Arno Stocker renoviert historische Flügel und Klaviere (c) Felix Tiggeler

Arno Stocker – Der Klavierflüsterer 

In seiner Werkstatt in Amerang träumt Arno Stocker von einem Klaviermuseum. 

Im Jahr 2009 widmete das Bayerische Fernsehen dem »Klavierflüsterer« Arno Stocker eine Episode seiner Lebenslinien. Im Fokus stand ein Mann mit ­einem Traum: das beste aller Klaviere zu bauen. Als Klavierstimmer hat Stocker mit Legenden des Musikbusiness verkehrt: Leonard Bernstein, Vladimir Horowitz, Placido Domingo. Seine Begegnung mit Maria Callas als kleiner Junge gehört zu seinen Schlüssel­erlebnissen, ebenso wie eine Schallplatte von Enrico Caruso, mit deren Hilfe er das Sprechen lernte.

Arno Stockers Lebenslinien sind von einem wiederkehrenden Auf und Ab gekennzeichnet. 1956 im hessischen Offenbach mit einer spastischen Behinderung geboren, waren für ihn die Sonderschule und danach vielleicht eine Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt vorgesehen. Doch Stocker fand Mittel und Wege, seiner Berufung, der Musik, zu folgen. »Ich habe meine Behinderung eher als Challenge gesehen, nicht als Barriere«, sagt der 62-Jährige heute. Entscheidend sei, dass man sein Ziel kompromisslos verfolge, von A nach B – egal was die anderen sagen.

Der Caruso-Flügel wurde im Juni 2009 fertiggestellt. Das 1,82 m lange Instrument mit indischem Palisanderfurnier, kunstvollen Ahorn-Intarsien und vergoldeten Saitenunterlagen trägt den Beinamen »Maria«, weil seine Klangfarbe der Stimme von Maria Callas nachempfunden ist. Für Arno Stocker ist der Konzertflügel die Summe seiner gemachten Erfahrungen bei Klavierbauern und mit Klavieren. »Von den historischen Instrumenten kann man eine ganze Menge lernen, vor allem wenn es um nachhaltiges Bauen geht. Ich arbeite mit Vergoldungen, um das Instrument länger am Leben zu halten. Stahl und Messing sind keine gute Ehe.« Als Restaurator kann er es auch nicht verstehen, wenn man sich im modernen Klavierbau mit Plastik und imitierten Hölzern zufriedengibt.

Drei Flügel hat Arno Stocker mittlerweile gebaut, ein vierter ist im Werden. Jedes dieser Instrumente hat er mit einem Selbstspielsystem ausgestattet. Die Begeisterung für Selbstspielklaviere, die aus seiner Zeit in den USA herrührt, teilt Arno Stocker mit dem Unternehmer Felix Tiggeler. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, die Schätze, die der Nachwelt von Welte-Mignon, den Pionieren der Reproduktionsklaviere, in Form von zahllosen Papierrollen zur Verfügung stehen, wieder ins Leben zurückzuholen. Tiggeler gründete die Firma Welte-Caruso und etablierte den Namen Welte-Mignon wieder als ­geschützte Marke. Das von Arno Stocker weiterentwickelte Selbstspielsystem soll dabei nicht nur als Aufnahme- und Wiedergabegerät für heutige Pianisten fungieren, sondern auch die historischen Aufnahmen, die Komponisten wie Mahler, Gershwin oder Debussy in den Frühzeiten der Selbstspielklaviere selbst aufgezeichnet haben, auf modernen Instrumenten wieder zugänglich machen. In einem aufwendigen Verfahren wurden bereits mehrere Tausend Aufnahmen aus den alten Rollen konvertiert und für die »Welte-­Caruso Library« digitalisiert. Die Bibliothek wird ständig erweitert und gemeinsam mit dem Player-System angeboten.

Auf der Frankfurter Musikmesse (2.-5. April) stellt sich die Firma Welte-Caruso erstmals einem breiten Publikum vor. Es wird ihr dabei die Ehre zuteil, den zweistündigen Konzertteil des Eröffnungsabends zu gestalten. Die Gesangssolisten werden von Rachmaninow und Gershwin am Klavier begleitet – das Welte-­Mignon-System macht es möglich. Auch vom Caruso-Flügel gibt es musikalische Kostproben. Zu den Glanzlichtern der Präsentation in Frankfurt zählen ein Steinway ­Style 3 long version, ein absolutes Unikat aus dem Jahr 1875, sowie ein  komplett generalüberholter Steinway B, der mit dem Selbstspielsystem nachgerüstet wurde. »Wir sind einer der wenigen, die ein Selbstspielsystem auch im Nachhinein einbauen«, betont Arno Stocker.

In einem denkmalgeschützten Gewölbe in Amerang hat er gut 50 Instrumente stehen, darunter Raritäten wie ein Bösendorfer, auf dem Franz Liszt nachweislich konzertiert hat, oder ein Bechstein aus dem Besitz von Johannes Brahms. Die Gründung eines Klaviermuseums liegt da nahe. Arno Stocker träumt von einem ­»lebendigen Museum«, das von jungen PianistInnen frequentiert wird, die zum Üben kommen, und in dem er etwas von seinem Erfahrungsschatz weitergeben kann, zum Beispiel die alte Kunst der Schellack-Politur. »Mir persönlich ist es wichtig, Weltkulturerbe nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen und das Wissen, das man sich erworben hat, weiterzugeben.« Arno Stocker ist sich sicher, dass die junge Generation sich heute wieder für die alten Instrumente interessiert. »Noch vor zehn Jahren hättest du da niemanden hinter dem Ofen hervorgeholt. Die Zeit dafür ist jetzt!« 

Angela Pillatzki


An Evening with Rachmaninoff & friends. Chanda VanderHart, Piano; Rebecca Nelsen, Sopran; Eric Stokloßa, Tenor; Timothy Peach, Moderation.

2. April, 18 Uhr, Musikmesse Frankfurt, Halle 3.0.

Informationen: www.welte-caruso.de, www.pianocaruso.de.

 

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