In verschiedenen Musikstilen zu Hause: Roy Hargrove (c) Veranstalter

Noblesse oblige

Der musikalische Hochadel bei sechs Konzerten, Musikfilmen und Fotoausstellung im Bayerischen Hof

Bei sechs Konzerten, umrahmt von Musikfilmen und einer Fotoausstellung, gibt sich musikalischer Hochadel im Bayerischen Hof die Ehre.

Der in Privat­regie veranstaltete Jazz Sommer ist das einzig verbliebene Münchner Jazz­festival internationalen Zuschnitts. 

Seit Katarina Ehmki vor vier Jahren neben der Programmleitung des Night Club auch die des jährlichen Jazz Sommers im Bayerischen Hof übernommen hat, hat das kleine Festival eine Handschrift bekommen. Es sind drei Säulen, auf denen die sechs Konzerte (eines weniger als zuletzt, weil der Festsaal bereits stark belegt war) an fünf Tagen ruhen: zum einen Musiker, die zur Geschichte der Konzerte im Bayerischen Hof bereits eine besondere Beziehung haben, dann große Namen, die exklusiv auftreten, und schließlich das Debüt eines besonderen Talents.

Zur ersten Gruppe gehört definitiv der Gitarrist ­Mike­ Stern. Der legendäre Fusion-Gitarrist, der zum Sound von Blood, Sweat & Tears ebenso beigetragen hat wie zu Miles Davis’ rockiger Phase oder den Höhenflügen eines Jaco Pastorius, hat vielleicht so oft wie kein anderer im Night Club des Bayerischen Hofs gespielt – zum letzten Mal aber vor vier Jahren. Und in dieser Kombination hat man ihn hier auch noch nicht gesehen: Zum Jazz Sommer kommt er mit der Band des nicht minder berühmten und oft hier zu sehenden Trompeters Randy Brecker, in der wiederum die Ikone des Fusion-Schlagzeugs Lenny White (einst in Diensten von Chick Coreas Band Return To Forever) und der aufsehenerregende junge Bassist Teymur Phell spielen.

Bevor sie im Night Club loslegen, darf oben im Festsaal erst einmal ein echter Überraschungsgast das Eröffnungskonzert bestreiten: Bob Geldof mit seiner Band The Bobkatz. Den 66-jährigen irischen Sänger und Gitarristen, in den Siebzigern erst Musikjournalist, dann mit durchschlagendem Erfolg Gründer und Frontmann der Boomtown Rats, kann man schwerlich dem Jazz zurechnen. Dafür ist mit dem einstigen New-Wave-Rocker und dem Erfinder der Band-Aid- und Live-Aid-Konzertformate als Hilfsprojekte echter Adel im Haus: Die Queen schlug Geldof für sein Engagement schon 1986 – dem Jahr, in dem er auch bereits seine Autobiografie schrieb – zum Ritter. Im Bayerischen Hof spielen Geldof und sein Sextett freilich bodenständige, ganz bürgerliche Pop- und Rocksongs, in denen Geldof seit jeher Musik und Politik zusammenbringt. 

Danach geht es zurück zu honorigen Jazzern. Nach vielen Jahren ist der amerikanische Trompeter Roy Hargrove wieder im Night Club zu erleben. Als Wunder­kind gehandelt und früh von Wynton Marsalis unter die Fittiche genommen, bewegt sich Hargrove seit jeher ganz im amerikanischen Stilkosmos, von Big-Band-Projekten über Neo-Soul und Hip-Hop-Jazz. Mit seinem klassisch besetzten Quintett wird er hier die Hardbop-Tradition pflegen. Das lateinamerikanische Element wird tags darauf Arto Lindsay einbringen. Der amerikanische Gitarrist, Sänger und Produzent wuchs in Brasilien auf und blieb stark von der Tropicana-Bewegung beeinflusst, auch wenn er dann in New York mit Avantgardisten wie Brian Eno, John Lurie oder John Zorn zusammenarbeitete. Auch auf seinem neuen Album »Cuidado Madame« dominiert die unverwechselbare Melange seiner sanften Stimme, seiner harten elektrischen Gitarre und der süd­amerikanischen Rhythmik. Sein brandneues Album »Silent Light« stellt auch der Gitarrist Dominic Miller vor, zugleich sein Debüt beim Münchner Label ECM. Der langjährige Sting-Begleiter ist ein inzwischen in Frankreich lebender Globetrotter, der die verschiedensten Einflüsse aus aller Welt in seine musikalischen Geschichten einbaut. Die Reihe der außergewöhnlichen Newcomer, die Katarina Ehmk­i­ stets am Ende präsentiert, setzt heuer die afrokaribische Weltmusikband Gato Preto mit Frontfrau Gata Misteriosa fort. Westafrikanische Highlife-Gitarren treffen da auf brasilianischen Favela-Funk, den angolanischen Techno-Electro-Hybrid Kuduro, auf Breakbeats und Texte zur blutigen Kolonialgeschichte oder aktueller Polizeigewalt.

Einstimmung für den Jazz Sommer

Tradition hat beim 26 Jahre alten Jazz Sommer – mit der Beteiligung am ehemaligen Klavier Sommer gerechnet – inzwischen das umfangreiche Rahmenprogramm. An den beiden Abenden vor dem Festivalstart stimmen erst die Münchner Musikkritiker Band, dann ein aktueller Preisträger des Kurt Maas Jazz Awards der Münchner Musikhochschule, nämlich der junge Schlagzeuger Zhitong Xu mit seinem Quartett, auf die folgenden Großereignisse ein. Täglich kann man schon vor den Konzerten in Münchens exklusivstem und luxuriösestem Kinosaal, der astor@CINEMA LOUNGE, ausgewählte Musikfilme sehen. Dokumentationen wie Lutz Gregors Mali Blues über die schwie­rige Lage der Musikszene des Landes angesichts der islamistischen Bedrohung, Jim Jarmuschs Porträt der Punkband The Stooges, Gimme Danger, Wim Wenders’ Klassiker The Soul of a Man über alte Blues-Musiker oder Morgan Nevilles 20 Feet From Stardom über die Background-Sängerinnen der großen Stars. Aber auch die brandneuen Kino-Biopics von Don Cheadle über Miles Davis (Miles Ahead) und Robert Budreau über Chat Baker (Born to be Blue). Die alljährliche Fotoausstellung ist wie so oft ein weiterer echter Höhepunkt: Arne Reimer zeigt einige seiner faszinierenden Porträts von American Jazz Heroes aus seinen beiden soeben mit dem Echo Jazz Sonderpreis ausgezeichneten Fotobüchern.                                            

Oliver Hochkeppel

 


Jazz Sommer. 

18.-22. Juli, Mo- Sa, Hotel Bayerischer Hof, Promenadeplatz 2.

Karten: München Ticket oder Festivalpass beim Concierge für 250 Euro

Zum Seitenanfang