Andreas Pascal Heinzmann dirigiert das Orchester (c) PASINGER FABRIK

Keine Turquerie

Münchens Kleinstes Opernhaus widmet sich nach viel Rossini, Dvoráks »Rusalka« und zuletzt Verdis »Luisa Miller« wieder Mozart: Regisseur Stefan Kastner hat mit seinen gesprochenen Texten einen eigenen Weg für das Singspiel »Die Entführung aus dem Serail« gefunden.

Als Mozarts Die Entführung aus dem Serail 1782 in Wien uraufgeführt wurde, befand sich nicht zuletzt dank osmanischer Gesandter, die prunkvolle Empfänge in Europas Großstädten ausrichteten, die »Türkenmode«, auch Turquerie genannt, auf ihrem Höhepunkt. Sie reichte von Gewürzen und Kaffee über die Männerfantasie des mit weiblicher Sexualität aufgeladenen Harems bis hin zur sogenannten Janitscharen-( Militär-)Musik, die klassische Komponisten immer wieder als »all turca« zitierten, so auch mehrfach Wolfgang Amadeus Mozart. 237 Jahre später ist das alles Geschichte, und wer Mozarts Entführung inszeniert mit ihrem Konflikt zwischen Okzident und Orient, mit einem edlen Türken in Gestalt des Bassa Selim und einem ungeschlachten Harems-Wächter wie Osmin, der hat die Wahl: Entweder er belässt es beim exotischen Märchen oder er modernisiert und konstruiert einen Konflikt zwischen Christentum und Islam.

Der Münchner Regisseur und Opernsänger Stefan Kastner geht für seine Inszenierung in der Pasinger Fabrik einen dritten Weg und macht aus Bassa Selim einen Künstler der Nach-Beuys-Ära, der mit seinen Studenten an Münchens Akademie nach Sizilien ausgewandert ist und dort eine Art Künstlerkolonie geründet hat, um seinen Traum zu verwirklichen von der Übereinstimmung von Kunst, Leben und Liebe, angesiedelt in einem Haus, das früher einmal ein Serail war: »Konstanze ist seine Meisterschülerin und – wie im Original – Britin, deren Gatte Belmonte, bei uns Lord Belmont, zwar seiner Frau das Studium in München zugestand, aber nun mächtig irritiert ist über ihr Entschwinden nach Italien, also reist er ihr nach …« Weil das Ganze am Fuße des Ätna, in der Nähe von Catania, verortet ist, wächst erkaltete Lava Richtung Zuschauer, gibt es die bildhauerische Arbeit der Meisterklasse Bassa Selims zu bestaunen, was hier ein Künstlername ist, und auch in die Hausmeister-Einlieger- Wohnung Osmins gibt es dauerhaft Einblick.

»Während der Proben wird sich meine neue Dialog-Fassung stetig verändern, aber das bereitet unseren exzellenten jungen Sängern sicher keine Probleme«, ist sich Kastner sicher, kennt er doch das Metier von verschiedenen Seiten und war seit 2000 selbst wahlweise als Spiel- oder lyrischer Tenor in vielen Produktionen der Oper in der Pasinger Fabrik zu erleben. Seit 2006 ist er nicht nur in München auch als Autor und Regisseur tätig; mit seinem Stück Die Sphinx von Giesing wurde 2015 das Hofspielhaus in der Falkenturmstraße eröffnet. Nach Im Weißen Rössl (2011) und Smetanas Die Witwen (2013) inszeniert Kastner mit der Entführung aus dem Serail zum dritten Mal im Musiktheater. Weil teilweise täglich gespielt wird, sind die jungen Sänger- Innen doppelt besetzt: »100 hatten sich beworden, 50 haben wir dann zum Vorsingen eingeladen und waren erstaunt, wie viele sich gerade für Konstanze meldeten. Auch dass wir vier exzellente Tenöre gefunden haben, freut uns sehr.«

Klaus Kalchschmid


W. A. Mozart: Die Entführung aus dem Serail. Premiere am 27. Juni, 19.30 Uhr, Pasinger Fabrik, Wagenhalle. Termine bis 18. August. Karten: München Ticket..

 

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