Bankräuber aus Prinzip: Forrest Tucker (Robert Redford) © 2018 Eric Zachanowich DCM

Abgang mit Würde

Mit feinsinnigem Spiel gibt Robert Redford in dem interessant erzählten Film »Ein Gauner und Gentleman« eine passende Abschlussvorstellung für sein Leben als Schauspieler.

Sie lassen uns vergessen, dass sie eigentlich Verbrecher sind, und gewinnen unsere Herzen: die smarten Gentleman-Gangster. Was sie auszeichnet, ist ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und unwiderstehliche Raffinesse. Neben der richtigen Attitüde zählt auch, zu vermitteln, dass es bei den Coups nicht vorrangig ums Geld geht, sondern die Schurkerei fast als eine Art Kunstform zu verstehen ist – und dass man natürlich auch für die richtige Frau bereit wäre, alles zu stehlen.

Irgendwo in der Grauzone zwischen Gut und Böse geht auch Forrest Tucker (Robert Redford) in Ein Gauner und Gentleman seinen kriminellen Machenschaften nach, perfekt in Szene gesetzt von Regisseur David Lowery (The Saints, A Ghost Story). Gewalt bei einem Banküberfall? So etwas setzen doch nur Amateure ein. Für Forrest Tucker steht fest, dass ausgezeichnete Räuber durch ihre Präsenz die Situation und den Raum beherrschen müssen. Und so schlendert er mit der Nonchalance eines älteren Herrn im guten Anzug mit Hut in ein Geldinstitut, plaudert mit der Dame hinter dem Schalter und verlässt mit einer Menge Geld in der Tasche unbehelligt wieder die Bank. Die Ausgeraubten können sich danach nicht mehr erinnern, ob er überhaupt eine Waffe dabei hatte oder nicht. Einmal draußen verfliegt der Zauber natürlich und er muss wie jeder Kriminelle sehen, dass er schnell vom Tatort wegkommt, denn die Polizei ist unterwegs. Aber auch für die Flucht hat Tucker über Jahrzehnte erprobte Methoden, schließlich ist er mit seinen 70 Jahren schon länger im Geschäft. Im Magazin New Yorker las das Produzentenduo vor Jahren den inspirierenden Artikel über den berühmten Gesetzesbrecher Forrest Tucker, der 18 Mal aus dem Gefängnis entkam und nach einem letzten Coup zur Krönung seines Lebens mit 80 Jahren mal wieder ins Gefängnis gewandert war. Im Film setzt die Handlung 1981 ein und damit in einer Zeit, in der Tucker mit seinen ähnlich alten Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) unter dem Namen »Over-the-Hill-Gang« eine Bank nach der anderen ausraubt.

Dreimal war der echte Forrest Tuckerverheiratet, doch nur seine letzte Frau wusste, wer er wirklich war. Im Film verliebt sich Forrest in eine unabhängige, geerdete Witwe, die mit ihren Pferden und einer Ranch völlig anders lebt als er, mit der er aber eines gemeinsam hat: Sie wollen viel aus dem Leben für sich herausholen. Sissy Spacek erweist sich in der Figur der Jewel als Glücksgriff, um die komödiantisch angelegte, aber auch tragische, weil eigentlich unmögliche, Liebesgeschichte zu erzählen. Damit die Geschichte eines großen Gangsters Pfiff bekommt, benötigt man auf der anderen Seite einen ebenbürtigen Gesetzeshüter. Ebenso wie Tucker seine Lebenserfüllung in Banküberfällen sieht, fühlt sich John Hunt (Casey Affleck) erst richtig wohl, wenn er Kriminellen auf die Schliche kommen und sie dann jagen kann.

Da er dieses so genießt, muss es dabei nicht unbedingt schnell gehen, was dem Film eine ungewöhnliche Behäbigkeit verleiht, die aber auch zu den 80er-Jahren passt, in denen man sich ohne mobile Kommunikationsmittel und Internet noch leichter verstecken konnte. Hunt lässt sich also Zeit, was zu witzigen Szenen führt wie dem einzigen Zusammentreffen von Tucker und seinem Jäger auf der Toilette eines Diners. Laut seiner eigenen Aussage soll Ein Gauner und Gentleman Robert Redfords Abschied von der Schauspielerei sein. Besser hätte dieser letzte Film nach einer 40-jährigen Karriere nicht gewählt sein können. Forrest Tucker mit seinen Facetten wirkt wie eine Retrospektive der Rollen Redfords. Bezüge zu seinen früheren Hollywoodfilmen gibt es für Kenner genug zu entdecken, aber auch inhaltlich stellt Regisseur Lowery Verbindungen zwischen den beiden Personen her. Tucker lebte mit Hingabe für eine Sache, wollte Maßstäbe setzen und seine Existenz nach eigenen Vorgaben gestalten. Redford ging mit dem Sundance Institute eigene Wege und etablierte sich als Förderer des Independent-Films, was wiederum Filmemachern wie Lowery zugute kam. Aber erst einmal heißt es jetzt, noch mal zu genießen, wie Robert Redford als charmanter Antiheld die Menschen um den Finger wickelt und beweist, dass man mit Psychologie besser ins Schwarze treffen kann als mit einer Waffe.

Diemuth Schmidt 


Start: 28. März. 

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