Caetano Veloso (3. v. l.) teilt die Bühne mit seinen Söhnen (c) Marcos Hermes

Überzeugungstäter

Neben seinem Freund und einstigen Weggefährten Gilberto Gil ist der Tropicalismo-Miterfinder Caetano Veloso die herausragende Figur der »Musica Popular Brasileira«. Jetzt kommt der selten reisende Sänger mit seinen drei Söhnen in die Philharmonie.

Nach einer großen Karriere sah zunächst wenig im Leben des Caetano Veloso aus. 1942 wurde er als fünftes von sieben Kindern in einer Vorstadt von Salvador de Bahia im armen Nordosten Brasiliens geboren. Eine umso größere Rolle spielte früh die Musik, die in Bahia schon damals eine Melange afrikanischer, karibischer wie nordamerikanischer Klänge und stark vom Volksglauben, dem Candomblé, beeinflusst war. Die ersten Erfolge mit dem Gesang hatte freilich nicht Caetano, sondern seine jüngere Schwester Maria Bethânia. Ihr folgte Veloso Anfang der Sechzigerjahre nach Rio de Janeiro. Auch er hatte schnell Erfolg dank seiner damals wie heute samtweichen Stimme, seiner Musikalität und seinem überragenden Songwriter-Talent, das auch einfachsten Melodien einen eleganten Dreh zu geben vermag. Mit einigen anderen jungen Musikern, darunter Gilberto Gil, Tom Zé und Os Mutantes nahm er 1968 das Album »Tropicalia ou Panis et circensis« (Tropicalia oder Brot und Spiele) auf, das die brasilianische Musik, wenn nicht gar Kultur revolutionierte. Dieser neue, sofort »Tropicalismo« genannte Stil war die direkte Reaktion Velosos und seiner Mitstreiter auf den Militärputsch in Brasilien 1964. Er verband nicht nur klassischen brasilianischen Bossa Nova und Samba mit E-Gitarren-gestützter amerikanischer Rockmusik, Jazz und sogar Elementen der Modernen Musik (vor allem von Karlheinz Stockhausen), er bezog in seinen Texten auch politisch Stellung. Das erregte das Misstrauen der Diktatoren, und als Veloso unter dem Eindruck der Pariser Mai-Unruhen noch im selben Jahr den Song É Proibido Proíbír (Es ist verboten, zu verbieten) veröffentlichte, wurden er und Gilberto Gil verhaftet, mehrere Monate inhaftiert und anschließend des Landes verwiesen. Erst nach vier Jahren konnte Veloso aus seinem Londoner Exil zurückkehren.

Doch seine wachsende Popularität konnte das Regime nicht verhindern. Vor allem seine Live-Platte von 1972 »Caetano e Chico. Juntos e Ao Vivo« zusammen mit Chico Buarque wurde ein Hit. Album auf Album folgte, und Veloso wurde zu einem Säulenheiligen und Botschafter der brasilianischen Musik. 2002 erschien mit »Tropical Truth: A Story of Music and Revolution in Brazil« sein eigener Rück- und Ausblick auf den Tropicalismo, ein Album, das das Magazin Rolling Stone einen »Maßstab für andere Künstler des Genres« nannte. Aber Veloso blickte auch immer wieder über den brasilianischen Tellerrand hinaus. So grüßte er auf seinem Album »A Foreign Sound« 2004 angloamerikanische Stars wie Bob Dylan, Paul Anka oder Kurt Cobain über den Äquator hinweg mit seinen Versionen ihrer Songs. Cobains Come As You Are zum Beispiel hat man nie wieder so lässig gehört. Umgekehrt wurden etliche von Velosos Kompositionen zu Standards des Jazz und des Latin Jazz.

Seiner musikalischen Leidenschaft ist Caetano Veloso bis heute ebenso treu geblieben wie seinen Überzeugungen. Auch noch mit 77 mischt er sich in die Politik ein: So warnte er im Oktober vergangenen Jahres in der New York Times vor der Wahl von Jair Bolsonaro zum Präsidenten; mit ihm käme »eine Welle von Angst und Hass« auf Brasilien zu. Vielleicht tröstet das aktuelle Projekt, mit dem er jetzt auf Tour ist, Veloso ein wenig darüber hinweg, dass er die Wahl des Rechtsaußen trotzdem nicht verhindern konnte. Bei »Ofertório«, so der Titel von CD und Tour, dreht sich alles um die Familie. Veloso hat das Programm seiner Mutter und seiner Frau gewidmet und dazu alles mit seinen drei Söhnen Moreno, Zeca und Tom eingespielt, mit denen er nun auch die Bühne teilt. Schon als Babys hat Caetano sie gern in den Schlaf gesungen, was Moreno und Zeca mehr gefallen hat, Tom weniger. Trotzdem ist Tom, so wie Moreno, Musiker geworden, Zeca fesselte die Literatur noch mehr, was man bei der Virtuosität dieses Quartetts kaum glauben mag. Gemeinsam preisen die Velosos die Schönheit des Lebens, der Liebe, und ein jeder stimmt auch ein Loblied auf seine Mutter an. Alte Hits wie O Leãozinho, Reconvexo oder Um canto de afoxé para o bloco do Ilê werden erklingen, aber auch neue Kompositionen, darunter Todo Homem von Zeca Veloso. Durch die meisten wird eine leise Wehmut wehen, eine sanfte, tröstliche Mischung aus Glück und Schmerz.

Oliver Hochkeppel


Caetano Veloso & Moreno, Zeca & Tom Veloso: Ofertório. 29. Juni, 20 Uhr, Philharmonie im Gasteig, Karten: Tel. (089) 8 11 61 91 und München Ticket.

 

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