Liv (Luise Heyer) und im Hintergrund ihre große Liebe Malte (Maximilian Brückner) © ONE TWO FILMS

Wer mit den Fragen beginnt …

»Das schönste Paar« ist ein cineastischer Dornenpfad auf der Suche nach dem Glück.

Liv (Luise Heyer) und Malte (Maximilian Brückner) haben im Urlaub nächtlichen Sex am Strand. »Glaubst du, uns hat jemand gesehen?« – »Na, soll'n sie doch!« Als die drei alkoholisierten jungen Männer, die tatsächlich Zeugen des Schäferstündchens wurden, das Paar in der Urlaubswohnung überfallen und Liv vergewaltigt wird, kippt der so harmlos beginnende und Das schönste Paar benannte Film schon früh, doch nach dem elliptisch ausgesparten Therapie- Zeitraum scheint das Lehrer-Paar die beklemmende Episode tatsächlich verarbeitet zu haben, sie wirken glücklich, zärtlich und »aufgeräumt«.

Das geht so lange gut bis Malte den Haupttäter zufällig in einer Imbissstube wiedererkennt und ihm und seiner Freundin nachstellt, was über kurz oder lang alle Therapieerfolge zunichtemacht. Eines von Murphys Gesetzen lautet: »Wenn man eine Dose Würmer öffnet, braucht man immer eine größere Dose, wenn man die Würmer wieder eindosen will.« Die wabernden Würmer wie aus David Lynchs Blue Velvet suchen sich in diesem Film ein neues Zuhause. Musiklehrer Malte referiert dazu passend über »Ohrwürmer«: Warum wird man manche Lieder nicht wieder los, obwohl man sie hasst?

Der aus Hamburg stammende Regisseur Sven Taddicken ist für Filme bekannt, die unerschrocken bis unbequem sind, die die Themen Liebe und Gewalt immer auf unterschiedliche Weise kollidieren lassen. Das war auf harmlosere Weise schon in seinem Debüt Mein Bruder der Vampir der Fall, deutlicher sah man dies in Emmas Glück und Gleißendes Glück. Das Glück des jungen Paares spielt auch hier eine wichtige Rolle: Soll man ignorieren oder agieren? Und was passiert, wenn man sich über die Vorgehensweise nicht ohne Weiteres einig wird? Solch eine Geschichte ist immer ein Drahtseilakt, gerade auch zwischen der Liebe und dem Glück auf der einen, der Gewalt und der Dramatik auf der anderen Seite.

Wenn Taddicken Liv knapp eine Filmminute nach der Vergewaltigungsszene wieder lächeln lässt (über die ausgesparte Therapie wird man erst später informiert), befremdet dies, manche Konfrontation, bei der sich Malte und der Täter Auge in Auge gegenüberstehen, wirkt etwas stark arrangiert, aber im Großen und Ganzen funktioniert der Konflikt, nicht zuletzt durch die großartige Besetzung.

Maximilian Brückner ist nach Sophie Scholl – Die letzten Tage, Resturlaub und den Fernsehserien Tannbach und Hindafing schon hinreichend bekannt, seine Kollegin Luise Heyer erfuhr in Der Junge muss an die frische Luft erst vor Kurzem einen Popularitätsschub. Wie die beiden hier gemeinsam wie auch gegeneinander agieren, ist ein Erlebnis, für das man auch ein paar unangenehme Filmminuten in Kauf nehmen sollte. Aber auch Leonard Kunz (Das Boot) kann trotz seiner schwierigen Vergewaltiger-Rolle als Sascha überzeugen und Jasna Fritz Bauer (About a Girl, Axolotl Overkill) als dessen Freundin Jenny vervollkommnet das Kernquartett des Films.

Thomas Vorwerk 


Start: 2. Mai. 

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