Der brasilianische Star Gilberto Gil (c) MARCOS HERMES

Vom Tropicalismo bis zu New Fusion

Der Jazz Sommer, Münchens internationales Jazzfestival, setzt heuer u.a. auf Tastenzauberer.

Wenn das Hotel Bayerischer Hof heuer seinen 28. Jazz Sommer lanciert, dann ist das natürlich ein bisschen geflunkert. Denn das Abenteuer startete 1992 als Teil eines größeren Ganzen, indem die Jazz-begeisterte Hotel-Chefin Innegrit Volkert beim seit elf Jahren bestehenden Klavier Sommer einstieg. Schon da hatte das Festival nur noch wenig mit Klavier allein zu tun, es war zur Starparade aus den beiden Kunstmusikbereichen Klassik wie Jazz geworden. Als der Veranstalter Manfred Frei 2006 mit dem Klavier Sommer aufhörte, führte man beim Bayerischen Hof den eigenen Teil einfach in Eigenregie weiter, unter dem passenderen Titel »Jazz Sommer« eben. Wobei Jazz schon damals zu einem recht unkonkreten Sammelbegriff geworden war und kein enges Genre mehr beschrieb, sondern die offene Spielhaltung von Musikern, die sich mit den Mitteln des alten Jazz alle anderen Stile einverleibten. Das hat Katarina Ehmki, Programmchefin des Nightclubs und seit 2014 auch fürs Programm des Jazz Sommers zuständig, mit Gästen wie Bob Geldof oder Esther Rada erkannt und forciert. Auch heuer, da man vom 22. bis zum 27. Juli fast wie bei einer Rundreise die je nach Kontinent unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten vor allem von Gesang und Klavierspiel erfahren kann.

Los geht es in Brasilien. Nachdem vor Kurzem Caetano Veloso nach langer, langer Zeit mal wieder in München zu Gast war, kann man beim Jazz Sommer nun den ebenfalls lange vermissten anderen Erfinder des Tropicalismo erleben, jener für die Música Popular Brasilieira grundlegenden Bewegung, die musikalisch den Bossa Nova und traditionelle brasilianische Musik mit internationalem Pop, aber auch mit Jazz-Elementen verschmolz: Gilberto Gil. Der 76-jährige Sänger und Gitarrist aus Salvador de Bahia wurde mit seiner innovativen Spurensuche der brasilianischen Kultur, die ihn bis heute unermüdlich immer wieder überraschende Alben einspielen lässt, aber auch wegen seines politischen und sozialen Engagements, das ihn zu Zeiten der Militärdiktatur ins Exil, später aber bis auf den Posten des brasilianischen Kulturministers führte, längst die herausragende Figur der brasilianischen Musik. Den passenden Kontrast zu diesem Eröffnungskonzert im Festsaal liefert im Anschluss im Night Club Moshulu, eines der wildesten neuen New Yorker Bandprojekte. E-Bassist Jeff Berlin, Schlagzeuger Dennis Chambers, Keyboarder David Sancious und der Gitarrist Oz Noy bringen Funk, Rock, Metal und Neue Musik zu einer brodelnden neuen Fusion zusammen.

In den USA, wenn auch eher in Philadelphia bleibt man am zweiten Abend. Joey DeFrancesco, der (gelegentlich auch singende) ungekrönte König der Hammondorgel feiert das Jubiläum seines vor 30 Jahren erschienenen Debütalbums »In The Key Of The Universe«. Ist De- Francesco ein Star der schon oft im Bayerischen Hof zu Gast war, so bemüht sich Katarina Ehmki freilich auch immer, einen vielversprechenden Newcomer beim Jazz Sommer zu präsentieren: Der kommt heuer aus Frankreich, es ist die Sängerin Camille Bertault, die mit einer verblüffenden Adaption von Coltranes Giant Steps auf sich aufmerksam gemacht hat. Zurück zu den Tasten und nach Amerika geht es tags darauf mit John Medeski. Der vor allem als Teil des wegweisenden Instrumentaltrios Medeski Martin & Wood bekannte Pianist präsentiert sich im Nightclub erstmals solo. Die Brücke zwischen den USA und Frankreich schlägt danach China Moses. Die Tochter von Dee Dee Bridgewater und Gilbert Moses ist von beiden Kulturen durchdrungen und hat sich damit zur aktuell vielleicht mitreißendsten Gesangs-Entertainerin entwickelt. Beim Finale schließlich geht es zurück nach Brasilien. Der Pianist und Sänger Ivan Lins ist vor allem als oft gecoverter Komponist eine der prägenden Figuren der Música Popular Brasileira.

Zur Tradition des Jazz Sommers gehört auch das Rahmenprogramm mit Ausstellung und Filmen. Diesmal präsentiert der Maler Milan Mihajlovic seine Werke im Atrium, und im Premiumkino astor@Cinema Lounge laufen wieder ausgewählte Musikfilme.

Oliver Hochkeppel


Jazz Sommer. 22.-27. Juli, Hotel Bayerischer Hof, Promenadeplatz 2. Karten: München Ticket. Festivalpass beim Concierge 250 Euro.

 

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