Die koreanische Sängerin Youn Sun Nah hat sich nie auf Erfolgen ausgeruht. (c) Sung Yull Nah

Youn Sun Nah

 Die koreanische Sängerin brachte es schon mit 23 zum Musical-Star  

Mit diversen Preisen bis zum Echo Jazz und sensationellen Verkaufszahlen ihrer Alben schaffte sie auch das – um sich jetzt wieder neuen Ufern zuzuwenden. In der Muffathalle präsentiert sie ihr neues, bei Warner erschienenes Album »Immersion«.

APPLAUS: Frau Youn Sun Nah, Sie haben 20 Jahre lang in Paris gelebt, gingen vor vier Jahren nach Korea zurück, zogen aber bald darauf weiter nach New York. Wo wohnen Sie derzeit?

YOUN SUN NAH: In New York, würde ich sagen. Obwohl ich natürlich dauernd unterwegs bin.

Ich frage, weil – nachdem Ihr letztes Album »She Moves On« mit dem amerikanischen Pianisten Jamie Saft in New York entstand – die Band Ihres neuen, in einem Pariser Studio eingespielten Albums französisch ist.

Ja, ich hatte den Multi-Instrumentalisten Clément Ducol 2014 bei einer Hommage auf Nina Simone getroffen, und er machte einen starken Eindruck auf mich. Ich dachte mir, wenn ich mal wieder in eine andere musikalische Richtung gehe, dann wäre er vielleicht der Richtige. Als ich jetzt wirklich mit anderen Sounds experimentieren wollte, rief ich ihn an, und er war sofort begeistert.

Er brachte den Schlagzeuger und Cellisten Pierre-François Dufour mit?

Ursprünglich haben wir nur zu zweit losgelegt. Clément hat alles produziert, arrangiert und Gitarre, Piano, Keyboards, Marimba und Percussion selbst gespielt. Aber wir wollten das Klangspektrum noch etwas erweitern, und so kam Pierre-François mit Schlagzeug und Cello dazu. Wir haben zu dritt das komplette Album aufgenommen.

Clément hat mit Camille und Melody Gardot gearbeitet, Pierre-François unter anderem mit Zaz. War es der Plan, ein Pop- oder gar ein Chanson-Album zu machen?

Jetzt am Ende des Weges sieht es so aus. »Immersion« ist produzierter und elektronischer als meine früheren Aufnahmen. Ich hatte aber am Anfang gar kein festes Konzept im Kopf. Abgesehen davon, dass ich mir diesmal mehr Zeit für die Studioarbeit nehmen wollte. Meine früheren Alben waren immer wie live produziert, die Stücke wurden durchgespielt und wir brauchten meist nicht mehr als ein, zwei Takes. Ich wollte jetzt mal tiefer in die Studioarbeit einsteigen. Und so hat sich das alles dabei entwickelt.

Das Spektrum ist tatsächlich breiter denn je. Es geht von Albeniz über Michel Legrand, George Harrison und Leonard Cohen bis zu Marvin Gaye, von Country über RnB bis zum Chanson.

Ja, ist das schlimm?

Aber nein. Alles hat ja Ihre ureigene persönliche Note. Aber wollten Sie bewusst den ganz großen Schrank öffnen?

Ich mag das einfach, diese ganze Bandbreite der Musik.

Ist das auch ein amerikanischer Einfluss? Man hört, Sie hätten in Ihrer neuen Heimat New York viele Konzerte ganz unterschiedlicher Künstler besucht.

Ich glaube das nicht. Als wir das Repertoire von »Immersion « besprachen, schlug Clément vor, ich sollte doch diesmal ausschließlich eigene Kompositionen aufnehmen. Aber ich sagte ihm, dazu sei ich noch nicht bereit. Immerhin ist es dann halb so und halb so geworden.

Stimmt: Sechs Stücke sind Ihre eigenen Kompositionen, mehr als auf allen früheren Alben. Hatten Sie einen kreativen Schub?

Eher bei der Auswahl der Coversongs. Die kristallisieren sich immer ganz spät heraus. Oft erst, wenn wir im Studio aufnehmen. Und manchmal geht das über mehrere Ecken. Bei Isn’t It A Pity zum Beispiel wusste ich gar nicht, dass es von George Harrison stammt, ich kannte nur die Live-Version von Nina Simone. Während der Aufnahmen habe ich dann Harrisons Original gehört, und das war so wundervoll und spirituell, dass ich es unbedingt singen wollte. You Can’t Hurry Love kannte ich früher auch nur von Phil Collins, von den Supremes habe ich es das erste Mal in Frankreich gehört. Ich habe nie daran gedacht, es aufzunehmen, aber heuer hat ja Motown Jubiläum, da ist es ein schöner Gruß. Genau wie Marvin Gayes Mercy Mercy Me. Und bei Sans Toi von Michel Legrand ist mir der wunderschöne Film wieder eingefallen, aus dem es stammt.

»Asturias«, das Gitarrenstück von Albeniz, ist als Vokalise-Glanzstück gewissermaßen der Nachfolger von »Momento Magico«?

Ja, absolut. Ich liebe einfach auch diese Ausdrucksmöglichkeit. Ich glaube, ich habe das Stück auf Youtube entdeckt – ein Siebenjähriger spielte es unfassbar virtuos auf einer Gitarre, die fast größer als er selbst war. Ich war total inspiriert – auch wenn ich noch immer daran zweifle, ob man das überhaupt singen kann.

Zu »I’m Alright« haben Sie auch den Text geschrieben. Der klingt aber nicht nur nach »Alles in Ordnung «, sondern auch nach Kater. Ist er auch unter dem Eindruck dessen entstanden, was in Amerika oder Korea vor sich geht?

Wow, dass man das hören kann! Es steckt tatsächlich von allem etwas drin, im Guten wie im Schlechten.

Der Albumtitel lautet »Immersion«. Sie versenken sich kurz vor und bei jedem Konzert tatsächlich völlig in die Musik. Passiert das bewusst oder unwillkürlich?

Ich kann es nicht wirklich erklären. Ich denke, es ist eine technisch-körperliche Sache. Es geht vom Körper aus, nicht vom Kopf. Ich glaube, es passiert über die Atmung.

Sie sind nicht nur nach New York gezogen, sondern jetzt auch von einer deutschen zu einer großen amerikanischen Plattenfirma gewechselt. Ist es Ihr Ziel, Amerika zu erobern?

Ich habe keine Illusionen. Ich bin sehr realistisch, kann einschätzen, was ich mache, und weiß, wie schwer das wird. Aber ich bin neugierig und suche immer neue Abenteuer. Also will ich es wenigstens versucht haben.

Interview: Oliver Hochkeppel


Youn Sun Nah – Immersion. 7. Mai, 20.30 Uhr, Muffathalle. Karten: München Ticket.

 

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