Möchtegern- Pilot Stefan (Lars Eidinger) © PORT AU PRINCE PICTURES

Leise Töne für starke Emotionen

Der Regisseur Edward Berger erzählt in dem gelungenen Episodenfilm »All my Loving« die Geschichte dreier Geschwister und trifft dabei so manchen Nerv des Zuschauers.

Drei Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, ein steriles, schickes Restaurant, das der älteste Bruder ausgesucht hat und das nicht allen behagt, sowie die unangenehme Frage, wer zu den Eltern fahren muss, um den kranken Vater dazu zu bewegen, endlich zum Arzt zu gehen. Der Prolog von All my Loving hat das Potenzial, sich zu einem Film mit großem Familiendrama zu entwickeln, in dem mit großen Gesten und Emotionen viel Porzellan zerschlagen wird, bis sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Könnte so sein, wäre nicht Edward Berger der Regisseur, der sich in seiner Arbeit dem amerikanischen Independent-Kino von Ang Lee, Todd Haynes, Todd Solondz oder Lisa Cholodenko nahe fühlt. Sein Stil hier: einfach nur über das Leben in der bürgerlichen Mitte erzählen, ohne forcierte dramatische Zuspitzungen, aber trotzdem intensiv.

Dafür gibt der Regisseur jedem der drei Personen genug Raum mit einer eigenen Episode, die mit den Titeln »Das wird schon wieder«, »Inglaterra, ein Traum« und »Alles, was er anfasst« überschrieben sind. Berger beginnt seine »Geschichte von drei Geschwistern« mit dem Ältesten, Stefan, gespielt von Lars Eidinger in einer Paraderolle mit arroganter Attitüde. Stefan liebt seinen Beruf als Pilot und definiert sich über ihn und seinen Status. Die Uniform zieht er auch abends an, um in Catch-me-if-you-can-Manier in den Berliner Hotelbars Frauen für seine sexuellen Abenteuer zu gewinnen. Sein Leben besteht aus einer Fassade mit Sportwagen und Freunden, vor denen er den kosmopoliten Lebemann geben kann. In Wirklichkeit wurde er aufgrund eines Gehörleidens für fluguntauglich erklärt. Als sich seine 13-jährige Tochter an ihn wendet und ihm erzählt, dass sie es bei der Mutter nicht mehr aushält und ausziehen will, kann er ihr nicht mehr als ein unverbindliches Lächeln für ein Selfie bieten. Herausgefordert wird er jedoch, als sie für eine Nacht verschwindet und ihn lang verschüttete Gefühle beschleichen.

Die Verbindung zur zweiten Episode rund um Julia (Nele Mueller-Stöfen) stellt ihr Hund Rocco dar. Stefan hatte sich für alle anderen überraschend bereit erklärt, das Tier zu sich zu nehmen, damit Julia mit ihrem Mann für ein verlängertes Wochenende nach Turin fahren kann. Er vermeidet damit, sich um den Vater kümmern zu müssen, dieser Job bleibt für Tobias. Doch zurück zu Julia: In Italien zeigt sich, dass ihre große Hundeliebe eine Obsession darstellt, und in bitterkomischen Szenen rettet sie einen Straßenhund, der angefahren wurde. Sie schmuggelt ihn ins Hotel und lässt einen Arzt kommen, der das Anliegen der Touristin nicht verstehen kann – und das liegt nicht nur an der Sprache. Das alles wirkt rührend, verzweifelt und auch irgendwie durchgeknallt. Besonders bitter dabei ist, dass sie sich mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) um eine Wiederbelebung ihrer Beziehung kümmern wollte. Bei einem Abendessen mit Freunden kommt es zu einem Eklat und man versteht erst jetzt, welche Verletzungen sie und ihr Mann mit sich herumtragen.

Wenn Tobias (Hans Löw, In my room), der Jüngste, im Auto sitzt und in seinen alten Heimatort zu den in einem viel zu großen Haus lebenden Eltern fährt, wo er in seinem alten Zimmer wohnen wird, braucht es nicht viele Worte, um seine Gefühle nachzuvollziehen. Er ist der, der nie richtig erwachsen wurde, obwohl er selbst Vater von drei Kindern ist. Als Langzeitstudent und Hausmann bekommt er vom Vater (Manfred Zapatka) keinen Respekt. Er selbst weiß auch nicht, wo er sich verorten soll, das zeigt eine skurrile Szene in einer Bar, in der Tobias zufällig Teil der Geburtstagsfeier einer 18-Jährigen (Lea van Acken) wird, mitsäuft und sich zugehörig fühlt, letztlich aber allein zurückbleibt, als die Gruppe weiterzieht. Mit Tobias etabliert Edward Berger die Männerfigur des »Kümmerers«, die im Kino bisher wenig vertreten ist. Er will den Eltern helfen, doch deren Widerspenstigkeit macht ihm zu schaffen. Drei Geschichten so unterschiedlich wie die drei Geschwister und doch greifen sie stimmig ineinander und ergänzen sich auf ihre eigene Weise. Es geht um drei Menschen, die viel Liebe geben können, aber noch nicht den richtigen Weg dafür gefunden haben. Berger blickt unaufgeregt und mit viel Empathie auf sie. Dabei bringt er wie schon bei seinem Film Jack zwischenmenschliche Nöte auf die Leinwand und empfiehlt sich nach der Fernsehserie Deutschland ’83 und auch internationalen Produktionen wie der Miniserie Patrick Melrose mit Benedict Cumberbatch für weitere, große Projekte. Eines hat er schon am Haken: Leonardo DiCaprio hat den deutschen Regisseur für seinen von ihm produzierten Film über den VW-Abgasskandal verpflichtet.

Diemuth Schmidt


Start: 23. Mai. 

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