Kurt (Tom Schilling) verliebt sich in Elisabeth (Paula Beer) © The Walt Disney Compony GmbH

Wieder einmal großes Kino

Florian Henckel von Donnersmarck nimmt sich in »Werk ohne Autor« sehr überzeugend drei Jahrzehnte deutscher Geschichte in drei fesselnden Stunden vor.

Nach dem »Auslands«-Oscar für Das Leben der Anderen wurde Florian Henckel von Donnersmarck als nächste große Filmhoffnung gefeiert wie nahezu niemand je zuvor. Die Ernüchterung aufgrund seines internationalen Debüts The Tourist war deutlich spürbar, doch mit seiner Rückkehr zum Sujet der jüngeren deutschen Geschichte in der fiktivisierten Gerhard-Richter-Biografie von Werk ohne Autor schloss er direkt an seine Sternstunde an und wurde bereits zur nächsten deutschen Oscar-Einreichung bestimmt.

Dresden 1937. Der sechsjährige Kurt Barnert (Cai Cohrs) liebt seine Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) inbrünstig. Sie nimmt ihn mit zu einer Ausstellung »entarteter« Kunst (mit Lars Eidinger als Museumsführer), teilt aber im streng geheimen Flüsterton seine Verehrung für die außergewöhnlichen Kunstwerke, die die Naziregierung öffentlich verurteilt (»so schauten kranke Geister die Natur!«). Vielleicht beeindruckt den Knaben aber auch, dass so ein Kandinsky 2000 Mark wert ist, »mehr als das Jahresgehalt eines deutschen Arbeiters«.

Als die liebe Tante etwas wunderlich wird und sich wegen des besonderen Klangs splitterfasernackt einen schweren Aschenbecher an die Stirn knallt, sagt sie: »Sieh nicht weg, Kurt! Alles, was wahr ist, ist schön!« Nicht ganz so schön ist es, dass Tante Elisabeth von den Nazis erst weggesperrt wird und dann mit der Begründung »Die Hege und Pflege unwerten Lebens darf keinem deutschen Soldaten den Krankenhausplatz nehmen« euthanisiert wird. In einer zentralen Parallelmontage, die neben dem Tod der Tante auch Kriegsopfer in Kurts Familie thematisiert (während der kleine Kurt erst später sichtbar altert), setzt sich der Regisseur mit einer Chuzpe, die man durchaus auch kritisieren kann, über die Gesetze der Zeit hinweg. Im Dienste einer eindeutigen Künstlerbiografie wird alles verdichtet.

Die zweite Hälfte des über dreistündigen Epos löst sich abgesehen von einem dunklen Familiengeheimnis ab von den Kriegsgräueln, nun wird Kurt von Tom Schilling (Crazy, Oh Boy) gespielt. Er setzt sich nach einer kleinen Karriere als ostdeutscher Propaganda-Maler (sozialistische Arbeiter und politische Leitfiguren) Anfang der 1960er nach Düsseldorf ab, um inmitten der Avantgarde seine höchstpersönliche künstlerische Linie zu entdecken. Der Wandel des Films zur historisch unterfütterten Kunstsatire à la Art School Confidential wirkt zunächst befremdlich, doch nebenbei verliebt sich Kurt in eine gleichaltrige Näherin aus gutem Hause (Paula Beer), die nicht nur vom Typ her an die Tante erinnert, sondern ebenfalls Elisabeth heißt (aber Ellie genannt wird). Deren Vater, der angesehene Gynäkologie- Professor Carl Seeband (Sebastian Koch), ist auf Kurt gar nicht gut zu sprechen und unternimmt so ziemlich alles, um die junge Liebe zu unterbinden. Während man gebannt die Bemühungen des Vorzeigeschurken beobachtet, dreht sich Kurts Leben um sein künstlerisches Coming-out unter der Ägide des leicht als Joseph-Beuys-Double zu erkennenden Kunstprofessors Antonius van Verten (Oliver Masucci aus Er ist wieder da). Und auch wenn von Donnersmarcks eigentümliches Biopic hier und da etwas holprig vorankommt, muss man den akribischen Handlungs- und Spannungsbogen doch bewundern. Hand in Hand mit der auf filmgerecht abgepassten Beuys-Biografie ist auch die Basis für Kurt Barnerts Künstlerleben, das ganz auf dem Schicksal und Vorbild der Tante aufbaut, exakt jene larger-than-lif-Extravaganz, die dem Regisseur vorschwebte, als er erstmals von der Gerhard-Richter-Monografie des Journalisten Jürgen Schreiber erfuhr, die ihn zum Film inspirierte.

Es gibt Elemente im Film, die etwas dick aufgetragen sind. Vieles wird bis zum Exzess parallelisiert, etwa die Biografien von Ellies und Kurts Vätern (Letzteres eine hübsche Miniatur von Jörg Schüttauf), die darin kulminieren, dass Professor Seeband Kurt einen Job vermittelt, bei dem er wie zuvor sein Vater Treppen schrubbt, während sein Schwiegervater, ganz der Herrenmensch, symbolträchtig auf ihn herabblickt. Doch solche Momente sind bei aller Kritik eben auch typisch fürs große emotionale Kino. Was Werk ohne Autor indes auszeichnet, ist die unbeschwerte Lösung von solchen Klischees, während sich die (Film-)Geschichte eine ganz eigene Bahn wählt. Und das ist, so unglaublich es klingen mag, tatsächlich volle drei Stunden lang immens faszinierend.

Thomas Vorwerk

 


Start: 3. Oktober

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