Lenny (Elyas M'Barek) ist mit David (Philip Noah Schwarz) auf dem Weg ins Krankenhaus (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Jürgen Olczyk

Ziemlich beste Brüder

Der Film »Dieses bescheuerte Herz«

Die Komödie »Dieses bescheuerte Herz« von Marc Rothemund bringt einen schwer kranken Teenager und einen orientierungslosen jungen Mann in einer bewegenden Geschichte zusammen.   

Marc Rothemunds neuer Film Dieses bescheuerte Herz gehört wie schon der letzte Film des Regisseurs Blind Date mit dem Leben in die Kategorie der Werke, hinter denen man einen Drehbuchschreiber mit allzu viel Fantasie vermutet. Und wieder einmal ist es auch in dieser Komödie so, dass das Leben auf der Leinwand Volten schlägt, die man nicht für möglich hielte. Am Ende des Films bezeugen die »echten« Bilder von den wahren Personen: Ja, Daniel und Lars – im Film heißen sie David und Lenny – gibt es wirklich und sie sind im Leben so etwas geworden wie ziemlich beste Brüder.

Regisseur Marc Rothemund geht zu Anfang gleich in die Vollen und inszeniert das Leben des fast 30-jährigen Lenny auf der Überholspur mit allen Absurditäten. Schauspieler Elyas M'Barek darf als klischeehafter Party-Münchner nachts in den Clubs mit Drogen und Frauen aufdrehen und dann den Tag in der Villa seines Vaters verschlafen. Der Chefarzt-Papa mit dem schlechten Gewissen, weil er nie da ist und die Mutter verstorben, zahlt. Als er nach einer langen Nacht dann ein teures Auto aus Versehen zu Hause im Pool versenkt, findet Lenny das ziemlich unterhaltsam. Was daraus wird, interessiert ihn nicht. Sein Vater aber hat lange genug zugeschaut und dreht den Geldhahn zu. Eine gesperrte Kreditkarte bringt Lenny nun dann doch aus der Fassung. Da macht ihm sein Vater ein Angebot. Aus seiner Arbeit im Krankenhaus kennt der Herzspezialist einen 15-Jährigen mit einem schweren Herzfehler. Lenny soll sich um den schwer kranken Teenager, dessen Leben jederzeit beendet sein könnte, kümmern. Unter dieser Bedingung erhält er seine alten finanziellen Privilegien zurück.

Nun ist sein Schützling David (Philip Noah Schwarz) keiner, der auf einen neuen mitleidigen Dutzi-Dutzi-Betreuer gewartet hätte. »Ich habe zwar ein bescheuertes Herz, aber mein Kopf funktioniert bestens.« Aber der von einer Ärztin als »egoistisch, chaotisch und unorganisiert« bezeichnete Lenny ist anders als all die anderen, die sich professionell mit todkranken Kindern beschäftigen. Er hat einen eigenen Blick und zeigt sich beeindruckt von Davids eigenem Krankenwagen. Dem Teenager gefällt es dagegen, einem so coolen Typen, von dem eine seiner Mitschülerinnen schwärmt – »so einen hätte ich auch gerne« – Ansagen machen zu können. Er konfrontiert ihn mit einer Liste seiner »letzten« Wünsche. Lenny pickt sich die einfacheren heraus wie lässige Klamotten shoppen gehen. Doch spätestens als er für seinen Schützling einen Sportwagen knackt und ihn auf einem abgelegenen Gelände damit selbst fahren lässt, gehört Davids kaputtes Herz ihm. Und er erwartet Großes von Lenny, schließlich will er u. a. noch ein fremdes Mädchen küssen und seine Mutter mal glücklich sehen.

Mit Sprüchen wie »Auto kurzschließen habe ich auf der Waldorfschule gelernt« klingt das alles flott und lustig. Und tatsächlich gelingt es Marc Rothemund, aus einem Film über ein schwer krankes Kind ein Feel-good-Movie zu inszenieren. Lenny erweist sich als Glücksfall für David. Aus dem verhassten Schlucken vieler großer Tabletten macht er einen Wettbewerb und gewinnt so auch die ständig besorgte Mutter Davids (Nadine Wrietz) für sich. Ironischerweise hat Lenny seine Expertise auf diesem Feld in den Clubs beim Einwerfen von Drogen erworben.

»Leben, als gäbe es kein Morgen mehr«, das Leitmotiv der beiden stimmt, lässt sich aber gar nicht so leicht umsetzen, wenn man körperlich nicht fit ist. David kippt immer wieder um, muss beatmet werden und in den OP. Und seine Puppe, ein wichtiger kindlicher Glücksbringer, muss immer dabei sein – auch wenn ihn Lenny nachts mit in seinen Lieblingsclub nimmt. Der erlebnishungrige Teenager ist eben auch ein schwer krankes Kind. Diese Erkenntnis dämmert auch Lenny und er will sich dann doch wieder vor der Verantwortung drücken. Doch kann er seinen »kleinen Bruder« so hängen lassen?

In ihrem Bestseller-Buch »Dieses bescheuerte Herz – Über den Mut zu träumen« erzählen Lars Amend und Daniel Meyer ihre Geschichte. Der Film entfernt sich vor allem bei der Person Lenny und seiner Motivation, sich um David zu kümmern, weit von der Vorlage, kann aber eigene Akzente setzen. Das liegt vor allem an der Verbindung, die der erfahrene Schauspieler Elyas M'Barek und die Neuentdeckung Philip Noah Schwarz zueinander aufbauen können. Ihre Beziehung definiert sich vor allem durch gemeinsame witzige, aber auch tragische Erlebnisse – und das passt zu den Erwartungen, die ein Teenager an sein Leben hat. Lenny erfährt dabei, wie gut es sich anfühlt, gebraucht zu werden, und zieht Schlüsse für sein Leben daraus. Ein Film voller Liebe und Hoffnung, temporeich, aber auch einfühlsam und ein zum Teil sehr witziges Plädoyer für Mut und Zusammenhalt – geeignet für Familien mit älteren Kindern und auch als »Weihnachtsfilm«.

Diemuth Schmidt

 


Start: 21. Dezember

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