Akademie für Alte Musik Berlin (c) Uwe Arens

»Jubileo!«

Die Stadt Augsburg lädt dazu ein, den Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart neu zu entdecken. 

Kinder berühmter Eltern kennen die Situation. Ständig wird man verglichen. Egal, wie sehr man sich bemüht, einen eigenen Weg zu gehen. Genau andersherum liegt der Fall hingegen bei Familie Mozart, da Sohn Wolfgang seinen Vater beinahe aus dem kollektiven Bewusstsein getilgt hat. Wenn überhaupt, dann erinnern wir uns vor allem an den strengen Zuchtmeister, den Peter Shaffer und Miloš Forman in Amadeus auf die Bühne bzw. auf die Leinwand brachten. Dieses Bild will nun Leopolds Heimatstadt Augsburg anlässlich seines 300. Geburtstags ein wenig zurechtrücken. Und das nicht nur während des traditionellen Mozartfests im Mai. Über das ganze Jahr verteilt gibt es reichlich Gelegenheit, den Humanisten, Pädagogen und vor allem den Komponisten Leopold Mozart endlich ein wenig genauer kennenzulernen.

»Ohne Leopold kein Wolfgang«, so das klare Statement des künstlerischen Leiters Simon Pickel, der ihn aus heutiger Sicht als Europäer im besten Sinne des Wortes beschreibt. »Es war ihm egal, wer wo geherrscht hat und wer welche Religion hatte. Er hat seinen Sohn einerseits vermarktet, aber gleichzeitig immer so geschickt platziert, dass er von den Besten der Besten lernen konnte. Das war Leopold sehr wichtig. Und genau das hat Wolfgang zu dem universellen Komponisten gemacht, als den wir ihn heute kennen. Einer, der sowohl das Italienische als auch das Französische und Deutsche aufgesogen und in seinen Werken verarbeitet hat. Eigentlich der erste europäische Komponist.«

Über Leopolds eigene Notenarbeiten fällt das Urteil meist etwas reservierter aus. Von »netter Gebrauchsmusik « ist da oft die Rede. Doch nicht selten sind diese Urteile auch von Vorurteilen geprägt. Dieser Meinung ist auch die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold, die derzeit an einer neuen Biografie über Leopold Mozart arbeitet und im Rahmenprogramm des Augsburger Mozartjahres 2019 für ihn eintritt. Wie sehr man Amadés Vater oft unterschätzt, belegt für sie allein schon die Tatsache, dass es in der alten Mozart-Gesamtausgabe mehr als ein Werk aus seiner Feder gab, welches zunächst versehentlich dem Sohn zugeschrieben wurde. »Und das kann ja schließlich nicht auf einmal schlechter sein, nur weil jetzt ein anderer Name drübersteht. Ursprünglich hatte ich mal gesagt, ich möchte ein Buch über Leopold schreiben, in dem Wolfgang nicht vorkommt. Das geht natürlich nicht. Was aber sehr wohl geht, ist zu versuchen, konsequent die Blickrichtung des Vaters einzunehmen. Es ist sehr spannend, das einmal umzudrehen.«

Ganz ausgeblendet wird der Sohn natürlich auch in Augsburg nicht, wo zur Eröffnung des Mozartfestes am 11. Mai die Große g-Moll-Sinfonie Seite an Seite mit Werken des Jubilars erklingt. Gespielt von der Akademie für Alte Musik Berlin. Doch waren Simon Pickel und sein Team bei der Zusammenstellung des hochkarätig besetzten Programms klug genug, den innerfamiliären Streit nicht unnötig anzufachen, sondern Leopold Mozart in erster Linie im Kontext seiner Zeit zu beleuchten. »Die Herausforderung war, ihn nicht nur in all seinen musikalischen Facetten, sondern als ganzen Menschen darzustellen. Und das geht eben auch indirekt.« So unter anderem durch Vorbilder oder Zeitgenossen wie Wolfgangs zweiten »musikalischen Vater«, Joseph Haydn. Nicht zu vergessen Johann Sebastian Bach, mit dessen Sonaten und Partiten Stargeigerin Isabelle Faust an Leopold Mozarts wohl berühmtestes theoretisches Werk, die bis heute verwendete »Violinschule« anknüpft. Selbst wenn wir ihn also in Wolfgangs Schatten gern einmal vergessen, Mozart senior war weit mehr als nur der Vater seines Sohnes. Und wer dies immer noch nicht glaubt, darf sich nun in Augsburg gerne überzeugen lassen.

Tobias Hell


Deutsches Mozartfest. 11.-26. Mai, Augsburg.

Karten: und Informationen unter mozartstadt.de.

 

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