John McLaughlin steht seit mittlerweile 55-Jahren auf der Bühne (c) Andrea Palmucci 

John McLaughlin

Der britische Gitarrist John McLaughlin schrieb Musikgeschichte. 

John McLaughlin hat einen deutschen Arzt. »Ohne den Doc keine Tour«, sagt der 77-jährige Brite in seinem beachtlichen Deutsch, schließlich ist er mit einer Fränkin verheiratet. Im Lauf seiner imposanten Karriere konnte er sich immerhin manchmal schonen: Bei »Shakti«, seinem bahnbrechenden indischen Fusion-Projekt Mitte der 70er-Jahre – Ende der Neunziger unter dem Titel »Remember Shakti« reaktiviert –, spielte der Gitarrenguru stets Buddha-artig im Schneidersitz. Das ist aber nur eines – und eines der schonendsten – seiner vielen die Musikgeschichte prägenden Crossover- Projekte.

Anfang der Siebziger erfand er mit seinem Mahavishnu Orchestra die weltmusikalische Variante des Fusion-Jazz, und schon zuvor hatte er bei den legendären »In A Silent Way«- und »Bitches Brew«-Alben den Jazz-Zeremonienmeister Miles Davis auf den Jazzrock- Zug gesetzt. Anfang der 80er-Jahre schließlich gelang ihm im Trio mit Paco DeLucia und Al Di Meola das definitive Gitarren-Hochamt. Das daraus hervorgehende Flamenco-Jazz-Rock-Live-Opus »Friday Night in San Francisco« verkaufte sich über zwei Millionen Mal, auch das schnell nachgelegte Studioalbum »Passion, Grace & Fire« wurde ein Klassiker. Kommerziell nicht so erfolgreich, aber künstlerisch genauso bemerkenswert war McLaughlins Trio The Free Spirits mit dem Schlagzeuger Dennis Chambers und dem Hammond-Organisten Joey DeFrancesco sowie deutlich später die mit seinem alten Freund Chick Corea gegründete Five Peace Band. Mit diesem OEuvre im Kreuz darf man McLaughlin als den »elder statesman« der verbliebenen Gitarrengötter betrachten. Bis heute ist seine Musik unverwechselbar polyglott; im Laufe der Jahre hat sie der mit klassischer Musik aufgewachsene, vom Blues sozialisierte und den Jazzrock miterfindende Vollblutmusiker zueiner universellen Sprache entwickelt.

Seit 2009 lässt er sie vorzugsweise durch eine neue Band sprechen, die vielleicht nicht so revolutionär wie frühere ist, die aber den guten alten Fusion-Jazz nicht nur neu aufleben lässt, sondern auch mit aktuellen Akzenten anreichert: The 4th Dimension heißt das Quartett, in dem die funkige Note des amerikanischen Keyboarders Gary Husband, die westafrikanischen Roots-Elemente des E-Bassisten Etienne Mbappe (unverwechselbar durch seine schwarzen Glitzer-Handschuhe) und die komplexe Rhythmik samt Sprechgesang des indischen Perkussionisten Ranjit Barot auf das Blues-Fundament und die rasenden, fragend abbrechenden Eskapaden McLaughlins treffen. Er selbst versteht das Projekt explizit als Weiterführung seines legendären Mahavishnu Orchestras, ergänzt um die dazugewonnenen Erfahrungen. Es dürften also beim aktuellen Gastspiel im Prinzregententheater neben frischen Kompositionen – bei denen McLaughlin als Kind der Sechziger- und Siebzigerjahre oft auch politische Ereignisse verarbeitet wie etwa den Nahost-Konflikt in Gaza City – sicher auch ein paar Klassiker aus den frühen Siebzigern erklingen.

Freilich werden auch die in diesem Band-Kontext ganz neu wirken. Denn bei all seiner Virtuosität war McLaughlin im Gegensatz zu manch anderen Gitarristen nie ein Egomane. Stets lässt er seine Mitspieler zum Zuge kommen, geht auf sie ein, lässt sich selbst treiben. »Wenn man improvisiert, muss man etwas zu sagen haben. Deshalb war ich immer auf der Suche nach dem Wesentlichen«, sagt John McLaughlin. Der Mann mit dem unerreicht klar und definiert singenden Gitarrenton hat es gefunden.

 Oliver Hochkeppel


John McLaughlin & The 4th Dimension. 12. April, 20 Uhr, Prinzregententheater. Karten: München Ticket.

 

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