Koji Shibazaki, Installationsansicht © MFK

Licht im Dunkeln

Im Mittelpunkt einer Sonderausstellung im Museum Fünf Kontinente steht der ganz eigene Umgang, den die japanische Kultur mit dem Papier pflegt.

Das Tageslicht muss draußen bleiben aus dem Sonderausstellungsraum. So kommen die Papierstelen von Koji Shibazaki, durch LED-Leuchten von innen her mit Licht versorgt, recht zur Geltung. Für die Besucherinnen und Besucher wird hier die Lichtsituation in einem klassischen japanischen Haus zur Abend- und Nachtzeit nachgestellt erfahrbar gemacht. Von einer einzigen Lampe mit Papierschirm erhält der Raum Licht, das zudem durch den Schirm und die diaphanen Papiertrennwände doppelt gebrochen erscheint. Die magisch-entwirklichende Stimmung aus längst vergangener Zeit wird mit avancierten künstlerischen Mitteln zu ihrem »re-enactment« (Wiederaufführung) gebracht. Zugleich wird hier aber die Möglichkeit genutzt, gerade mit ästhetischen Mitteln den Besucherinnen und Besuchern eine Kultur nahezubringen, die bei uns noch immer mit dem Geheimnisvollen, Ungewohnten und Verrätselten, kurz mit dem schwer Verständlichen verbunden wird./p>

In einem Video zeigt Koji Shibazaki, der Professor an der Aichi-Universität der Schönen Künste in Nagakute ist, wie das Japanpapier oder »Washi« hergestellt wird. Die Fasern von zwei Arten des Papiermaulbeerbaums und von zwei Seidelbastgewächsen, die für die Herstellung von Japanpapier genutzt werden, müssen in einem zeitaufwendigen Verfahren herausgelöst, weich gekocht und gewaschen werden. Der Fasermischung werden dann Pflanzenschleime zugesetzt. Wässern, Sieben, Pressen und Trocknen umfassen dann die weiteren Phasen, bis das fertige langfaserige und dadurch sehr reißfeste Japanpapier gewonnen ist. Seine Herstellung erfordert in ihrer Langwierigkeit selbst bereits eine meditative Grundeinstellung, der sich dann Geduld und Sorgfalt beigesellen müssen.

Japanpapiere, die in unterschiedlichen Ausprägungen auch in der Ausstellung in Papierkatalogen ausliegen, bilden das Ausgangsmaterial für die Papierinstallationen von Koji Shibazaki, Jahrgang 1964, und seiner Schülerin Mikako Suzuki. Es treten Gold- und Silberfolien sowie Glimmerpulver hinzu. Durch das Übereinanderlegen von Papierstreifen lassen sich Hell-Dunkel-Effekte erzielen. Um die geometrischen Muster akkurat herstellen zu können, bedienen sich der Papierkünstler und die Papierkünstlerin einer Technik, die in den letzten Jahren in den Bildenden Künsten ihre Wiederentdeckung gefunden hat: des Cut-out. Im Ergebnis haftet den Lichtstelen Shibazakis eine doppelte Räumlichkeit an. Zum einen sind sie an sich schon räumliche Gebilde, doch die geometrischen Bilder auf den Oberflächen der Stelen erzeugen weitere illusionistische Raumeindrücke, die Assoziationen an minimalistische Lichtkunst, Raumtäuschungen à la M. C. Escher, das fraktal-geometrische Prinzip der Selbstähnlichkeit oder das Ineinandergreifen von Getriebezahnrädern evozieren. Die Lichtstelen wirken im Ausstellungsraum zusammen mit den dekorierten Papierbahnen, die als Raumteiler verwendet werden, zugleich aber auch an das Rollbild erinnern, das traditionell in der Ziernische japanischer Wohnungen hängt. Hier kommt die Kunstfertigkeit von Mikako Suzuki besonders zum Ausdruck, die mit dünnen Gold- und Silberfolien und Fäden arbeitet, die sie auf die Papierflächen appliziert. Auf einer Papierbahn in der Ausstellung sind Origami-Elemente aufgebracht, die die flächige Papierbahn in den Raum hinein verlängern und ausgreifen lassen und zugleich der ebenso bekannten wie beliebten Falttechnik, die seit Langem die Grenzen Japans und der japanischen Kultur transzendiert hat, ihre Reverenz erweisen. Rüdiger Heise


Schatten. Licht. Struktur. Papierinstallationen von Koji Shibazaki. Bis 22. September, Di-So 9.30-17.30 Uhr, Museum Fünf Kontinente, Maximilianstr. 42. Tel. (089) 2 10 13 61 00.

 

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