Ein Spiel zwischen Realität und Fiktion, Möglichem und Fantastischem: »Carmina Burana« in der Interpretation von La Fura dels Baus (c) Quincena-Musica, Inigo Ibanez

Rausch ohne Kater

Wer Geburtstag hat, bekommt nicht nur Glückwünsche und Geschenke. Sondern der gibt selbst auch einen aus. Das Tollwood-Festival wird in diesem Sommer 30 Jahre alt und spendiert seinen Besuchern deshalb zwei Aufführungen von Carl Orffs »Carmina Burana« in einer spektakulären Inszenierung der katalanischen Bühnenkünstler von La Furs dels Baus – bei freiem Eintritt, versteht sich. Dafür wurde ein adäquater Aufführungsort ausgewählt ganz in der Nähe des Festival-Geländes im Olympiapark: der Olympiasee.

C arl Orffs bekanntestes Werk Carmina Burana ist gar nicht so einfach in eine Kategorie zu fassen: eine Oper ist es nicht, auch kein Oratorium. Und Orff selbst hat es auch nicht als Kantate gesehen, was dem Stück noch am nächsten käme. Meistens behilft man sich aber doch mit der Bezeichnung »szenische Kantate«. Wobei das Chor- und Orchesterwerk, das Orff auf der Basis von Lied- und Dramentexten des 11. und 12. Jahrhunderts komponiert hat, den Benediktbeurer Liedern, meistens gar nicht szenisch aufgeführt wird, sondern in der Regel konzertant.

Gerade das muss die Theaterkompagnie La Fura dels Baus, die ursprünglich aus Barcelona stammt und inzwischen längst zu einer Weltmarke geworden ist und entsprechend in vielen Ländern und auf mehreren Kontinenten agiert, immens gereizt haben. Denn die Stoffe und Geschichten, die sich in den auf Latein, Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch gesungenen Liedern verbergen, sind allemal süffig und inspirieren deshalb natürlich zu Bühnen-Bilderwelten. Vor allem Theatermacher, die groß denken wie eben La Fura dels Baus.

Wobei es wie so oft auch hier die simplen Grundideen sind, mit denen sich die größte Wirkung erzielen lässt. Das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus einem hohen Zylinder aus weißer Gaze, der vieles verbirgt, auch die Orchestermusiker – und doch alles zeigt. Die Gaze dient als gekrümmte, durchlässige Leinwand, auf der die Aktionskünstler Videos projizieren. In diesen digitalen Bildwelten wiederum agieren die Darsteller live und real. Ein Spiel mit Realität und Fiktion, mit Möglichem und Fantastischem. Tobias Hell

Mehr dazu erfahren Sie im aktuellen Applaus-Heft 06/2018.


Carmina Burana. 30.6. und 1.7., 22 Uhr, Bühne im Olympiasee, Eintritt frei.

 

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