Auf dem Dach des Apartmenthauses, in dem sie arbeiten und leben, genießen Ratna (Tillotama Shome) und Laxmi (Geetanjali Kulkarni) einen Moment der Ruhe © Neue Visionen Filmverleih

Zwei Welten unter einem Dach

Rohena Gera inszeniert in »Die Schneiderin der Träume« eine Liebe, die es so nicht geben darf

Bei den Frauen in Indien, die unter sexueller Gewalt leiden, geht etwas voran. Stars aus der Bollywood-Filmszene und andere aus der Künstler- und Kulturszene haben angefangen, in den sozialen Medien ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt unter dem Hashtag #MeToo öffentlich zu machen. Etwas, das bisher unvorstellbar war, wurde Realität. Allein die Tatsache, dass ein Tabu für die Menschen vorstellbar wird, kann zur Weiterentwicklung einer Gesellschaft führen. Davon ist die indische Regisseurin Rohena Gera überzeugt und es war ein Antrieb für sie, Die Schneiderin der Träume zu inszenieren. Geras Film stellt eine der vielen Frauen, die als Dienstmädchen in den Haushalten der Wohlhabenden ein Dasein mit ständiger Verfügbarkeit fristen, als einen Menschen mit einem Recht auf Gefühle und Träume dar – im indischen Kastensystem eine Ungeheuerlichkeit.

Ratna (Tillotama Shome, Moonson Wedding) hätte eigentlich als Dienstmädchen für das Wohl eines frischverheirateten Paares in Mumbai sorgen sollen, doch die arrangierte Bilderbuch-Hochzeit platzt und der betrogene Bräutigam in spe Ashwin (Vivek Gomber) kehrt allein zurück. Sein Dienstmädchen und er leben nun in einer Wohnung, in der sie einen eigenen kleinen Raum für sich hat. Die relative Freiheit, aus dem Dorf wegzugehen und zu arbeiten, ist für Ratna nur möglich, weil sie eine junge Witwe ist.

Das Dienstmädchen erweist sich als Segen für den depressiv Gestimmten, der nach der Arbeit meistens vor dem Fernseher versumpft. Sie fängt die Anrufe seiner besorgten, nervigen Mutter ab und versteckt die vielen bunten Hochzeitsgeschenke in ihrem Raum, damit sie ihn nicht an seine falsche Brautwahl erinnern. Sie, die Unterprivilegierte, fühlt mit ihm mit und stellt für sich fest, dass auch die Reichen es nicht immer einfach haben und von den Konventionen der Gesellschaft unterdrückt werden.

Diemuth Schmidt

 


Den vollständigen Artikel finden Sie im Applaus-Heft 12/2018.

Start: 20. Dezember

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