Wie Dave (Jason Sudeikis, r.) erhofft sich auch sein Kumpel Paul (Matt Damon) einen Neustart als Däumling (c) Paramount Films

Die Bonsai-Utopie

Alexander Payne spielt in »Downsizing« mit Humor durch, wie man mit einer geschrumpften Menschheit die Ressourcen der Erde länger nutzen könnte.

 

Der Wirtschaftsbegriff »Downsizing« erhält im gleichnamigen SciFi-Sittengemälde von ­Alexander Payne (Sideways, Nebraska) eine neue Bedeutung: Wenn man Teile der Menschheit schrumpft, reichen deren Ressourcen ungleich länger und für eine Prachtvilla benötigt man nur noch das Grundstück einer Hundehütte. Während die Erfindung norwegischer Wissenschaftler einen Ausweg aus der irdischen Misere bietet, der aus Mittelklasse-Freiwilligen mit ein paar Ersparnissen miniaturisierte Neureiche macht, will auch der vom Leben enttäuschte Paul Safranek (Matt Damon) damit seine festgefahrene Ehe mit Audrey (Kristen Wiig) retten. Im »Leisureland«, der ultimativen »gated community«, braucht der wortwörtliche »Kleinbürger« für seinen Plasma-Bildschirm und das Winzauto weniger Energie als wir für unser Handy. Man hilft, den Planeten zu retten, und bekommt dafür ein Upgrade an Lebensqualität (die Kaufkraft eines Dollars beträgt bei 13 Zentimeter Körpergröße angeblich das Tausendfache). Die aggressiv umworbene Bonsai-Utopie bietet Konsumfreudigen eine neue Chance, doch Regisseur Payne prellt jene Zu­schauer, die sich eine quirlige Zukunftskomödie erhoffen, weil er die abstruse Prämisse für unerwartete Wendungen und eine Art »satirischen Humanismus« benutzt.

Während man darauf lauert, dass eine eingedrungene Streunerkatze wie Godzilla durch die Straßen tappst oder sich vergleichbare Katastrophen ereignen, steht Paul vor vergleichsweise kleinen Problemen wie einer Scheidung oder der Erkenntnis, dass sein Mini-Job im Call-Center noch frustrierender ist als seine frühere Tätigkeit als überqualifizierter Firmentherapeut. Sein neuer Nachbar, der aus Osteuropa stammende Dusan (Christoph Waltz), ist ein Kleinkrimineller, der seine Erfüllung in orgiastischen Partynächten sucht und Luxusgüter wie kubanische Zigarren (neu gerollt) und Alkohol zu den Schrumpf-Hedonisten schmuggelt. Als Paul nach seiner ersten Party verkatert erwacht, sieht er die Aufräumcrew aus Mindestlohn-Migranten. Wer sich mit einem passablen Kontostand verkleinern lässt, lebt fortan in Saus und Braus, wer vorher arm war, ist hinterher einfach nur klein.

Eine vietnamesische Putzfrau kennt Paul aus den Nachrichten. Vor einigen Jahren war sie eine politische Aktivistin, die im Gefängnis gegen ihren Willen geschrumpft wurde und in ihrem weiteren Lebenslauf auch noch ein Bein verlor. Jetzt schleppt sie sich mit einer schlecht sitzenden Prothese als unterbezahlte Servicekraft durch und verteilt die Buffet-Reste, die die Reichen nicht mehr benötigen, in den Slums der Peripherie. Mit seinen Medizinkenntnissen will Paul ihre Prothese etwas richten, doch die radebrechende, sehr pragmatische und ziemlich herrisch auftretende Ngoc Lan Tran (Hong Chau) »schanghait« ihn kurzerhand, um einer schwer kranken Mitbewohnerin zu helfen. Als der überrumpelte Paul dann auch noch bei der Prothesen-Reparatur versagt, übernimmt er übergangsweise ihren Putzjob und stellt schnell fest, dass es ihm vergleichsweise eigentlich sehr gut geht – sein Selbstmitleid überträgt sich auf die (zweifachen) Randfiguren der Gesellschaft. Die episodisch wirkende Handlung zehrt zwar von Paynes nach wie vor manchmal erstaunlich treffsicherem Humor, beim Zwischenmenschlichen ist es aber nicht einfach, zwischen harter Ironie und wirklichen Emotionen zu unterscheiden (was die Empathie erschwert). Pechvogel Paul kommt mit jedem vielversprechenden Neustart stärker in die Bredouille und irrt ähnlich ziellos durch den Film wie der Zuschauer, der eigentlich erst in den letzten fünf Minuten erkennt, worin der Kern der Geschichte besteht.

Für Spezialeffekte und die Schnittstelle zwischen den kleinen und großen Menschen interessiert sich Payne nämlich nur bedingt, manchmal wirkt es so, als seien viele der kleinen Szenen nur erdacht, um Stars und Kollegen »kleine« Rollen zu bieten (Neil Patrick Harris, Laura Dern, Margo Martindale, Jason Sudeikis, sogar Udo Kier), während man auf keinen Fall die wissenschaftlichen Kerndaten hinterfragen sollte. Was in vergleichbaren SciFi-Klassikern über »Mini­menschen« zu den dramatischsten Konflikten führt, wird hier mit lapidaren Nebensätzen abgewiegelt, um sich ganz jener Story zu widmen, für die die kom­plexe Drumherumgeschichte einige Nummern zu groß und etwas unpassend wirkt. Wenn man sich aber darauf einlässt, überzeugt Payne wieder mit ­Figuren zum Mitfühlen.

Diemuth Schmidt

 


Start: 18. Januar

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