ihre »Stiftung für effektiven Altruismus« ist für das Abendprogramm bei der Friedenskonferenz verantwortlich und veranstaltet das Konzert.

Zum Vorspielen in Tel Aviv erscheinen zahlreiche junge Musiker von beiden Seiten der israelisch-palästinensischen Grenze. Während die Violinistin Layla (Sabrina Amali) und der Klarinettist Omar (Mehdi Meskar) aus dem Westjordanland erstmal die strengen Grenzkontrollen passieren müssen, kommen der israelische Violinist Ron (Daniel Donskoy) und seine Kollegen problemlos und selbstbewusst in der Konzerthalle an. Doch die größte Hürde, die alle überspringen müssen, ist die strenge Auswahl des Dirigenten Eduard Sporck. Nur die Besten der Besten dürfen Teil seines Orchesters sein, die Nationalität spielt für ihn dabei keine Rolle.

Nach einem anspruchsvollen Bewerbungsprozess wird ein Kammerorchester von zwanzig jungen Musikern aus Israel und Palästina zusammengestellt. Mit Beginn der Proben fangen auch die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen an, Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen machen sich breit. Die Situation eskaliert und grenzt bald an Hoffnungslosigkeit: Können die jungen Israelis und Palästinenser wirklich nicht miteinander musizieren? Ist das Friedenskonzert zum Scheitern verurteilt?

Um die Konzertvorbereitung vom Kontext des politischen Konflikts zu trennen, werden die Proben nach Südtirol verlegt. Dort, auf neutralem Boden, werden die jungen Musiker von ihrem Dirigenten aufgefordert, miteinander zu kommunizieren und Verständnis für die Sichtweise und die Probleme der anderen zu finden. Langsam und vorsichtig nähern sie sich aneinander an. Nur für den schüchternen Palästinenser Omar und die junge Israelin Shira (Eyan Pinkovich) ist die Kommunikation schon von Anfang an kein Problem. Sie sind die einzigen, die komplett ohne Vorurteile miteinander umgehen, denn ihre Freundschaft verwandelt sich schnell in Liebe. Sie wissen, dass ihre Beziehung in der israelisch-palästinensischen Realität keine Chance hat. Die einzige Möglichkeit zusammen zu bleiben, ist die Flucht zu Verwandten in Europa. Als Omar und Shira zusammen in der Nacht das Hotel heimlich verlassen, kommt es zu einem fatalen Missverständnis, dass das Schicksal des jungen Paares und das aller Musiker verändert.

»Crescendo«, der Bedeutung nach: »Immer lauter werdend, im Ton anschwellend«. Tragischerweise trifft diese Beschreibung nicht nur auf den schon lange währenden Nahost-Konflikt zu, sondern zunehmend auch auf die anti-europäischen, teils sogar anti-demokratischen Strömungen in unserer Gesellschaft. Protektionismus und Fremdenfeindlichkeit werden skrupellos instrumentalisiert, um die europäische Gesellschaft zu spalten. Dabei setzen wir nicht nur die jahrzehntelangen Bemühungen nach Völkerverständigung und dem damit verbundenen wertvollen kulturellen Austausch aufs Spiel, sondern entfernen uns zunehmend von unserer Menschlichkeit.

Wie im Nahost-Konflikt, stößt auch in der europäischen Entwicklung die Politik an ihre Grenzen. Umso wichtiger ist es gerade jungen Menschen vor Augen zu führen, wie wichtig persönliches Engagement und Offenheit sind, und dass auch in Europa die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen der erste wichtige Schritt auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander ist. Denn wir sind uns doch in einem Punkt alle einig: Wir möchten in Frieden leben! CRESCENDO #makemusicnotwar zeigt, dass Frieden nicht nur eine Idee ist.

Dr. Alice Brauner, Produzentin


Regisseur Dror Zahavi über seinen Spielfilm »Crescendo«:

Was hat Sie an diesem Stoff besonders gereizt?

