Mathias Hausmann (Graf von Eberbach) und Jasmina Sakr (Gretchen); Lucian Krasznec (Baron Kronthal), Mathias Hausmann (Graf von Eberbach), Margarete Joswig (Die Gräfin), Levente Páll (Baculus), Mária Celeng (Baronin Freimann) (c)Christian Pogo Zach

Lauter Böcke

Lortzings »Der Wildschütz« am frisch renovierten Gärtnerplatztheater

Wieland Wagner hätte seine Freude gehabt an dieser Scheibe vor dem immer wieder anders magisch beleuchteten Rundhorizont aus zarten Gardinen, durch deren Falten man sogar auftreten kann: Doch diesmal ist sie bemalt mit einem röhrenden Hirschen vor Bergeshöhn. Mit rot leuchtenden Ringen wird sie eine Schießscheibe, mit grünem »Scheibenspiegel« zur zentralen, berühmten Billardszene sogar ein Spieltisch; sie kann gen Schnürboden fahren oder gefährlich kippen und alles, was sich darauf bewegt, steht oder sitzt, herunterrutschen lassen (Bühne: Harald B. Thor).

 

Denn vieles ist nicht im Lot bei diesem Stück: Schon die eröffnende Verlobungsfeier des alten Schulmeisters Baculus, der sich das schüttere Haupthaar über die Glatze kämmt (ein deftig vibrierender Bassbariton: Levente Páll), mit dem viel jüngeren Gretchen (auf der Kippe zwischen Zicke, Hascherl und selbstbewusster Frau: die lyrische Sopranistin Jasmina Sakr) gerät bei Regisseur Georg Schmiedleitner zur männlichen Machtdemonstration. Und in der Folge soll nicht nur Wilderei vertuscht werden, sondern es begehren sich immer die Falschen, nicht zuletzt weil Frauen in Männerkleidern wieder Frauen spielen. Am Ende stellt der geile Graf von Eberbach (ein Baum von Mann in Stimme und Erscheinung: Mathias Hausmann) fest, dass er um seine Schwester gebuhlt hat, die eigentlich die Baronin Freimann ist (nobel und komisch zugleich mit ebenso leichtem wie gehaltvollem Sopran: Sophia Mitterhuber). Und die Gräfin (eine herrliche Tragikomödin, die minutenlang in herrlicher Burgtheater-Parodie die Sophokleische Antigone rezitiert: Anna Agathonos) muss widerwillig einsehen, dass ihr hübscher (angeblicher) Stallbursche, den sie eigentlich nur zu gerne vernaschen möchte, ihr Bruder, also Baron Kronthal ist, mit Charme verkörpert von einem feinen und doch kernig virilen, attraktiven Mozart-Tenor: Lucian Krasznec. Allesamt sind sie wunderbare Ensemble-Sänger, die in Duetten, Terzetten, Quartetten und Quintetten zeigen können, wie homogen – und wortverständlich – sie singen können.

 

Baron und Baronin werden nach etlichen Verwicklungen also ein Paar, Graf und Gräfin müssen sich arrangieren, Gretchen aber rennt diesmal in letzter Sekunde dem Verlobten davon, hatte er sie doch für 5000 Taler – wie er in der berühmtesten Arie des Stücks jubiliert– verschachern wollen. Doch es hilft nicht, trotzig nach dem letzten Akkord und dem Fallen des Vorhangs die Beine in den Orchestergraben baumeln zu lassen, Baculus greift sie sich wieder, zwingt sie erneut zur Verbeugung – und ab in die Gasse respektive das Ehebett! Georg Schmiedleitner und sein Kostümbildner Alfred Mayerhofer ziehen beim vordergründig so heiteren Verwechslungsspiel der Begehrlichkeiten einen doppelten Boden ein, denn nicht nur wachsen den männlichen Choristen oft Hörner, gebärden sich Gewehre oder der hier überdimensionale Queue beim Billard wie Phalli, auch die Kostüme signalisieren Gefährlichkeit: Trotz kurzer (Leder-)Hosen spielt da beim Oberteil Militärisches herein, sind die Haare – auch der oft in erotisches Signalrot gekleideten Frauen – allesamt in künstliches Schwarz getaucht. Nicht zuletzt dank virtuoser Unterboden-Maschinerie und einer oftmals atemlosen Drehbühne bleibt das Geschehen stets im Fluss, ist der exzellente Chor ein stets bewegtes Kollektiv, wie auch Dirigent Michael Brandstätter und das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz dem reifen, schlanken Lortzing'schen Lustspielton mit flotten Rossini'schen Tempi begegnen.

Klaus Kalchschmid


Der Wildschütz. Musik und Libretto von Albert Lortzing

Nächste Vorstellungen am 9. März, 4. und 17. April und 2. Juni, Staatstheater am Gärtnerplatz

Karten: Tel. (089) 21 85 19 60

Zum Seitenanfang