Der einsame Vincent van Gogh (Willem Dafoe) bei seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Malen © DCM

Unbedingter Stilwille

Der Regisseur und bildende Künstler Julian Schnabel drehte mit »Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit« einen weiteren Film über die Maler-Ikone.

Es gibt nur wenige bildende Künstler, die über ihr eigentliches Werk hinaus von einem Mythos umgeben sind wie Vincent van Gogh. Somit wurde der holländische Maler (1853-1890) mehrfach zum Filmthema, etwa in Vincente Minellis Lust for Life (1956), Robert Altmans Vincent and Theo (1989) oder jüngst im aufwendigen Animationsfilm Loving Vincent. Wie seine Vorgänger Kirk Douglas und Tim Roth beeindruckt der neueste Van-Gogh-Darsteller Willem Dafoe durch die Intensität, mit der er in Van-Gogh–An der Schwelle zur Ewigkeit den berühmten Künstler verkörpert – was wohl auch zur vierten Oscarnominierung des Ausnahmedarstellers nach Platoon, Shadow of the Vampire und The Florida Project führte. Daran ändert auch nichts, dass Dafoe gut ein Vierteljahrhundert älter ist, als van Gogh je wurde.

Noch bezeichnender als der Hauptdarsteller ist für den Film aber der Regisseur. Julian Schnabel war bereits viele Jahre selbst in der Kunstbranche tätig, ehe er zur Filmregie fand. Er liefert nach seinem Debüt Basquiat erneut ein Künstlerporträt, das sich weit entfernt von den üblichen Biopics, die die Stationen einer Biografie abklappern. Die Intensität der Bilder van Goghs wird hier zum inszenatorischen Prinzip. Der Stilwillen ist von der ersten Einstellung ab unübersehbar. Im Dunkeln hört man Klaviergeräusche (es Musik zu nennen, würde falsche Erwartungen schüren), dann spricht Dafoe über seine Lebensziele, ehe eine oft subjektiv eingesetzte Wackelkamera sich (oft mit harten Schnitten) auf filmische Weise von einer naturalistischen Abbildung distanziert. Die Kadrierung des Films ist ebenso gewöhnungsbedürftig: Oft schneidet man Stirnpartien ab oder nagelt die Kamera quasi den Darstellern auf die Stirn, um die unmittelbare intime Nähe, aber auch die ärmlichen Verhältnisse darzustellen. Die herkömmliche »Handlung« des Films mäandert um die letzten Jahre van Goghs, jene Zeit, als er in kürzester Zeit den wichtigsten Teil seines Werkes produzierte.

Dabei wird Dafoe begleitet von einer unaufdringlichen Riege von Schauspielstars, etwa Mads Mikkelsen und Mathieu Amalric als Ärzte, Oscar Isaac als Maler-Kollege Paul Gauguin, Emmanuelle Seigner als verhinderte Mäzenin Madame Ginoux oder Rupert Friend, der aus gutem Grund Unbekannteste in diesem handverlesenen Kreis, als Theo van Gogh, Bruder und Kunsthändler. Natürlich geht es im Film auch um die Sache mit dem Ohr, den chronischen Misserfolg zu Lebzeiten, die zunächst mysteriösen Todesumstände und die Vorgeschichte jenes unerwarteten Sensationsfundes, eines großen Notizbuches (eigentlich ein Kassenbuch), das Seite um Seite mit Zeichnungen des missverstandenen Meisters gefüllt ist. Aber der auf Briefen des Künstlers aufbauende Film zieht den Betrachter vor allem über seine Inszenierung in den Bann. Teilweise überspannt Schnabel den Bogen etwas. Gauguin kritisiert van Goghs Technik, Partien der Leinwand bereits wieder zu übermalen, bevor er das sich so ständig in Veränderung befindliche Gemälde überhaupt verinnerlicht hat. Filmisch wird das in einer kryptischen Passage durch Doppelbelichtungen (inklusive doppelter Tonspur) nachempfunden. Doch das generelle Prinzip des Films ist ebenso verständlich wie einleuchtend, selbst für Zuschauer, die eher nicht zur Interpretation neigen. So liefert van Gogh auch immer wieder selbst den Schlüssel zum Verständnis der Herangehensweise. Über Shakespeare sagt er etwa: »Er schreibt gut, manche Zeilen sind nicht besonders klar, aber ich mag das!« Und exakt auf diese Art setzt Schnabel das auch um, mit einer verzweifelten Energie, einer Leidenschaft für die Kunst, die sich auch mal in Großaufnahmen von den Löchern in van Goghs Socken spiegelt (analog zum Gemälde Ein Paar Schuhe).

Der aus Einsamkeit und Depression erwachsende Wahn führt zu einem fragwürdigen Vergleich, sowohl aus der Sicht Vincents als auch in der Inszenierung Schnabels: Jesu Gespräch mit Pontius Pilatus, der späte Ruhm des Gottessohnes, sogar die Umstände seiner Beerdigung. Alles findet sich auch in der letzten halben Stunde des Van-Gogh-Films wieder, den der trauernde Bruder Theo mit den Worten »Oh God, will you receive your son?« abschließt. Paul Gauguin umschreibt im Film mal van Goghs Umfeld als aus bösartigen Ignoranten bestehend. Dem Kinozuschauer bleibt es überlassen, den Größenwahn von Vincent und Julian gutzuheißen oder die Distanz zu wahren, die nicht automatisch kleinbürgerlich sein muss. Thomas Vorwerk

Diemuth Schmidt


Start: 18. April. 

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