Fred Flarsky (Seth Rogen) und Charlotte Field (Charlize Theron) beim Abendball © STUDIOCANAL

Hallo, Mrs. Präsident

»Die glänzend besetzte US-Komödie »Long Shot« spielt frech mit gängigen Geschlechter- und Rollenklischees.

Angenommen, Internet-Guru Sascha Lobo hätte ein Auge auf Bundeskanzlerin Angela Merkel geworfen. Wie würden wohl die Reaktionen in der Öffentlichkeit ausfallen? Mal abgesehen davon, dass eine Person darüber wohl ziemlich sauer wäre, dürfte die Mehrheit eine solche Paarung als weit hergeholt, ja völlig unwahrscheinlich abkanzeln. In den USA gibt es für solche an den Haaren herbeigezogenen Spekulationen den Ausdruck »Long Shot«. Und genau einen solchen beschreibt die freche romantische US-Komödie von Jonathan Levine (50/50).

Fred Flarsky (Seth Rogen, Beim ersten Mal) ist ein Investigativjournalist, der kein Risiko scheut, dem in seiner radikalen Vorgehensweise aber auch seine Außenwirkung egal ist. Dumm nur, dass ein großer Medienkonzern unter der Führung von Parker Wembley (Andy Serkis als stark maskierte Rupert-Murdoch-Karikatur) seine Online-Postille aufkaufen und die Hälfte der Belegschaft kündigen will. Der zornige Flarsky schmeißt in einer Kurzschlussreaktion lieber selbst hin, weil er seinen journalistischen Wertekompass nicht zu Unrecht in Gefahr sieht. Aufbauen will ihn in dieser misslichen Lage der alte College-Kumpel Lance (O’Shea Jackson Jr.) mit einer Einladung auf eine exklusive High-Society- Party. Dort angekommen traut Flarsky seinen Augen kaum, entdeckt er auf der Tanzfläche doch mit Charlotte Field (Charlize Theron, Monster) seine einstige Babysitterin und heimliche Liebe.

DUnd wie sich aus der Besetzung mit der aparten Oscarpreisträgerin Charlize Theron erahnen lässt, spielt diese Frau längst in einer gänzlich anderen Liga als Flarsky. Tatsächlich ist Mrs. Field die amtierende US-Außenministerin mit konkreten Ambitionen auf die US-Präsidentschaft. Doch dem kühlen Workaholic fehlt es für eine Steigerung seiner Beliebtheit angeblich an Humor und an einem passenden Partner – trotz aller Avancen des kanadischen Premiers (Alexander Skarsgård als schmierige Parodie von Justin Trudeau). Eine Prämisse, die es möglich macht, dass Mr. »Long Shot« Fred Flarsky als Redenschreiber in das Leben von Mrs. Field treten darf. Denn an den nun arbeitslosen Journalisten hat die vorsichtige Politikerin noch warme Erinnerungen und schätzt auch bald seinen frechen, ungeschminkten Stil.

WAuch wenn diese vorerst nur berufliche Beziehung bereits etwas unglaubwürdig wirkt, gelingt es dem Film gerade in der ersten Stunde, auf bissige Art und Weise Geschlechterklischees und gesellschaftliche Zumutungen gegenüber ambitionierten Frauen aufzuzeigen. Wie sich Field vor den Medien, dem Präsidenten (Bob Odenkirk imitiert gekonnt albern die Karriere eines Ronald Reagan), aber auch vor der weiblichen Assistenz (June Diane Raphael) immer wieder rechtfertigen muss, dabei ständig aufs Äußere reduziert wird und die Inhalte ihrer ambitionierten Umweltpolitik scheinbar keine Rolle spielen, hat trotz aller Überzeichnung einen bitteren Wahrheitsgehalt. Dass die auch emotionale Annäherung von Flarsky und Field bei einer weltweiten Werbereise für ihr Umweltkonzept nicht peinlich aufgesetzt wirkt, dafür sorgt die ansteckend gute Chemie der Hauptdarsteller Seth Rogen und Charlize Theron.

Während Rogen gekonnt sein Image als zauselig-vulgärer Kiffer variiert, gelingt es besonders Theron, ihrer etwas verkrampften, aber nie unsympathischen Figur gleichermaßen Integrität, Glamour, Scharfsinn und auch eine ungelebte Sehnsucht nach jugendlichem Rausch, nach unbestimmter Freiheit zu verleihen. Im zweiten Teil von Long Shot nehmen sich die Konsequenzen für diese an Notting Hill erinnernde, scheinbar unmögliche Beziehung etwas hanebüchen aus. Doch nie hat man das Gefühl, dass der Film bei aller Überzeichnung inklusive medialer Erpressung seine Figuren verrät. Und dieses unangestrengte Spiel mit dem »Was wäre, wenn doch?« und mit den Erwartungshaltungen so mancher Zuschauer bezüglich der Bedingungen für eine funktionierende Beziehung heben diese mal kluge, mal primitive, aber immer lustige Komödie aus der Masse ähnlich gestrickter US-Produktionen heraus.

Florian Koch 


Start: 20. Juni 

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