Tianwa Yang (c) Irène Zandel

Von der Geige zum Saxofon

Die Theatergemeinde München

Es gibt viel Kammermusik in München, aber keine Reihe wie die schon seit 1974 erfolgreiche der Theatergemeinde. Sie bietet neuerdings exquisite
Besetzungen, die im Konzertleben kaum vorkommen: Flöten-Quartett, Streichtrio, das Duo Klarinette/Klavier, die Kombination Akkordeon und Saxofon oder Geige und Cello solo. Entsprechend farbig und ungewöhnlich ist das Repertoire, das renommierte Musikerinnen und Musiker im Max-Joseph-Saal der Residenz spielen. Es reicht von Bach, Mozart und Beethoven über verschiedenste Opern-Paraphrasen bis Ravel, de Falla und Leonard Bernstein.

Das Angebot der mit Unterbrechungen fast 100 Jahre existierenden Theatergemeinde ist vielfältig und reicht von »Kulturaufrufen«, die informieren und Lust machen auf verschiedenste Veranstaltungen, über ermäßigte Karten für ausgewählte Vorstellungen in Oper, Tanz und Konzert bis zur Organisation oder Vermittlung von Führungen, Tagesfahrten und Kulturreisen. Neben speziellen Abo-Angeboten sind eigene Formate etwa die Brauchtumsreihe `S Münchner Jahr und der Zyklus mit klassischer Musik TheaGe in der Residenz.

Den Auftakt der fünf Kammerkonzerte in dieser Reihe macht am 21. Oktober das Dresdner StreichTrio [sic!] mit einem ganz klassischen Programm. Es enthält das späte, sechssätzige und fast einstündige reife und ungemein vielschichtige Es-Dur-Trio KV 563 von Wolfgang Amadeus Mozart und das frühe Trio des 23-jährigen Beethoven, der sich bei seinem op. 3 nicht nur in Tonart und Satzfolge am großen Vorbild orientierte. Bereits seit 1995 besteht das Trio aus Konzertmeister Jörg Faßmann und Solobratscher Sebastian Herberg von der Dresdner Staatskapelle sowie dem ersten Solocellisten beim MDR-Sinfonieorchester, Michael Pfaender.

Das letzte Konzert schlägt eine Brücke zum Beginn, wenn das Jacques Thibaud String Trio ein launiges Mozart/Rossini-Programm spielt und sich dafür die Flötistin Anne-Catherine Heinzmann ins Boot geholt hat. Originale (Auftrags-)Werke Wolfgang Amadeus Mozarts für den Arzt und Amateurmusiker Ferdinand Dejean, also sein KV 285 und 285a, stehen Bearbeitungen von zweien der Sei sonate a quattro von Gioachino Rossini gegenüber, die er 1804 ursprünglich für zwei Violinen, Cello und Kontrabass komponiert hatte, die heute aber oft in einer Version für Flöte, Geige, Bratsche und Cello aufgeführt werden.

Annelien van Wauwe, erste ARD-Musikwettbewerbs-Preisträgerin 2012 und mit einem wunderbar natürlich musizierten Mozart-Klarinettenkonzert noch in bester Erinnerung, spielt so Berühmtes und Schwermütiges wie die späte Klarinettensonate op. 120/1 von Johannes Brahms, aber auch so Besonderes wie Luigi Bassis Fantasie über ein Thema aus Vincenzo Bellins Oper I Puritani. Nach der Pause steht klassische Moderne auf dem Programm: jeweils Sonaten von Francis Poulenc und Leonard Bernstein, der 2018 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Der 24-Jährige veröffentlichte sein kleines, dreisätziges Stück als erstes Werk überhaupt. Aber vieles, was den späteren Komponisten auszeichnet, ist hier schon vorgeprägt: Sinn für Melodie und zündende, oft gegenläufige Rhythmen, Jazzelemente, dazu bei allem eine gute Portion Frechheit.

Zwar immerhin »schon« 1840 erfunden, ist das Saxofon nur kurzzeitig ein wichtiges Instrument der romantischen Orchesterliteratur geworden – etwa in Hector Berlioz' Symphonie Fantastique. Beim ersten Hype entstanden auch ein paar – eher unbedeutende – Werke. Doch danach gibt es aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum solistische oder Kammermusik. Auf ihrer Debüt-CD spielt Asya Fateyeva dafür jede Menge aufregender, farbiger Originalwerke des 20. Jahrhunderts für Saxofon und Klavier von kaum bekannten Komponisten wie Fernade Decruck oder William Albright und dazu Werke mit Orchester von Jean-Denis Michat oder Jacques Ibert. In München widmet sich die 27-jährige Ukrainerin mit Claudia Buder am Akkordeon in einem spanisch dominierten Programm Bearbeitungen von Werken Carl Philipp Emanuel Bachs, Manuel de Fallas, Joaquín Rodrigos oder Jesús Guridis – darunter nicht zu knapp Vokalmusik. Und drei der 555 raffinierten Klaviersonaten Domenico Scarlattis spielt Buder dazu am Akkordeon gleichsam als Zwischengang in diesem mehrgängigen Menü!

Die großartige Geigerin Tianwa Yang und der nicht minder erfolgreiche junge Cellist Gabriel Schwabe sind bei ihrem gemeinsamen Konzert natürlich solistisch zu hören – sie mit der berühmten Bach-Partita in d-Moll, er mit Gaspar Cassadós Suite von 1926 –, aber auch in raren Duo-Kompositionen: so bei Maurice Ravels Stück von 1922 oder Mozarts feinem, mehrsätzigem G-Dur-Duo KV 423, – ursprünglich mit Bratsche statt Cello und mit KV 424 Teil eines sechsteiligen Zyklus zusammen mit vier Stücken in derselben Besetzung von Michael Haydn, dem Bruder Josephs.

 

Klaus Kalchschmid


Theatergemeinde in der Residenz. Fünf Kammerkonzerte ab 21.10. 2017 (jeweils 19 Uhr).

 

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