Jana Sterbak, »Hard Entry«, 2003 © JANA STERBAK, COURTESY THE ARTIST AND BARBARA GROSS GALERIE,

Verständigung durch Foto und Glas

Die Ausstellung »Primäre Gesten« in der Schwabinger Alexander Tutsek-Stiftung bringt Fotografien von Robert Rauschenberg mit Glasskulpturen von Mona Hatoum, Jana Sterbak, Hassan Khan und Terry Winters zusammen.

Zu Beginn der 1980er-Jahre zog es den US-amerikanischen Maler Robert Rauschenberg ins Reich der Mitte. Mao war gestorben und auch die Viererbande hatte die Macht über China nicht mehr in den Händen. Unter Deng Xiaoping begann sich das Riesenreich zu öffnen. Reisen in das zu Zeiten der Kulturrevolution weitgehend abgeschottete Land wurden möglich. Im Koffer von Robert Rauschenberg (1925-2008) befanden sich eine Hasselblad- Mittelformat-Kamera sowie ein Vorrat an Farbfilmen. Rauschenberg war zum ersten Mal in China. Er näherte sich dem Land und seinen Bewohnern durch den Sucher seiner Spiegelreflexkamera. Er hoffte, damit zur Völkerverständigung wie zum interkulturellen Diskurs zwischen den Chinesen und den Menschen des Westens beizutragen. Während seiner Reisen durch China machte der Künstler mehr als 500 Fotos. Eine Besonderheit dieser Bilder gab die Technik der schwedischen Kamera vor. Der Fotoapparat stellt Fotos im quadratischen Format von 6 x 6 cm her. Für Porträt- und Modeaufnahmen, bei denen die Hasselblad bevorzugt ihren Einsatz fand, hervorragend geeignet, verlangt das für die menschliche Wahrnehmung eher ungewohnte quadratische Format, insbesondere im Unterschied zum länglichen Kleinbildformat 24 x 36 mm, bei Landschaftsaufnahmen ein hoch entwickeltes kompositorisches Empfinden wie eine gestalterische Kraft. Diese Herausforderung hat Rauschenberg, den die Kunstgeschichte als einen Wegbereiter von Pop-Art wie Konzeptkunst kennt, mit Elan gemeistert. Aus dem ursprünglichen Konvolut an Fotos hat der Künstler selbst nach seiner Rückkehr in die Heimat eine über 30 Meter lange Bildmontage mit dem Titel Chinese Summerhall (1982) erstellt. Aus ihr wählte Rauschenberg nun 28 Motive aus, die er unter dem Titel Study for Chinese Summerhall edierte. Es sind zwei Portfolios mit 18 Abzügen im Format 100 x 75 cm und zehn Fotografien im Format 70 x 55 cm. Jeder Abzug ist vom Künstler einzeln signiert worden. Die Serie Study ist vollständig in den Räumen der Alexander Tutsek-Stiftung zu sehen.

Rauschenbergs China-Fotos treten vier skulpturale Positionen an die Seite, die das Material Glas verbindet. Die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum zeigt ihre kreisrunde, aus vielen schwarzen Glasmurmeln bestehende Plastik Turbulence (2014). Auf der Empore im Ausstellungsraum ist die kanadische Künstlerin Jana Sterbak mit ihrer Arbeit Hard Entry vertreten, die aus neun handgeformten Glasschalen besteht, die ähnlich den russischen Matrjoschka-Puppen eng ineinandergesteckt sind, sodass sich das Werk als Einheit oder Vielheit betrachten lässt. Im Obergeschoss der Villa sind sodann vier Arbeiten des amerikanischen Künstlers Terry Winters aus seiner Werkreihe Marseille Templates (2004/06) zu sehen sowie die Glas-Stahl-Skulptur The Knot des ägyptischen Multimedia-Künstlers Hassan Khan. Rauschenbergs Fotografien sowie die Glasarbeiten der vier anderen Künstlerinnen und Künstler haben ihre Gemeinsamkeit darin, dass sie auf unterschiedliche Weise grundlegende nonverbale menschliche Gesten thematisieren. Der Ausstellungstitel Primäre Gesten transformiert einen Begriff aus Anthropologie und Psychologie in die Welt der Kunst. Mona Hatoum nimmt sich des Spiels an, Terry Winters und Jana Sterbak reflektieren in ihren Arbeiten die menschlichen Elementargesten des Teilens und Tauschens, symbolisiert in Schalen zur Aufbewahrung und Gefäßen, aus denen dem Begriff nach etwas ausgeschenkt werden kann. Hassan Khans Knoten aus dem nonfunktionalen Material Glas lenkt den Blick gerade dadurch auf die handgreiflichen wie metaphorischen Funktionen eines Knotens, der etwas verbindet oder ein Verbindungsproblem aufzeigt, etwa beim berühmten Gordischen Knoten. Rauschenbergs Bilder befassen sich mit der primären Geste des Reisens und Fahrens. Gerne verweilen sie an Orten des Übergangs: im Hotelzimmer, beim Schiff am Kai oder an der Stromleitung neben der Straße, die von einer Tierskulptur mit offenem Maul und heraushängender Zunge bewacht wird, die noch auf ganz andere Welten verweist.

Die ausgestellten Kunstwerke hat die Alexander Tutsek- Stiftung für ihre eigene Sammlung erwerben können. Die Stiftung wurde im Jahr 2000 von dem Unternehmer Alexander Tutsek und der Wissenschaftlerin Eva-Maria Fahrner-Tutsek gegründet. Sie ist im Bereich der bildenden Künste tätig, wobei sie sich auf die Fotokunst sowie auf Kunstwerke aus Glas konzentriert. Sie fördert einzelne Künstlerinnen und Künstler sowie künstlerische Ausbildungsstätten. Außerdem unterstützt sie öffentliche Museen und Kunstinstitutionen, in München etwa das Haus der Kunst. Ein anderer Schwerpunkt der Stiftungstätigkeit liegt in der breiten Nachwuchsförderung in den Ingenieurwissenschaften, wobei bedingt durch die Unternehmensfelder, in denen Alexander Tutsek tätig war, den Bereichen Glas, Keramik und Erden sowie der Werkstoffkunde, dem Maschinenbau und dem Chemieingenieurwesen besondere Aufmerksamkeit zukommt.

Rüdiger Heise


Primäre Gesten. Bis 30. August, Di-Fr 14-18 Uhr, feiertags geschlossen, Eintritt frei. Alexander Tutsek-Stiftung, Karl- Theodor-Str. 27. Tel. (089) 55 27 30 60.

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