Tenorsaxofonist Matthieu Bordenave (c) Konstantin Kern, Unterfahrt-Archiv

Aufsteiger trifft Legende

Saxofon-Gipfel in der Konzertreihe »Bühne frei im Studio 2« des Bayerischen Rundfunks.

Der in München lebende Franzose Matthieu Bordenave und sein Quartett bekommen Verstärkung durch den amerikanischen Jazz-Pionier Lee Konitz.

Seit jeher gehört es zu den Aufgaben und dem Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender in Deutschland, Musik nicht nur zu senden, sondern auch zu fördern und entstehen zu lassen – als Auftraggeber und Veranstalter wie mit eigenen Orchestern. Im Jazz haben WDR, HR, NDR und SWF mit ihren Bigbands die lange Tradition großer Ensembles entscheidend mitgeprägt und über die dürren Jahre gerettet. Auch der ­Bayerische Rundfunk hatte in den Sechzigerjahren für kurze Zeit einmal ein eigenes Jazzensemble, bevor es dem Rotstift (und der Ignoranz der Rundfunkgewaltigen) zum Opfer fiel. Immerhin aber gibt es seit vielen Jahren die Jazz-Konzertreihe »Bühne frei im Studio 2«. 1966 entstand sie – damals noch unter dem Namen »Eintritt frei im Studio II«, heute ist ein kleiner Obolus zu entrichten – als Folge eines Streits zwischen ARD und Verwertungsgesellschaft GEMA um die Jahrespauschale. Einmal im Monat öffnet seither das Studio 2 im Funkhaus am Rundfunkplatz seine Pforten für Jazzfans. Beate Sampson plant und moderiert mittlerweile seit etlichen Jahren die Konzerte, bei denen neben internationalen und nationalen Künstlern vor allem die Münchner Szene ein Forum bekommt. Zu besonderen Gelegenheiten wie zuletzt im April beim »International Jazz Day« wird auch mal live gesendet, ansonsten laufen die Aufzeichnungen jeweils am ersten Freitag des darauffolgenden Monats auf BR-Klassik in der Jazztime um 23.05 Uhr. 

Alle Stile und Provenienzen des Jazz werden in der Reihe abgedeckt, wie nicht zuletzt die gerade beendete Saison mit den Sängern Fay Claassen, Anne Lauvergnac und Philipp Weiss, mit dem progressiven Sextett der Harfenistin (!) Kathrin Pechlof, mit der Florian Hoefner Group, dem estnischen Solo-­Pianisten Kristjan Randalu, dem Gitarristen Kalle ­Kalima, aber auch dem Don Ellis Tribute Orchestra zeigt. Im ersten Konzert nach der Sommerpause kommt jetzt besonders viel zusammen: Da trifft der französische, aber seit Langem in München lebende Tenorsaxofonist Matthieu Bordenave mit einer großartigen münchnerisch-japanischen Rhythmusgruppe – Henning Sieverts am Bass, Walter Lang am Klavier und Shinya Fukumori am Schlagzeug – auf die amerikanische Altsaxofon-Legende Lee Konitz.

1983 in Südfrankreich geboren, begann Bordenave mit klassischem und Jazz-Unterricht bei Christian Charnay und Thierry Girault in Annecy. Mit 17 ging er ans renommierte Nationalkonservatorium in Pa­ris, wo er unter anderem bei Stars wie Chris Potter, Louis ­Sclavis, Paolo Fresu, Marc Johnson oder Jean-Marc Volta Unterricht hatte. Für seinen anschließenden Masterstudiengang wechselte er an die Münchner Musikhochschule – und blieb bis heute an der Isar. Vielleicht weil schon der Einstieg so gelungen war: Bordenave wurde rasch Assistent des Jazzinstitutsleiters Claus Reichstaller, für seinen Abschluss erhielt er dann den DAAD-Preis als bester ausländischer Student. Und schon während des Studiums wurde er ein fester Bestandteil der Münchner Szene, spielte mit und bei Christian ­Elsässer, Florian Weber oder Peter O’Mara. Sein ­Albumdebüt beim renommierten Münchner ­Enja-Label gab Bordenave 2014 mit einer hoch­gelobten Bearbeitung von Edith-Piaf-Chansons durch sein Trio mit dem Gitarristen Leonhard Kuhn und dem Schlagzeuger Jay Lateef, das seither ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist: Vor einem Jahr folgte »Le Café Bleu International tells Bedtime Stories«, eine Reise zurück in die Kindheit mit Melodien aus Filmen wie Sissi oder Dschungelbuch und Volks- und Kinderliedern aus drei Kontinenten und neun Ländern von Lettland bis Korea. Bereits in Arbeit – und ebenfalls in Kooperation mit BR Klassik – ist das nächste »Café Bleu«-Projekt, das sich mit Debussys Images et Estampes beschäftigen wird. Schon dieses Spektrum von Debussy bis Piaf zeigt Bordenaves Liebe zu ­Melodien und Klangfarben, in denen sein lyrischer Ton gut zum Tragen kommt. Und seine Vorliebe dafür, Tradition und Gegenwart improvisatorisch zu verbinden.

Was das Aufeinandertreffen mit Lee Konitz zu einem besonderen Ereignis machen dürfte. Der Mann aus Chicago, der zwei Wochen vor dem Konzert seinen 90. Geburtstag feiert, ist eine der letzten lebenden Legenden des Jazz, war schon Ende der Vierzigerjahre der wichtigste Bebop-Altsaxofonist neben Charlie Parker, an der Seite von Lennie Tristano dann der bedeutendste Innovator des Cool Jazz (er war auch bei Miles Davis‘ »Birth of Cool« beteiligt) und schließlich einer der Vordenker des Modern Jazz. Als Bandleader und Sideman auf über 150 Einspielungen ist seine Rolle für die Jazzgeschichte ebenso bedeutend wie als Lehrer. Bis heute ist es sein vielleicht größtes Vergnügen, mit jungen Jazzern zu spielen und sein Wissen weiterzugeben. Auch Walter Lang, der Pianist des Abends, hat bereits zwei CDs mit Konitz eingespielt. So darf man diesmal im Funkhaus spannende musikalische Dialoge zwischen Jung und Alt erwarten. Und einen Hauch von Geschichte. 

Oliver Hochkeppel

 


25. Oktober, Studio 2 im Funkhaus des BR.

Karten: München Ticket.

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