Crashkurs in sexueller Befreiung – eine unabhängige Frau in einer männerdominierten Welt, geht das? (c) AlamodeFilm

Frauenwahlrecht – warum?

Der mehrfach auf Festivals preisgekrönte Film »Die göttliche Ordnung« von Petra Volpe ... 

erinnert mit Humor daran, wie sehr die Schweiz bei einem der naheliegendsten Menschenrechte noch vor einigen Jahrzehnten hinterherhinkte.

Anfang 1971, ein beschauliches Dörfchen im Kanton Appenzell. Nora Ruckstuhl (Marie Leuenberger), Hausfrau und Mutter zweier kleiner Jungs, ist eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Ihr Mann Hans (Max Simonischek) wurde gerade zum Vorarbeiter befördert, in ihr­e­m­­ 3-Generationen-Haushalt mit Schwiegervater wirkt alles friedlich und behütet, als Hanna (Ella Rumpf aus Tiger Girl), die etwas rebellische Teen­ager-Tochter von Noras Schwägerin (Rachel Braunschweig), nach einem hippiemäßigen Techtelmechtel kurzerhand in ein Erziehungsheim gesteckt wird. Alles im gesetzlichen Rahmen.

Filme, die von dem Ringen um Menschenrechte handeln, wählen als Hauptfigur nur selten radikale Extremisten. Ganz normale Protagonisten, die quasi gemeinsam mit dem Zuschauer die Missstände entdecken, laden viel eher zur Identifikation ein. Marie Leuenberger, bisher allenfalls an der Seite des Komikers Olaf Schubert in dessen Kinoausflug Schubert in Love aufgefallen, beherrscht dieses Normale und etwas Verhuschte ungemein. Zu Beginn des Films ist sie eine Vorzeigehausfrau, die darin aufzugehen scheint, für die Familie zu putzen, zu kochen und Socken zu waschen.

Anhand dieser exemplarisch wirkenden Figur wirkt es nicht einmal abwegig, wenn die Chefin ihres Mannes, eine Art Dorfkönigin (Therese Affolter), behauptet, dass die meisten Frauen – ins­besondere in den ländlichen Bezirken – gar kein Interesse daran hätten, zu wählen und sich um die Männerdomäne Politik zu kümmern. Doch als die über Jahrhunderte antrainierten Scheuklappen dann mal abgelegt werden, wirkt die im Zeitkolorit sehr schön festgehaltene Situation angesichts der Umwälzungen, die die 68er anderswo auf der Welt bewirkten, fast anachronistisch, was im Film komödiantisch wie ernst gemeint zum Thema wird.

Wenn Nora etwa auf die schier unglaubliche Idee kommt, ihre beiden Söhne zu bitten, beim Verlassen des Mittagstisches ihre Teller zur Spüle zu tragen, ist es besonders sinnfällig, dass Luki, der Ältere (für den offenbar eine Welt zusammenbricht), sie daran erinnert, dass sie »doch Buben« seien. Hier und da ist die Moral des Films vielleicht etwas plakativ (etwa, wenn Hans das Haushaltsgeld auf dem Nachttisch hinterlässt, was an eine andere Transaktion zwischen Frauen und Männern erinnert), aber wie das »lokale Aktionskomitee für das Frauenwahlrecht« entsteht, das ist im Drehbuch dramaturgisch sehr fein terminiert. Und während Hans für zwei Wochen wegen einer wehrdienstlichen Übung abberufen wird, lernt Nora im Dorf Mitstreiterinnen kennen wie die verwitwete Vroni (Sybille Brunner, Rosie), die einst das Dorflokal, den »Bären«, führte. Oder deren Nachfolgerin, die geschiedene Italienerin Graziella (Marta Zoffoli), die die zukünftige Pizzeria zum Zentrum eines »Frauenstreiks« macht, einer Art Pyjama-Party mit Wein, Eierlikör und Gratis-Pizzen, die dann aber vom männlichen Lynchmob unterbrochen wird.

Die Balance zwischen der Darstellung der ganz alltäglichen Unterdrückung zum »Putzteufel und Lustobjekt« und dem befreienden Humor beseelt den Film. Bei einem Ausflug nach Zürich nimmt Frau an einer Demo und einem Workshop über sexuelle Befreiung teil, in dem eine schwedische Expertin sehr kurzweilig über die »yoni power« der weiblichen Anatomie informiert. Und zu Hause gibt es dann, mit neuer Frisur und engen Jeans ausgestattet, handfeste Konflikte, etwa mit dem Mann, der seinen im Schweizer Eherecht gesetzlich versicherten Besitzanspruch geltend machen will und Noras Bewerbung bei einem Reisebüro verbietet, weil er schlichtweg befürchtet, sie könne andere Männer kennenlernen ...

Dass die Männer nicht immer das Zeug dazu haben, eine Familie oder ein Geschäft zu führen, wird hier und da totgeschwiegen, stattdessen besinnt sich das Patriarchat auf seine physische Kraft oder den aus dem Kontext gerissenen Korintherbrief (»Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen! Das steht schon in der Bibel«). Doch die vermeintliche göttliche Ordnung wird – das ist kein Spoiler – zumindest ins Wanken gebracht, und das Frauenwahlrecht als historisches Happy End wird errungen, wie übrigens in Deutschland schon 1918 und selbst in der Türkei im Jahr 1930.

Thomas Vorwerk

 


Start: 3. August

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