Zur »Bürgerinitiative Schwandorff« gesellt sich neben der Atomkraftgegnerin Monika (Anna Maria Sturm) auch der Pfarrer (Harry Täschner) © IF…Productions/ Erik Mosoni

Am Ende strahlen die Gegner

»Wackersdorf« von Oliver Haffner ist ein erschreckend zeitloser historischer Polit-Thriller, erzählt mit der perfiden Gemütlichkeit einer an Komödien erinnernden Dramaturgie im ländlichen Umfeld.

Im Jahr 1981 will Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) mit Durchhalteparolen den Konjunkturrückgang des strukturschwachen Landstrichs, Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz, entschärfen, wird aber von seinen roten Parteigenossen rüde abgestraft. Der Lokalpatriarch sitzt auf einem angesägten Ast, da kommt der Besuch des Umweltministers aus der CSU-Regierung (Sigi Zimmerschied), der gönnerhaft seine hochwertigen Weißwürste aus München mitgebracht hat, trotz des herablassenden Tonfalls wie gerufen. Mit einer so harmlosen wie zukunftsgerichteten Wiederaufbereitungsanlage sollen 3.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Etwaige Bedenken zerstreut auch ein auf den Fuß folgender Lobbyist (Fabian Hinrichs), der zusammen mit Schuierer, dem er sofort das freundschaftliche Du anbietet, alles planen will. Doch je weiter die Planungen voranschreiten, umso argwöhnischer wird der Landrat, der sich nicht scheut, sich durch einen dicken Fachwälzer (statt der hübschen bunten Prospekte der »Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen «) zu quälen oder nachzufragen, warum auf den Bauplänen des Gebäudekomplexes ein 200 Meter aufragender Schornstein zu erkennen ist (jener soll lediglich »radioaktive Abfälle in höhere Luftschichten lenken, um die Belastung der Umgebung zu minimieren«).

Mit den regionalen Umweltaktivisten, zu denen etwa der Ortspfarrer oder der Physiklehrer von Schuierers Tochter gehören, befasst sich der Landrat erst genauer, als er Zeuge davon wird, wie ohne jede Rechtsbasis ein Protest-Turm nahe der Anlage auf Geheiß aus München von der lokalen Polizei umgerissen wird. Die vermeintlich »langhaarigen Chaoten« sind größtenteils gar keine autonomen Krawallbrüder, sondern besorgte Bürger aus unterschiedlichsten Schichten wie die »Mütter gegen Atomkraft«, gegen die die CSU-Regierung des Freistaats unter Franz-Josef Strauß aber mit denselben rabiaten Mitteln vorgehen wird, wenn sie dem prestigeträchtigen Provinzprojekt im Wege stehen.

Trotz Einmischung aus München vollzieht sich der politische Konflikt des sehenswerten Films vor allem auf lokaler Ebene. Man begleitet Schuierer als »Held wider Willen« im Umfeld seiner Parteigenossen, seiner eigenen Familie und seines Büro-Teams. Es entsteht ein etwas anderer Heimatfilm, der nicht in den 1950ern feststeckt, sondern trotz authentischen Zeitund Lokalkolorits heute noch sehr aktuell ist. Als sich herauskristallisiert, dass Schuierer eine notwendige Unterschrift wegen seines erwachenden Umweltbewusstseins verweigern könnte, verabschiedet man fix eine Gesetzesänderung (inoffiziell »Lex Schuierer« genannt), die ihn quasi entmachtet. Ähnliche Situationen erlebt man aktuell in vielen angeblich demokratischen Ländern, wo auf ungestützte Verdachtsmomente der Regierenden hin Amtsträger abgesetzt und darüber hinaus allzu mündige Bürger mundtot gemacht werden.

Ein kleines Wunder ist es, wie die kommunalen Schreibtischkämpfe und die schwelende Paranoia (ein Unfall, der vielleicht doch keiner war, wie in Mike Nichols' Anti- Atom-Thriller Silkwood, scheint nicht abwegig), gepaart mit dokumentarisch gestützter Zeitgeschichte in Wackersdorf fernab etablierter Filmgenres erstaunlich gut ineinandergreifen. Regisseur und Co-Autor Oliver Haffner (Ein Geschenk der Götter) kreiert aus dem fast das komplette Jahrzehnt umfassenden Kampf um die WAA Wackersdorf ein Stück filmischer Zeitgeschichte mit einer wegweisenden eigenständigen Dramaturgie.

Mittendrin mit eingeschränkter Handlungsrelevanz, aber hohem Symbolcharakter agiert Anna Maria Sturm (bekannt aus der Rosenmüller-Heimat-Trilogie Beste Zeit/Beste Gegend/Beste Chance) als aufgebrachte Mutter. Deren eigene Mutter Irene Maria Sturm gründete seinerzeit die »Bürgerinitiative Schwandorf« und wurde später Landtagsabgeordnete der Grünen. Im Presseheft erinnert sich die Schauspielerin an ihre Vorschulzeit, die kein Zuckerschlecken war, wenn bei Wind und Wetter der Infostand betreut werden musste. »Müssen wir heute schon wieder zur WAA?«, jammerte die Kleine damals öfters. Dass es sich gelohnt hat, erlebt man im Film mindestens auf zweifache Weise.

Thomas Vorwerk

 


Start: 20. September

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