Alljährliches Ritual: der Kurzfilmabend auf dem Dampfer MS Starnberg © Jörg Reuther

Zeit, dass sich was dreht

Das 12. Fünf Seen Filmfestival steht diesmal unter einem spannenden Motto.

Von Berlin nach Paris in einer Sekunde? Kein Problem! Vom Hochmittelalter in die Weimarer Republik? Ein Katzensprung! Der Faktor Zeit spielt im Film eine besondere, ganz andere Rolle als in der Realität. Ein guter Grund dafür also, dass Matthias Helwig, Leiter des Fünf Seen Festivals, sich in diesem Jahr auch für das Filmfest-Motto »Zeit« entschieden hat: »Zeit ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft ein großes Thema. Die Zeit, die uns fehlt, die Zeit, die wir brauchen, die Zeit, die wir haben. Zeit, die sich dehnt, und Zeit, die sich auf einen Moment verkürzt. Dies alles wird im Film abgebildet, zum Beispiel im Rhythmus des Schnitts oder in der Länge der Formate Kurzfilm, Spielfilm, Epos oder Serie.«

Zeit war allerdings auch in der Planung der 12. Ausgabe dieser Cineasten-Institution ein wichtiger Aspekt. Denn erstmals findet das Festival im Fünfseenland südlich von München nicht im Juli/August, sondern im September statt. Helwig wollte mit der Versetzung ans Ende der bayerischen Schulferien auch das eigene Profil stärken, den Abstand zum Filmfest München vergrößern. Und nach dem Hitzeschock fast schon prophetisch klingt aus seinem Mund ein weiteres Argument, nämlich: »dem unkalkulierbaren Risikobereich des Wetters im Hochsommer« aus dem Weg zu gehen.

Wie immer gibt das Fünf Seen Festival seinen interessierten Besuchern auch die Gelegenheit, spannende Persönlichkeiten aus der Filmbranche in Podiumsdiskussionen und Retrospektiven näher kennenzulernen. Passend zum Motto »Zeit« gibt sich diesmal die renommierte deutsche Cutterin Bettina Böhler (Barbara) die Ehre. Sie wird ein Panel zum Thema »Zeit zum Entwickeln eines Filmstoffes« leiten und an einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Kinos unter dem Titel »Die Zeiten ändern sich« teilnehmen. Aus der Zeit gefallen scheint dahingegen ein weiterer Stargast, der Schauspieler, Autor und – nun auch – Regisseur Josef Bierbichler. Die Lokalgröße, Bierbichler ist am Starnberger See geboren und lebt auch dort, wird aus ihrem autobiografischen Zeit- und Familienroman Mittelreich lesen (10.9.) und ihre genialische filmische Zeitreise durchs eigene Leben Zwei Herren im Anzug vorstellen (9.9.). Aufschluss- und anekdotenreich wird sicher auch ein Filmgespräch mit Bierbichler und Dominik Graf am See in der Politischen Akademie in Tutzing (9.9.).

Im Mittelpunkt stehen bei allen Fach-Diskursen und lieb gewonnenen Events wie der Dampferfahrt (11.9.) aber nach wie vor die Filme: Rund 150 sorgsam ausgewählte Produktionen werden in mehr als 300 Vorstellungen auf insgesamt 15 Leinwänden in den Spielstätten Starnberg, Gauting, Schloss Seefeld und Weßling präsentiert. Beschränken will man sich dabei auf anspruchsvolle, aber deshalb nicht weniger unterhaltsame Filme aus dem mitteleuropäischen Raum. Genau diesen Spagat verspricht auch der Eröffnungsfilm Styx (6.9.) von Wolfgang Fischer. Darin erleben wir eine fantastisch aufspielende Susanne Wolff, die sich bei einem Solo-Segelturn eine Auszeit vom stressigen Arbeitsalltag erhofft. Doch als sie ein hoffnungslos überladenes Flüchtlingsboot auf hoher See erspäht, ist es mit der Ruhe erst mal vorbei. Ihre Fragen, ihre Ängste und auch ihre Hilflosigkeit im Angesicht des Todesdramas spiegeln die aktuelle Flüchtlingsdebatte wider. Ein wahrlich zeitdrängendes Thema und damit auch ein programmatisch idealer Startschuss für das 12. Fünf Seen Filmfest.

Florian Koch


12. Fünf Seen Filmfest. 6. bis 15. September. Weitere Infos zum Festival auf: fsff.de.

 

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