Brian May (Gwilym Lee) und Freddie Mercury (Rami Malek) beim Konzert © Fox

It’s a kind of magic

Legenden auf der Leinwand: »Bohemian Rhapsody« ist eine bombastisch inszenierte Hommage ohne Ecken und Kanten.

Kino als Zeitmaschine. Der Film Bohemian Rhapsody bringt Freddie Mercury zurück auf die Mega- Stadionbühnen, wo er mit der Band Queen als Hyper-Performer mit nacktem Oberkörper, zum Himmel geballter Faust und anzüglich wirbelndem Mikrofonständer Hundertausende Fans zum Rasen und mit seinem »EEEEOOO« zum Mitsingen brachte. »Du bist eine Legende, Freddie!«, sagt Schlagzeuger Roger Taylor (Ben Hardy) zu Freddie Mercury (Rami Malek). »Wir sind alle Legenden«, antwortet dieser. In Bryan Singers Band-Biopic wird sich ordentlich auf die Schulter geklopft – zu Recht, keiner wird bestreiten, dass die britische Band Ungewöhnliches geleistet hat und prägend für die Musikgeschichte war. Gitarrist Brian May und Roger Taylor, die heute so etwas wie die Nachlassverwalter von Queen sind, waren mit an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt und konnten die Geschichte mit Anekdoten und Einsichten bereichern, aber natürlich auch Einfluss darauf nehmen, welches Bild von ihnen und Freddie auf der Leinwand verbreitet wird. Um es kurz zu sagen: Der Film ist erstaunlich jugendfrei und voller konfliktfähiger Menschen, es fällt kaum ein böses Wort.

Bohemian Rhapsody will etwas anderes. Der Film beschwört die Magie einer Zeit, in der sie zu viert (Bassist John Deacon vervollständigte das Quartett) Meilensteine wie den spektakulären titelgebenden Popsong erschufen. Dieser Blick hinter die Kulissen zeigt, welche kreative Kraft sie zusammen entwickelten. Die ganze Komposition im Tonstudio war ein Kraftakt, bei dem alle technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit ausgereizt wurden. Die vier Queen- Musiker hörten sich am Ende wie ein 180-köpfiger Chor an. Mehrere Wochen arbeiteten sie an dem sechs Minuten langen Stück. Clipartig zeigt der Film die Entstehung des Stücks – kleine Reibereien inklusive. Als Roger Taylor es satthatt, das x-te superhohe »Galileo« zu singen, zickt er herum und bekommt von Mercury zu hören: »In dieser Band ist nur Platz für eine Drama- Queen, klar Roger«.

Überhaupt Freddie Mercury. Der Film postuliert ganz klar, dass die Band nie so legendär hätte werden können ohne ihn. Aber auch, dass er sie in vieler Hinsicht genauso brauchte wie sie ihn. Chronologisch arbeitet sich die Geschichte vom ersten Zusammentreffen des jungen Freddie Bulsara mit seinen späteren Bandkollegen 1970 bis ins Jahr 1985 zum Live Aid-Konzert im Wembley Stadion nach vorn. Geschildert wird die Entwicklung des Leadsängers zu einem Menschen, der sich auf der Bühne vor einem gewaltigen Publikum erst richtig frei und angekommen fühlt.

Der Weg war ein weiter. Als Immigrant aus Sansibar hatte er in London gegen Vorurteile zu kämpfen. Zudem machte ihm seine Unsicherheit aufgrund seines Aussehens mit Überbiss zu schaffen. Seine spätere Lebenspartnerin Mary Austin (Lucy Boynton) ermunterte ihn in den Anfängen, seine Vorliebe für extravagante Kleidung auszuleben, und bestätigte ihn in seinem Tun: »Der ganze Raum gehört dir. Siehst du nicht, was du sein könntest?« Mit der Umwandlung seines Nachnamens geht er noch einen Schritt weiter, die Band wird zur neuen Familie und Freddie auf der Bühne zu dem Menschen, »der ich eigentlich immer sein sollte«. Der Erfolg kommt, doch zwischen den Auftritten und der Arbeit mit der Band gibt es immer dieses »Dazwischen«, das Freddie mit exzessiven Partys zu füllen beginnt. Und eines Tages wird er seiner geliebten Mary, für die er das wunderschöne Love of my Life geschrieben hat, eröffnen, dass er bisexuell ist und diese Neigung künftig ausleben möchte.

Groß war die Neugier auf die ersten Bilder und den Trailer, der zeigte, wie Freddie-Mercury-Darsteller Rami Malek (Mr. Robot) sich in der Rolle dieser schillernden Persönlichkeit machen würde. Der erste gute Eindruck bestätigte sich, die Verwandlung gelingt perfekt – optisch und stimmlich (hier wurde zusätzlich mit tatsächlichen Studioaufnahmen von Freddie und einem Freddie-Mercury-Imitator gearbeitet). Überzeugend auf der Bühne und auch bei den leisen Tönen, die Freddie als einen sensiblen, lustigen und freundlichen Menschen zeigen. Seine erotischen Eskapaden, exzessive Partys, die zum Teil Freakshows glichen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und die spätere AIDS-Erkrankung werden nur zwischen Zeilen erwähnt oder in künstlerisch ästhetische Bilder umgesetzt wie Freddies Abtauchen in einen Leder-Gay-Club nach seinem Outing gegenüber Mary. Durchaus jugendfrei das alles, damit Eltern ihren Kindern zeigen können, wer das Idol ihrer Jugend war. Für einen Skandal sorgt nur die Entlassung des Regisseurs zwei Wochen vor Drehende. Bryan Singer war 2017 nach Thanksgiving nicht mehr an das Set zurückgekehrt, über die Gründe gibt es widersprüchliche Infos. Dem Film – einer gelungenen, die Musik und Queen feiernden Hommage – hat es scheinbar nicht geschadet.

Diemuth Schmidt

 


Start: 31. Oktober

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