Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) im Zwiespalt (c) 2018 Concorde Filmverleih Gmb

Hauptsache leben?

Die Auseinandersetzung mit einem jungen Mann verändert in »Kindeswohl« auch die Richterin selbst.

Die Auseinandersetzung mit einem von ihr zum Leben verurteilten jungen Mann verändert in »Kindeswohl« auch die Richterin selbst, gespielt von der grandiosen Emma Thompson.

Wenn Fiona Maye (Emma Thompson) den Gerichtssaal als Richterin betritt, geht es in ihren Fällen um maximal schwierige Fragen des Familienrechts, nicht selten um Leben oder Tod. Darf man einen siamesischen Zwilling gegen den Willen und die religiösen Ansichten der Eltern töten, damit der andere überlebt? Die im Gerichtssaal nur »My Lady« genannte, sagt Ja, denn das Gesetz steht für sie über moralischen Fragen. Nach diesen Kriterien lässt sich das Kindeswohl auch in ihrem nächsten Fall klar definieren – und doch ist diesmal alles anders.

Der 17-jährige Adam (Fionn Whitehead, bekannt aus Dunkirk) leidet unter Leukämie und benötigt dringend eine Bluttransfusion. Als Zeuge Jehovas verbietet sein Glaube, aber das Blut eines anderen Menschen zu akzeptieren, weil Gott im Blut lebt. Da das Krankenhaus auf der lebensrettenden Maßnahme besteht, landet der Fall als Eilantrag vor Gericht und Fiona muss für den Minderjährigen entscheiden. Als sie in einem erschreckenden Plädoyer des Vaters gegen die Rettung des Sohnes durch Transfusion mehr über Adam und seinen »eigenen« Wunsch, wie ein Märtyrer zu sterben, erfährt, unternimmt sie etwas Ungewöhnliches. Zum Erstaunen aller will sie ans Bett des Kranken gehen und mit ihm sprechen.

Die Richard-Eyres-Verfilmung des Romans von Ian McEwan nimmt nun richtig Fahrt auf, denn Adam erweist sich als ein intelligenter, sensibler Patient, der Fiona auch rhetorisch herausfordert. Als sie ihn fragt, ob es Gott denn gefallen würde, wenn er aufgrund der nicht ausgeführten Behandlung blind oder verblöden würde, kontert er: »Wenn Sie nicht an Gott glauben, sollten Sie nicht darüber reden, was ihm gefallen oder nicht gefallen könnte.« Der junge Mann, der sich gerade selbst das Gitarrenspiel beibringt und Gedichte liebt, berührt Fiona. Er ist bereit, für seinen Glauben zu sterben. Für sie jedoch steht fest: »Sein Leben ist mehr wert als seine Würde.« Urteil gesprochen, Adam überlebt, doch erledigt ist damit überhaupt nichts. Adam wird wieder in Fionas Leben treten, so viel sei verraten. Der »Fall« lässt sie nicht los und führt hin zu einer neuen Frage: Was ist denn Leben ohne Würde?

Der Film interessiert sich vor allem für die Figur der Richterin, die so gut zu Emma Thompson passt. Sie strahlt als Fiona Maye eine angenehme Ruhe aus und nähert sich den Fällen mit sachlicher Kompetenz, ohne dabei kalt zu wirken, und wägt alle Argumente ab. Eine Person, die die Einhaltung von Gesetzen als wichtig und notwendig für ein menschliches und zivilisiertes Zusammenleben hält. Ihre Grenzüberschreitung, der Krankenhausbesuch und die Interaktion mit dem sie in der Seele berührenden Adam, hat Folgen für den jungen Mann und sie selbst. Durch ihre Liebe zur Musik, die sie am Krankenbett mit ihm teilt, eröffnet sie ihm eine Aussicht auf ein Leben voll Poesie und Leidenschaft – fern von der Liebe zu einem Gott. Ein Versprechen, das sie jedoch selbst nur in den Momenten am Klavier lebt. Ihre Beziehung mit Ehemann Jack (Stanley Tucci) befindet sich seit Monaten auf dem Abstellgleis. Gerade hat er ihr eröffnet, dass er trotz der Liebe zu ihr eine Affäre mit einer jüngeren Frau beginnen möchte. Das Angebot, um ihn zu kämpfen, lässt sie verstreichen und flüchtet sich, wie jeden Abend, in die Akten.

Regisseur Richard Eyre bleibt noch stärker als der Roman bei seiner Hauptfigur Fiona – was auf Kosten der Komplexität Adams geht – und verlässt sich dabei ganz auf seine Hauptdarstellerin, die mit schauspielerischem Understatement die innere Zerrissenheit dieser Frau auf die Leinwand bringt. Die kinderlos gebliebene Juristin hat sich in einer Männerdomäne ihren Platz erkämpft und wird sehr geschätzt. Das Drama ihres Lebens besteht darin, dass Leidenschaft und starke Emotionen zwar die Themen ihrer geliebten Poesie und Musik sind, bei ihr aber nur Worte bleiben, denen sie keine Taten folgen lassen kann. Über Romantik sprechen, sie aber nicht leben wollen, das kann nicht jeder verstehen, schon gar nicht Adam. Diesen interessanten Konflikt bringt die gelungene und sehenswerte Literaturverfilmung mit großen Schauspielleistungen berührend auf die Leinwand.

Diemuth Schmidt

 


Start: 30 August

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