Kostbare Momente zusammen: Astrid (Alba August) und ihr unehelicher Sohn Lasse (Isak Lydik Radion) © DCM / Erik Molberg Hansen

Auf der Seite der Kinder

»Astrid« ist hier die berühmte Kinderbuchautorin und doch geht dieser gelungene Film von Pernille Fischer Christensen weit über ein Biopic hinaus und erzählt von der Entwicklung einer starken Frau.

Astrid Lindgren (1907-2002), international bekannt geworden durch ihre Kinderbücher, wurde u. a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und zur »Schwedin des Jahrhunderts« erklärt. Mit 18 Jahren wurde sie unehelich schwanger (im Schweden der 1920er ein handfester Skandal), doch das tat sie der Öffentlichkeit erst mit über 70 Jahren kund. In Astrid geht es nur in einer Rahmenhandlung um die mit Säcken kindlicher Fanpost überschwemmte berühmte Schriftstellerin, die eigentliche Geschichte ist die Entwicklung einer starken jungen Frau, die um ein Leben mit ihrem kleinen Sohn Lars (genannt Lasse) kämpft.

»Ich glaube, ich wäre auch Schriftstellerin geworden, wenn das mit Lasse nicht passiert wäre. Aber ich wäre niemals eine berühmte Schriftstellerin geworden.« Diese Einschätzung richtete Astrid später einmal an eine Nichte, der Film setzt seine Geschichte als durch Geburtstagswünsche einer Schulklasse inspirierte Erinnerung an. Astrid, mit viel Vehemenz vom jungen Shootingstar Alba August gespielt, wächst mit drei Geschwistern auf einem Bauernhof auf, ehe sie 1924 ein Volontariat bei der örtlichen Zeitung beginnt. Der im Film nicht ganz die realen 30 Jahre Altersunterschied aufweisende Chefredakteur Reinhold Blomberg (Henrik Rafaelsen) ist der erste Erwachsene, der Astrid ernst nimmt und ihr schriftstellerisches Talent fördert. Gleichzeitig lässt sich der in Scheidung lebende Familienvater aber auch auf eine Affäre mit der blutjungen Schutzbefohlenen ein, die mit ihrer hin und wieder durchscheinenden wilden Art (es sind die Roaring Twenties und sie trägt eine progressive Kurzhaarfrisur, die sie in einer deutschen Frauenzeitung entdeckte) genauso alt ist wie Blombergs Tochter. Um den Skandal zu vertuschen (Reinhold droht eine Gefängnisstrafe), bringt Astrid das Kind im Ausland, in Kopenhagen, zur Welt und überlässt Lasse auch einer dänischen Pflegemutter (Trine Dyrholm, die dieses Jahr schon in Nico, 1988 begeisterte). Doch in der anfänglich so harmonischen Beziehung zeigt sich, dass Reinhold ganz andere Prioritäten setzt als Astrid, deren Mutterliebe jämmerlich unter der Zwangstrennung leidet. Mit Astrids Augen sehen wir, wie aus dem Vorbild Reinhold ganz allmählich ein Kleingeist wird, der Astrid zwar finanziell unterstützen will und ihr einen Platz im Familienhaus anbietet (inkl. neuer Küche und implizit der Kindheitsfreundin als »Stieftochter«!), dabei aber immer sein eigenes Wohlergehen im Blick hat.

Thomas Vorwerk

 


Den vollständigen Artikel finden Sie im Applaus-Heft 12/2018.

Start: 6. Dezember

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