Neïla (Camélia Jordana) lässt sich vom Juraprofessor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) in Sachen Rhetorik schulen (c) Squareone / Universum

Worte als Werkzeuge

»Die brillante Mademoiselle Neïla« zeigt intelligent, wie zwei Querköpfe zusammenarbeiten müssen.

Yvan Attals Film »Die brillante Mademoiselle Neïla« mit Starschauspieler Daniel Auteuil und Nachwuchstalent Camélia Jordana zeigt mit intelligenten Dialogen, wie zwei Querköpfe zusammenarbeiten müssen, um einen Rhetorikwettbewerb zu gewinnen.

Kein Gerichtsfilm kommt ohne ein mitreißendes Plädoyer aus, es sind diese raffiniert rhetorisch konstruierten Schlussreden eines Prozesses, die mit Aussagen geschickt den Zuhörer lenken, emotional mitnehmen oder auf Abwehr schalten lassen. Sprache und Jura gehören zusammen, in kaum einer anderen Disziplin ist es so wichtig, richtig zu argumentieren, um seine Zuhörer von seinen Ansichten und Lösungswegen zu überzeugen. Einen die Kunst der Rhetorik feiernden Film hat nun Regisseur Yvan Attal (Meine Frau, die Schauspielerin – mit seiner Frau Charlotte Gainsbourg) in Szene gesetzt: Die brillante Mademoiselle Neïla.

Als Hauptfigur wählte er eine junge Französin mit algerischen Wurzeln aus einer dieser Pariser Vorstädte, die häufig in den Schlagzeilen vorkommen. Neïla (Nachwuchstalent Camélia Jordana) lernt an der Uni den exzellenten Juraprofessor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) kennen, der zu ihrem Lehrer in Sachen Redekunst wird. Klingt nach einer dieser typischen Storys nach dem Motto »Engagierter Lehrer trifft auf Underdog und hilft ihm, sein Potenzial (meist im Bereich Musik) zu entfalten.« Doch Yvan Attal versteht es sehr gut, Genre-Klischees zu umgehen und mit zwei Querköpfen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, positiv zu überraschen.

In Rückblenden kommen auch »bessere« Tage vor, wenn man die Zeit nach der Entlassung aus dem Gefängnis und die Flucht aus England so nennen will. Er wurde übrigens wegen Unzucht zu Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt. Auslöser für die Untersuchung seines Lebenswandels war die Beziehung zu dem jüngeren Lord Alfred Douglas »Bosie« (Colin Morgan). Oscar Wilde provozierte dessen Vater, dieser reagierte darauf, wurde aber im Verlauf von drei Gerichtsverhandlungen vom Kläger zum Angeklagten und verlor vor Gericht.

Als Neïla am ersten Tag zu spät den riesigen Hörsaal der Pariser Assas Law School betritt und sich einen Platz zwischen den ehrfürchtig lauschenden Studenten suchen will, belässt es Mazard nicht bei einer Bemerkung, dass er Unpünktlichkeit nicht leiden könne. Er lässt ein Feuerwerk aus Provokationen und rassistischen Bemerkungen wie »Das sei ja typisch für eine wie sie und lange hielten solche wie sie sowieso nie an der Uni durch« auf die junge Frau los. Und sie? Kontert zurück. In heutigen Zeiten landen solche Entgleisungen schnell im Netz und Mazard muss zur Universitätsleitung. Diese stellt ihn vor die Wahl: Entweder er verlässt die Uni oder er glättet die Wogen, indem er Neïla hilft, einen prestigeträchtigen Rhetorikwettbewerb zu gewinnen. Die junge Frau, die nichts vom drohenden Rauswurf des Professors ahnt, wundert sich über sein plötzliches Interesse. Obwohl sie erst wenig Lust darauf hat, kommt sie aus Neugier zum ersten Treffen und versteht schnell, dass das Wissen, das er anzubieten hat, ihr bei ihrem Ziel, eine gute Anwältin zu werden, helfen könnte.

Natürlich nähern sich die beiden im Laufe der Geschichte an, doch die Figur Mazard bleibt bis zum Ende rätselhaft. Er ist ein Mensch mit persönlichen Problemen, der seinen Frust gerne an anderen auslässt und Spaß an der Provokation hat. Sein Zynismus drückt sich in Sätzen wie diesem aus: »Was zählt, ist recht zu behalten. Die Wahrheit ist egal.« Und Mazard hat die Mittel dazu. Er bringt Neïla Schopenhauers Technik des Diskutierens bei. Das sind 38 Kunstgriffe, die einen schlagfertig machen und zum Sieg bringen. Das führt von der Ablenkung bis zur Verallgemeinerung, von falschen Annahmen bis zur irritierenden Zwischenfrage. Auch persönliche Beleidigung kommt als letztes Mittel vor. Wie Lehrer und Schülerin diese Techniken trainieren, ist amüsant zu verfolgen und wirkt inspirierend. Eine Übung findet in der Metro statt. Mit der Rede eines römischen Senators soll Neïla die Aufmerksamkeit der Fahrgäste gewinnen. Doch auch im Privaten lässt sich die Redekunst einsetzen. Mit einer eigentlich das Gegenteil fordernden Rhetorik verführt sie einen guten Freund dazu, sie endlich zu küssen.

Der Film zeigt Sprache als Eintrittskarte in die französische Gesellschaft der Bessergestellten, das Wort ist aber auch Werkzeug, um sich der Codes zu bedienen und für die eigene Sache nutzbar zu machen. Im Gegensatz zu Mazard, der sich in einer Art L'art pour l'artder Rhetorik verloren hat und nicht einmal mehr weiß, wie man Persönliches wie Gefühle einfach und direkt ausdrücken kann, ist Neïla sehr bewusst, wofür sie die Mühen auf sich nimmt. Yvan Attals Geschick als Regisseur ist es zu verdanken, dass keine der Figuren zur Karikatur wird, in der Schilderung von Neïlas Lebenswelt nicht die üblichen Klischees über Vorstädte heruntergebetet werden und dass Herkunft die eine Sache ist, man aber wächst, wenn man akzeptiert, dass andere einen bereichern können. Inwieweit das Herbeiführen von Höchstleistungen mit Demütigungen und Provokationen einhergehen darf, lässt sich auch nach diesem Film – wie aktuell in der Gesellschaft – eifrig diskutieren.

Diemuth Schmidt

 


Start: 14. Juni

Zum Seitenanfang