Amir Bresler, Omer Klein und Haggai Cohen-Milo bilden das Omer Klein Trio (c) Peter Hönnemann

Rund ums Mittelmeer

Im Trio hatte Omer Klein 2015 mit dem Album »Fearless Friday« seinen Durchbruch.

APPLAUS: Herr Klein, Ihr neues Album »Radio Mediteran« ist eine Hommage an Ihre ehemalige Mittelmeer-Heimat. Wird der Drang, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen, größer, wenn man dort seit Langem nicht mehr lebt?
OMER KLEIN: Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Ich habe in meinem Leben – wie wir wohl alle – mehrere Schleifen gedreht. Ich verließ Israel 2005, und in den drei, vier Jahren, die ich in den Vereinigten Staaten lebte, war ich geradezu besessen von meiner israelischen Kultur. Das war ich nie, solange ich noch in Israel war. Man liebt eben oft das am meisten, was man gerade nicht haben kann. Mein erstes New Yorker Album spiegelte das wider. Dann begann die nächste Phase: Ich kam nach Deutschland, spielte zunehmend oft in Europa und fühlte mich hier mehr und mehr zu Hause – ich vermisste zwar meine Eltern, war aber mehrere Male im Jahr in Israel. So hatte ich nicht mehr dieses Gefühl, dass meine Identität woanders läge, ich irgendwie entfremdet wäre oder Ähnliches. Ich sah meine Identität hier am richtigen Platz, außerdem bildete ich mich musikalisch enorm weiter, das diktierte meinen Fokus der Aufmerksamkeit. In dieser Zeit lernte ich viel über amerikanischen Jazz und europäische Klassik. Meine Herkunft war da ganz ausgeblendet. Jetzt komme ich darauf zurück, aber auf eine ganz andere Weise.

Was ist anders?
Das beginnt damit, dass ich viel reifer bin. Ich bin jetzt 36 und Vater einer Tochter. Ich begann, meine alte Heimat aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Deshalb habe ich bei diesem Projekt auch gar nicht an Israel gedacht: Ich dachte an den Mittelmeerraum. Das Meer hat mir das Konzept gebracht, wonach ich für das Album gesucht habe.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Wir hatten »Sleepwalkers« als erstes Album für Warner gemacht, und mir war wie jedem Künstler klar, dass das nächste anders werden sollte. Also suchte ich nach etwas, das mich wie auch meine Musikerkollegen Haggai Cohen-Milo und Amir Bresler persönlich betrifft und berührt, das aber zugleich die Türen für alle aufstößt, einen universellen Bezug für jeden hat. Es sollte mir am Herzen liegen, aber zugleich auch nicht zu vertraut sein, damit ich forschen und entdecken konnte. Und dann traf es mich wie ein Schlag: Das Mittelmeer ist genau das. Wir drei sind an seiner Küste aufgewachsen, ich hatte zehn Minuten zum Meer. Wenn ich meine Eltern besuche, bin ich jeden Tag am Strand. Viele meiner Kindheits-erinnerungen sind damit verbunden. Zugleich habe ich über die Jahre die Musik von so vielen mediterranen Orten lieben gelernt, vom Balkan bis nach Nordafrika, alte italienische und spanische Musik. Ich habe vorher nie daran gedacht, dass sie sozusagen an denselben Ort gehören. Aber plötzlich wurde mir klar, dass ihre Wurzeln zusammenlaufen: dass das Mittelmeer ein eigener Kontinent ist. Es sieht vielleicht nicht so aus, weil es Wasser ist, aber man muss es sich so vorstellen.

Sie haben also die musikalischen Gemeinsamkeiten dieses sich so weit erstreckenden, so viele Länder umfassenden Gebietes entdeckt?
Exakt. Auf »Radio Mediteran« gehen Klänge Tunesiens, Bulgariens, Israels, der Türkei, Italiens, Palästinas, Libyens oder Marokkos in unseren Jazz ein. Wir haben uns weiter geöffnet denn je und versucht, für jede Song-Idee die ideale Kleidung zu finden. Dabei konnte es passieren, dass wir gar nicht improvisieren wie beim groovigen Tripoli, das klarerweise keine Improvisations-Soli braucht. Ich habe auch erstmals mit Synthesizer gearbeitet, und einmal singe ich sogar. Das ist aber das Ergebnis viel weiter gehender Gemeinsamkeiten, die mich bei der Vorbereitung beschäftigten.

Nämlich welcher?
Mich hat vor allem die gemeinsame Geschichte des Mittelmeerraums beschäftigt: Seine Bewohner besuchten sich übers Wasser per Schiff, sie führten Krieg und sie trieben Handel miteinander. Sie lernten Technologien voneinander und brachten einander Lebensmittel, Kleidung, Sprachen und Musik. Das sprach mich besonders an, denn ich bin kein authentischer, »folklorischer« Mensch irgendeiner Kultur – ich bin als moderner Mensch das Ergebnis des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, also der Globalisierung. Die Geschichte meiner Familie spielte sich in zehn Ländern ab, meine eigene umfasst Dutzende von Orten auf der ganzen Welt. Das ist für mich authentisch, ich kann keinen Blues aus dem Delta spielen oder traditionelle iranische Musik. Ich muss, um wahrhaftig zu sein, aus all meinen Einflüssen einen neuen eigenen Ausdruck finden, der ich bin. Darum ist die See, das Mittelmeer, so eine perfekte Projektionsfläche für das, was ich und meine Freunde Haggai und Amir sind.

Interview: Oliver Hochkeppel


Omer Klein Trio: Radio Mediteran. 15. Mai, 20 Uhr, Ampere, Zellstraße 4. Karten: München Ticket.

 

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