Halley (Bria Vinaite) und ihre Tochter Moonee (Brooklynn Prince) (c) Prokino

Kindheit durch die rosarote Brille

In »The Florida Project« verwandelt sich eine Sechsjährige das Leben in eine eigene Märchenwelt.

Das Leben kann sich leicht anfühlen, auch wenn die Verhältnisse prekär sind. So geht es zumindest der sechs Jahre alten Moonee (Brooklynn Prince), die in einem violetten Motel in der Nähe von Disney World lebt. Hier plante Walt Disney einst in den 1960ern im Rahmen seines »Florida Projects« neben den Themenwelten eine echte utopische Modellstadt für eine prototypische wunderbare Gesellschaft von morgen, die nie umgesetzt wurde. Im Schatten des Freizeitparks leben heute dagegen Menschen aus der »unsichtbaren Unterschicht« – wie sie der Regisseur nennt – in ihrem eigenen, wenig zauberhaften Universum. Die Unterkünfte der fast mittellosen Familien sind bunt angemalte Motels mit vielversprechenden Namen wie »Magic Castle« und »Futureland Inn«. Sie bewahren Menschen wie Moonees noch sehr junge Mutter Halley (Bria Vinaite) davor, auf der Straße leben zu müssen. Doch der Kampf um die 35 Dollar fürs Zimmer pro Woche stellt immer wieder eine neue Herausforderung dar. Halley, die sich schon als Kellnerin und beim Tabledance versucht hat, beweist dabei großen Einfallsreichtum.

Trotz aller Schwierigkeiten nimmt sich Halley Zeit für ihr Kind und verliert bei allen Streichen nie die Geduld. Von den Bedrohungen ihrer Existenz zu zweit bekommt die gewiefte, nicht auf den Mund gefallene Moonee nichts mit. Als ihre Mutter von der Security des Golfhotels davongejagt wird, dabei noch einige der Billigparfüms verliert, die sie den Touristen andrehen wollte, und ihr dann erklärt, dass sie sich nicht gewehrt habe, um auf keinen Fall ins Gefängnis zu kommen, schlägt Moonee vor, sie könnten jetzt doch ein Eis essen gehen. Regisseur Sean Baker erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Mädchens und filmt die Kinder oft von unten, um sie größer wirken zu lassen. Mit Moonees Augen gesehen stellt ihre Umgebung einen für sie gemachten Abenteuerspielplatz dar. Ihrer neuen Freundin Jancey (Valeria Cotto) erklärt sie bei einem Rundgang, auf die Zimmertüren tippend, wer bei ihnen so alles wohnt: »Der Mann, der hier lebt, wird oft verhaftet.« Oder: »Die Frau, die hier lebt, glaubt, sie sei mit Jesus verheiratet.« Und: »Das ist der Raum, den wir nicht betreten dürfen – also rein!« Hinter dieser Tür befindet sich übrigens der Generalschalter für den Strom, der natürlich umgelegt wird. Und schon ist er aus, der Computer, an dem Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) gerade gearbeitet hat. Er hat eine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist, die gleiche Person wohl, die in der Woche zuvor einen toten Fisch im Pool wiederbeleben wollte.

Natürlich muss er dem Mädchen eine Standpauke halten und der Mutter wird er wieder einmal drohen, dass bei Rauchen im Zimmer oder Alkohol am Pool der Rausschmiss droht. Doch eigentlich sorgt er wie ein Schutzengel für seine Familien, die hier eine Art Zuhause haben. Touristen verirren sich nur ins »Magic Castle«, wenn woanders alles ausgebucht ist. Bobby hilft im Kampf gegen die alltäglichen Widrigkeiten und vertreibt auch mal einen Pädophilen aus der Nähe der Kinder, denen er eine unbeschwerte Zeit gönnen möchte. Denn im Gegensatz zu der kleinen Moonee sieht er, dass die Abwärtsspirale, in der sich ihre Mutter befindet, nicht aufzuhalten ist.

Mit The Florida Project füllt der Regisseur den Begriff »herumstromern« mit neuem Leben. In einer für Kinder oft überregulierten Welt kommen einem die Freiheiten, die sich Moonee, Jancey und Scooty (Christopher Rivera) nehmen können, geradezu wunderbar vor. Ein Ausflug über die Felder zur Kuhweide wird bei ihnen zu einer Safari und magische Momente erleben sie, wenn sie sich bei Regen unter die dicken Äste eines alten Baumes flüchten, der von herabhängendem spanischem Moos umschlossen wird. Während erwachsene Zuschauer in den verfallenen Häusern, in denen sie spielen, die traurigen Reste der Immobilienblase sehen, fantasieren sich die Kinder dort ihre Welt. Nichts wirkt aufgesetzt oder überinszeniert, man merkt dem Film an, dass sich der Regisseur und sein Drehbuchautor Chris Bergoch auf intensiven Recherchereisen mit der Lebenssituation der sozial Schwachen am Rande des Highways 192 auseinandergesetzt haben. Gespräche mit den Menschen vor Ort waren auch eine Art »Casting«, denn in The Florida Project spielen fast nur Laiendarsteller. Darin ähnelt der Film Bakers anderem, auf Festivals gefeiertem und nur mit iPhones gedrehtem Werk Tangerine L.A. Nun sorgen vor allem die starken Kinderdarsteller, allen voran Brooklynn Prince mit ihrer umwerfenden Leinwandpräsenz und Schlagfertigkeit für Begeisterung. Herrlich die Szene, in der sie sich an der Eisbude mit dem Hinweis, dass der Arzt ihr wegen des Asthmas Eis empfohlen habe, Kleingeld erschleicht. Willem Dafoe (Antichrist, Spider Man 3) als einziger Profi lässt den häufig gespielten Bösewicht hinter sich und zeigt seine ganze Bandbreite, ohne die Laien an die Wand zu spielen. So überraschte der Film mit einer ungewöhnlichen Fröhlichkeit, unterhält bestens und schärft aber auch das Bewusstsein für wichtige gesellschaftliche Fragen.

Diemuth Schmidt

 


Start: 13. März

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