Spanien als großes Ziel: Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) machen sich auf eine lange Reise. © Alamode Film

Screwball auf Urlaub

Das Roadmovie »303« von Hans Weingartner steht für zweieinhalb Stunden Ferienfeeling im Kino mit tief gehenden Gesprächen über die egoistische Gesellschaft und die biochemischen Tricks der Natur.

Jule und Jan sind zwei 24-Jährige, die bei ihrem Studium etwas vom Pech verfolgt sind (Zwischenprüfung versemmelt bzw. beim Stipendium übergangen). Zufällig lernen sie sich kennen, als Jan an einer Tankstelle kurz nach Berlin von Jule aufgegabelt wird und bilden eine Fahrgemeinschaft in ihrem altem Mercedes-303-Wohnbus. Eigentlich soll es von Berlin nach Köln gehen, aber die beiden haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und nach einem emotionalen Streit, der sich aus lockerem Small Talk ergibt, setzt Jule ihren Mitfahrer auf dem nächsten Autobahnparkplatz ab.

Ganz ähnlich wie in Harry und Sally (bis auf die Weintrauben), und schon bald treffen sie erneut aufeinander, es wird kurz sogar dramatisch, und mit Pfefferspray in den Augen raufen sich die beiden zusammen. Das Ziel beider ist die Iberische Halbinsel, und die Gründe dafür spiegeln sich auf eigentümliche Weise. Jan ist auf der Suche nach seinem ihm unbekannten biologischen Vater in Spanien (eine Urlaubsliebschaft der Mutter), Jule will ihren in Portugal studierenden Freund besuchen, um ihm von ihrer Schwangerschaft zu berichten und gemeinsam weitere Schritte zu überdenken.

Die dauerhaft leicht fahrig schwebende Kamera begleitet die beiden bei diesem sommerlichen Roadmovie. In gediegenem Erzähltempo führen sie lange lebensphilosophische Gespräche (über Darwin, die Hackordnung der Gesellschaft usw.), und der Film könnte gerade bei jungen Zuschauern einschlagen wie einst Ethan Hawke und Julie Delpy im »Wien bei Nacht«-Klassiker Before Sunrise (bei dem Regisseur Weingartner damals als Produktionsassistent mitarbeitete). Der Nostalgie-Effekt setzt aber auch bei älteren Zuschauern ein, in der konkreten Situation (Ferien- und Reisestimmung, Kennenlernen) kann sich nahezu jeder wiedererkennen.

Das bestens ausgearbeitete Drehbuch bringt hierbei unter anderem die Studiengebiete der beiden (sie Biologie, er Politikwissenschaft) geschickt in die Dialoge ein, man spürt aber auch deutlich die Handschrift von Regisseur Hans Weingartner. Besonders sein Faible für politisches Engagement und Verschwörungstheorien, wie es in seinen früheren Filmen unübersehbar präsent war, insbesondere in Die fetten Jahre sind vorbei (in dem – fernes Echo – zwei Hauptfiguren ebenfalls Jule und Jan hießen) und der überzogenen Mediensatire Free Rainer – Dein Fernseher lügt. Typisch für Weingartner ist, dass seine Figuren eigentlich prinzipiell gegen die Gesellschaft, das »System«, rebellieren, wenn hier auch nicht so radikal, sondern mit selbst gemachtem Holundersaft und einem alten Wohnbus anstelle von kriminellen Energien.

Doch die für den Regisseur vermutlich »selbst gelebten« Dialoge prägen 303, verleihen der zumeist locker- leichten Stimmung in den besten Momenten jene Authentizität, die den Film über manche konventionelle Liebesgeschichte hinweghebt. Obwohl Grillfeuer, Strandbesuch und Eisdiele natürlich nicht fehlen dürfen. Man aber nebenbei auch eine Abtei erkundet oder über Höhlenmalerei staunt (und diskutiert).

Das Ganze ist ohne die jungen Hauptdarsteller, die den Film schauspielerisch fast allein stemmen, natürlich nicht möglich (neben der Finanzierung sorgten gerade anfängliche Castingprobleme für eine empfindliche Verzögerung des Filmprojektes). Mala Emde, die mancher aus den Titelrollen in Wir töten Stella und Meine Tochter Anne Frank kennen könnte, bietet hier eine sensible Performance, die sich weit von diesen Rollen entfernt. Und auch Anton Spieker (Von jetzt an kein Zurück und Fernsehrollen) geht mit einer sanften Energie ganz in seiner Rolle auf. Und die Chemie passt vorzüglich! In dem sehr dialogreichen, aber nie langweiligen Film erinnern die beiden sich kabbelnden Hauptfiguren manchmal fast an klassische Hollywood-Paare aus einer Screwball Comedy, und auch die finden hier über das anhaltende Wortgefecht Gemeinsamkeiten. Und selbst das romantische Element wird hier fein ins Weingartner‘sche Weltbild eingearbeitet: »Zärtliche Berührungen killen Stresshormone« – wer kann sich einer solchen Logik widersetzen?

Thomas Vorwerk

 


Start: 19. Juli

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