Kurz vor dem nächtlichen Start – der Ballon entfaltet sich © Studiocanal GmbH / Marco Nagel

Grenzenlose Freiheit

Alter Name, neue Motivation: Komödienspezialist Michael Bully Herbig versucht sich mit »Ballon« erfolgreich im Genre des Thrillers.

Zwei Familien, eine irre Idee: Ende der 70er-Jahre wollen Peter und Doris Strelzyk (Friedrich Mücke, Karoline Schuch) und Günter und Petra Wetzel (David Kross, Alicia von Rittberg) samt ihren Kindern mit einem Heißluftballon aus der DDR fliehen. Michael Bully Herbig, der mit Komödien wie Der Schuh des Manitu ein Millionenpublikum zum Lachen brachte, legt mit dem auf wahren Ereignissen beruhenden Ballon seinen ersten Thriller vor: ein packender, handwerklich perfekt gemachter Wettlauf gegen die Zeit, der auch dem Vergleich mit ähnlich gelagerten US-Produktionen standhält.

APPLAUS: Herr Herbig, es gibt viele Filme über die DDR. Was hat Sie denn genau an dieser Geschichte gereizt?
MICHAEL BULLY HERBIG: Ein paar Jahre später, also Mitte der 80er, als ich so alt war wie der Frank im Film, habe ich die erste Verfilmung von Disney gesehen. Damals konnte ich die Geschichte politisch und historisch nicht richtig einordnen. Denn es war mir ein Rätsel, dass ganz normale Leute, die nichts verbrochen haben, ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, um in Freiheit zu leben. Dass diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, hat mich schlichtweg umgehauen und mich auch noch lange beschäftigt. Ein anderer Punkt kommt hier aber auch hinzu: Ich bin eigentlich Filmemacher geworden, weil ich ein großer Thrillerfan bin.

Sie haben unheimlich viele Tickets mit Ihren Komödien verkauft. Aber wird Ihr Name in diesem Fall nicht fast zu einem Problem, weil sich so mancher etwas anderes erwartet?
Ich hatte das Glück, mich sechs oder sieben Jahre auf diesen Moment vorbereiten zu können, und das hat mir auch geholfen. Neben der Tatsache, dass ich 50 geworden bin und viele Dinge selbstsicherer angehe. Es gab Leute, die mir rieten, den Namen Bully wegzulassen. Aber ich heiße nun mal so, seitdem ich zwölf bin. Kommt für mich also nicht in Frage. Dadurch entsteht für mich eher der Eindruck, als würde ich zu dem, was ich vorher gemacht habe, nicht mehr stehen.

Wie haben die Zeitzeugen Ihre Version ihrer eigenen Biografien aufgenommen?
Für mich war es eine Grundvoraussetzung, die Familien mit ins Boot zu holen. Peter Strelzyk ist leider vor über einem Jahr verstorben, aber ich hatte vorher noch die Gelegenheit, viel mit ihm zu sprechen. Herr Wetzel stand uns mit seinem Wissen während der gesamten Produktion immer zur Verfügung. Er war, was den Film betrifft, allerdings eher skeptisch, auch weil er mit der 80er-Jahre-Verfilmung gar nicht einverstanden war. Als ich Frau und Herrn Wetzel den fertigen Film zeigte, war es zwei Stunden totenstill. Und dann, als der Film zu Ende war, klatschte Frau Wetzel plötzlich in die Hände, während ihr die Tränen herunterliefen. Ihre ersten Worte waren dann bezeichnend: »Wenn einer weiß, wie es ausgeht, dann bin das doch ich. Aber ich habe die ganze Zeit mitgefiebert!«

Und der eher skeptische Herr Wetzel ...
Er lächelte mich milde an und sagte, dass es ein ganz toller Film geworden sei. Und das Schöne daran ist, dass ich zwei Wochen später den Film auch der Frau Strelzyk und ihrem ältesten Sohn Frank zeigen wollte und Herr Wetzel dann meinte, ob man ihnen nicht seine Visitenkarte geben könne. Er würde sich gerne mit ihnen unterhalten. Und das nach Jahren der Funkstille. Das Ende vom Lied ist: Wir dürfen bei der Premiere mit beiden Familien rechnen. Das finde ich großartig.

Die Familien werden von Ihnen durchaus als Helden gezeigt. Tatsächlich nahmen sie bei ihrer Flucht mit dem Ballon auch den Tod ihrer kleinen, unwissenden Kinder in Kauf.
Das ist richtig. Und den Vorwurf mussten sich die Familien auch immer wieder später anhören, wie man eben das Leben seiner Kinder in dieser Form riskieren kann. Ich glaube, man kann das nur beantworten, wenn man vor Ort in derselben Situation steckt. Ganz ähnlich steht es auch um das Verhältnis zur ehemaligen DDR. Da gibt es kein Schwarz und Weiß, das ist eine ganz individuelle Wahrnehmung und auch eine Haltungssache. Und für jede Haltung gibt es im Film einen Charakter. Ich habe mich dabei nur gefragt: Wie brutal muss ein System sein, dass es dich dazu treibt, das Leben deiner Kinder zu riskieren. Es ging immer nur um ein Leben in Freiheit, vor allem für die Kinder.

Es ist ein historischer Film, doch die Themen Flucht, Vertreibung, Überwachung sind auch heute aktueller denn je.
Meine Motivation, diesen Film zu drehen, war vor sechs, sieben Jahren keine politische. Ich wollte einfach einen packenden Thriller machen und die Zuschauer vor allem unterhalten. Was ich damals nicht geahnt hatte, war, dass sich unser politisches Klima so massiv verändern würde und der Film plötzlich so eine gruselige Aktualität bekommt, die sich auch in den Dialogen widerspiegelt. Grenzverletzung, Schießbefehl sind Schlagworte aus dem Film, die man plötzlich in der politischen Diskussion wieder in den Mund nimmt.

Florian Koch

 


Start: 27. September

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