DROR ZAHAVI: Mich interessierten vor allem der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – ein Thema, das mich seit vielen Jahren beschäftigt – und die Dynamik zwischen den beiden Gruppen, besonders vor dem Hintergrund der klassischen Musik. Das habe ich filmisch in dieser Form noch nicht gesehen.

Haben Sie für den musikalischen Part Fachberater herangezogen?

Ich habe das Drehbuch mit meinem Freund Johannes Rotter geschrieben. Wir haben die Musikstücke ausgesucht. Unser Orchester im Film setzt sich aus Musikern und Schauspielern zusammen, einige Mitglieder konnten also nicht wirklich musizieren. Daher mussten wir Coaches einsetzen, die den Schauspielern die Instrumente so beibrachten, dass es im Bild aussieht, als würden sie sehr gut musizieren.

Welche war für Sie die größte Herausforderung?

Es gab viele Schwierigkeiten auf einmal. Zum einen die Arbeit mit 70 Prozent Laien und 30 Prozent Schauspielern in einem Spielfilm, der sehr von der schauspielerischen Leistung lebt. Das zweite war, dass Israelis und Palästinenser in einer sehr aufgeladenen Zeit in einem Raum zusammenkamen. Drittens haben wir in drei Ländern gedreht, hatten dafür aber eigentlich nicht genug Geld. Wir mussten uns also bildlich viel einfallen lassen, um mit einfachen Mitteln so zu drehen, dass es dennoch nach Kinofilm aussieht. Eine große Herausforderung war auch, die Musikteile und Musiker ins Bild zu bringen. Peter Simonischek spielt einen weltberühmten Dirigenten – das ist sehr schwer für einen Schauspieler, der kein Musiker ist. Mimik, Rhythmus, die Arbeit mit den Händen, das war schwierig. Er hatte einen Coach, der ihn während des Drehs begleitet hat. 

Inwieweit haben Ihnen Ihre Herkunft und ihr Wissen über den Nahen Osten geholfen, diesen Stoff zu bewältigen?

Ohne dieses Wissen und diese Herkunft hätte ich den Film nicht machen können. Meine Familie lebt in Israel, daher kenne ich die tagtägliche Bedrohung des Lebens dort. Dieses Gefühl und diese Lebenserfahrung kann man nur herstellen, wenn man sie persönlich erlebt hat. Ich habe bei diesem Film versucht, mich nicht vordergründig mit Politik zu beschäftigen. Deswegen finde ich das auch so genial, dass der Film zwar den Konflikt anspricht und eine politische Haltung vertritt, aber im Hintergrund die Musik und eine Gruppendynamik hat, die nicht nur über die politische Ebene läuft.

Wie realistisch oder utopisch ist die Idee eines Friedenskonzerts?

Im Moment sehr utopisch. Eine Figur sagt im Film auch, dass das Science-Fiction ist. Aber das ist nicht so wichtig. Erstmal wird im Film ausdiskutiert, warum es Science-Fiction ist. Zweitens will der Film eine klare Message vermitteln. Wir zeigen nicht die Realität, wie sie ist, sondern wie sie hätte sein können.

Sie wollten unbedingt Peter Simonischek für die Hauptrolle. Warum?

Er ist nicht nur die ideale Besetzung des Dirigenten, sondern aus heutiger Sicht die einzige. Was er geleistet hat, ist unglaublich. Der Dirigent trägt ja einen großen Konflikt in sich, der in dieser Form selten zu sehen ist: Als Sohn deutscher Nazi-Verbrecher wird ausgerechnet er mit dieser Nahost-Problematik konfrontiert. Und ist als Mediator zwischen den Jugendgruppen gefragt. Peter hat es geschafft, diese Figur ins Zentrum zu stellen und mit seiner Wärme und überzeugenden Spielweise dem Film eine Qualität zu geben, die er mit keinem anderen bekommen hätte.

Interview: Reinhard Kleber, TAKE #9, 2019 (IDM Südtirol)  

Link zum Trailer: https://vimeo.com/368759192


Kinostart am 16. Januar 2020

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