Chris Thile und Brad Mehldau (c) Michael Wilson

Neo-Romantiker trifft Bluegrass-Exoten

Chris Thile und Brad Mehldau

Bill Evans – Keith Jarrett – Brad Mehldau: So lautet die Regententabelle der amerikanischen Pianisten im Modern Jazz. Mit seinem die ganze Musikgeschichte umarmenden, elegischen Improvisationsstil wurde Mehldau in den späten Neunzigern wegweisend. Stets für Überraschungen gut, kommt er jetzt mit dem Mandolinisten und Sänger Chris Thile ins Prinzregententheater, der schon mit seinen Punch Brothers für Aufsehen sorgte.

Als Brad Mehldau vor über 15 Jahren ein Konzert auf Schloss Elmau gab, trug sich eine Geschichte zu, die sehr gut das Geheimnis seines Erfolges illustriert. Hinterher gefragt, was er denn an diesem wunderschönen Ort mache, wenn er nicht gerade Klavier spiele oder sich mit dem ebenfalls anwesenden Esbjörn Svensson – dem anderen Jazzpianisten, der das vergangene Vierteljahrhundert am nachhaltigsten prägte – über klassische Musik unterhalte, gab er nämlich zur Antwort, er lese Thomas Manns Zauberberg in einer neuen amerikanischen Übersetzung. Die ältere US-Fassung kenne er schon, die habe er bei seinem ersten Auftritt in Elmau fünf Jahre zuvor studiert. Besser, nämlich symbolkräftiger hätte man sich das nicht ausdenken können: hier das damals vor dem Großbrand noch vom frühen 20. Jahrhundert durchdrungene und wie kein anderer Spielort an den Zauberberg erinnernde Kurhotel, dort der immer etwas bleiche Pianist mit dem Nimbus des romantischen Genies.

Mehldau war schon damals so etwas wie der feuchte Traum des deutschen, zum Jazz traditionell zwiespältig eingestellten Bildungsbürgertums und Feuilletons. Nur am Rande, weil er die deutschen Klassiker von Goethe bis Rilke verehrt – sein Eigenverlag heißt »Werther Music«! –, sich in jungen Jahren mit Philosophen von Hegel bis Adorno beschäftigte und Schumann wie Brahms als musikalische Inspiration anführte. Was ihn zum meistdekorierten Jazzpianisten der Gegenwart gemacht hat, ist die Synthese vermeintlich unauflöslicher Gegensätze: Jazz und Klassik, Bill Evans und Franz Schubert, alte und neue Welt, Komposition und Improvisation, Ironie und Pathos, Verinnerlichung und Extrovertiertheit (für die auch sein Tatoo am rechten Oberarm steht) – alles hebt sich bei ihm gegenseitig auf, verbindet sich zum leicht genießbaren, trotzdem gehaltvollen Bonbon. Sogar als mozarthaftes Tonikum gegen das urdeutsche E- und U-Musiktrauma ist Mehldau verwendbar. Und durch das bis heute bestehende, bahnbrechende Trio mit dem Bassisten Larry Grenadier und dem Drummer Jeff Ballard – fünf Alben trugen den nicht gerade bescheidenen Haupttitel »The Art Of The Trio« – vertiefte er dies noch.

Den harmonischen Reichtum und den elegischen Grundton hat Mehldau von seinem Lehrer Fred Hersh geerbt, doch anders als dieser bedient er sich fast immer bei der kompletten Musikgeschichte: Für einen Augenblick erklingt ein Bach’scher Kontrapunkt, im nächsten Anklänge an Schumann, Schubert oder Debussy, dann blitzt Schönbergs Strukturalismus, Jarretts Intuition, Petersons Eleganz oder Fats Wallers Spielfreude auf – all das unnachahmlich eingebunden in ein chromatisch gebrochenes Blues-Fundament und in ein schlafwandlerisches (tatsächlich hat er beim Spielen die Augen oft geschlossen), vertrackt polyrhythmisches und polyphones Improvisationsgeflecht, in das er obendrein seine Begleiter fast osmotisch einzubeziehen imstande ist, so unterschiedlich diese auch sein mögen.

Bekannt wurde Mehldau zunächst an der Seite des progressiven Saxofonisten Joshua Redman, danach arbeitete er mit den klassischen Sängerinnen Renee Fleming und Anne Sofie von Otter ebenso wie mit dem Jazzgitarren-Gott Pat Metheny, dem Saxofon-Guru Charles Lloyd oder dem Cross-over-Schlagzeuger Mark Guiliani. Jetzt hat er sich mit einem echten Exoten zusammengetan, dem furiosen Mandolinisten Chris Thile. Der 35-jährige, auch eindrucksvoll singende Amerikaner wurde mit dem virtuosen Bluegrass seiner Punch Brothers berühmt und hat auch schon in anderen Duos, etwa mit dem Gitarristen Michael Davies oder dem Bassisten Edgar Meyer, das Spektrum seines diffizilen Instruments neu definiert. Mit Mehldau trifft er sich im Grenzgebiet zwischen Country und Jazz, im Repertoire finden sich Eigenkompositionen von beiden, aber auch Jazzstandards sowie Songs von Bob Dylan oder Joni Mitchell.

Auch an Thiles Seite wird klar, was Brad Mehldau Ende der Neunzigerjahre zum Leuchtturm der Jazzszene machte: In einer Zeit des »Anything Goes«, als zur Gewissheit wurde, dass es, anders als zuvor, keinen dominierenden neuen Jazzstil mehr geben würde, markierte er die endgültige Wende vom revolutionären zum evolutionären Jazz. Den Eklektizismus zum Personalstil zu erheben und ohne Ironie in einen neoromantischen Kontext zu überführen, das gelang Mehldau wie keinem zuvor. Heerscharen von Pianisten und anderen Instrumentalisten folgten auf dem von ihm freigeschlagenen Pfad. Er aber ist das Original.

Oliver Hochkeppel

 


Brad Mehldau & Chris Thile.

14. November, Prinzregententheater.

Karten: München Ticket.

 

Zum Seitenanfang