Anonym, »Porträtfotografie Koloman Moser«, 1905 © © MAK

Künstlerischer Totalanspruch

Die Koloman Moser gewidmete Einzelausstellung in der Villa Stuck

Die Wendung gegen die Stilmischungen des Historismus ging von England aus. William Morris und seine »Arts and Crafts«-Bewegung betonten gediegenes Handwerk und einen reflektierten Produktionsvorgang in Kontrast zu schlampig hergestellter Fabrikware. Der Art nouveau Frankreichs und Belgiens favorisierte das Wachsende und Fließende gegenüber dem Stillstand starrer Seniorität. In Wien, dem Zentrum der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, in der zwei Nationen einen Vielvölkerstaat dominierten, setzte die neue Kunstbewegung der zweiten Jahrhunderthälfte bei der Architektur und dem Kunstgewerbe sowie bei der Opposition gegen eine akademisch verkrustete Malerei an. Die Architekten Josef Hoffmann und Otto Wagner, der Maler Gustav Klimt sowie als Vierter im Bunde der Allround-Künstler Koloman Moser (1868-1918) sind die Titelgestalten jenes Gesamtkunstwerks, für das sich schon bald der Begriff »Wiener Moderne« einbürgerte. Ihre Vertreter verstanden sich dabei durchaus nicht als die vorbehaltlosen Neuerer, als die sie bis heute oft gelten, sondern als Bewahrer der Tradition gegen deren tendenziöse Interpreten und ruchlosen Ausbeuter wie Verwerter. Ein neuer visionärer Aspekt trat hinzu: Das gesamte Leben, die ganze Alltagswirklichkeit sollte künstlerisch durchgestaltet werden, von der Wiege bis zur Bahre, vom Spielzeug bis zum Musikdrama, von der Küche bis zur Kirche.

Die dem Künstler Koloman Moser gewidmete Einzelausstellung im Atelierhaus der Villa Stuck zeigt mehr als 600 Exponate auf drei Stockwerken. Die Präsentation fasst zwei Ausstellungen der beiden Wiener Museen, des MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst sowie des Theatermuseums Wien zusammen. Die Exponate werden dabei weitgehend chronologisch in sechs Kapiteln präsentiert. Eine Ausnahme bildet dabei der letzte sechste Abschnitt, der sich auf Koloman Mosers Arbeiten für das Sprech- und Musiktheater konzentriert. Am Anfang macht die Ausstellung die Besucher mit der gesellschaftlichen Situation der Doppelmonarchie und ihres Zentrums Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Für die Kunstschaffenden bedeutsam ist, dass die Adelsfamilien von den Großbürgern als Auftraggeber abgelöst werden. Zudem entsteht in den bürgerlichen Mittelschichten erstmals ein Markt für künstlerische Konfektionsware wie Tapeten, Vorhänge, Geschirr und auch Schmuck. Sodann wendet sich die Aufmerksamkeit dem künstlerischen Werdegang Koloman Mosers zu. Aus einfachen Verhältnissen stammend verdiente Moser bereits als Illustrator und begnadeter Zeichner, der er war, Geld, um dann später zwischen 1893 und 1895 die reguläre künstlerische Ausbildung an der Kunstgewerbeschule zum Maler finanzieren zu können. Zusammen mit Kollegen schließt er sich zum Siebener- Club zusammen, dem Vorläufer der Secession. Überlängte Formate im Hoch- wie Querformat, die Verlagerung von Bildaussagen vom Zentrum an den Rand sowie die Begeisterung für die japanische Bildkunst prägen die Arbeiten Koloman Mosers. Die Begegnung mit dem Architekten Otto Wagner, der wenig später zusammen mit Josef Hoffmann die Ernennung Mosers zum Professor an der Kunstgewerbeschule fördert, erweist sich als ebenso hilf- wie einflussreich. Die Betonung praktischer Nutzbarkeit ist ein Element, das Koloman Moser für seine eigenen Arbeiten übernimmt. Bedeutendes Zeugnis für das künstlerische Zusammenwirken Mosers mit dem Architekten Otto Wagner wird dann zu Beginn des neuen Jahrhunderts die Kirche am Steinhof auf dem Gelände der Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke. Zuvor gehören Wagner und Moser aber zu den Gründungsmitgliedern der Wiener Secession.

Die durchgehende Ästhetisierung aller öffentlichen und privaten Lebensbereiche wird zum Programm der Secessionisten. Moser und die bei ihm Studierenden konzentrieren sich dabei auf die Gestaltung von Möbeln, die Innenraumgestaltung, Schmuck und Einrichtungsgegenstände. Vom Firmensignet über Rechnungsformulare bis hin zu Vorlagenbüchern wird alles einer einheitlichen künstlerischen Gestaltung unterzogen. Dieses Unterfangen kann in der Ausstellung nicht nur an den Ergebnissen, sondern auch an Entwürfen und Konzepten, also auf dem Weg zum Ergebnis, betrachtet und beurteilt werden. Um 1900 werden die Wellenformen des Jugendstils dabei zunehmend von strengeren geometrischen Binnen- und Dekorformen abgelöst, zentriert um das Quadratdekor, das für Mosers Entwürfe typisch ist. Diese Entwicklung kulminiert in der Gründung der Wiener Werkstätten im Jahr 1903, aus denen der Künstler aber bereits vier Jahre später wieder austritt, weil er seine künstlerische Unabhängigkeit durch den Einfluss weniger Mäzene bedroht sieht. In der Folge verlagert Koloman Moser sein künstlerisches Wirken auf die Bühne und er kehrt zu seinen malerischen Ursprüngen zurück. Es entstehen eindrückliche Landschaftsbilder und Porträts. Im Alter von nur 50 Jahren stirbt Koloman Moser am 18. Oktober 1918 kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Rüdiger Heise


Koloman Moser. Universalkünstler zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann. Bis 15. September, Di-So und feiertags 11-18 Uhr, erster Freitag im Monat 11-22 Uhr, Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60. Tel. (089) 4 55 55 10.

Die Kataloge zur Ausstellung: »Koloman Moser. Universalkünstler zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann«. Hrsg. Christoph Thun-Hohenstein, Christian Witt-Döring und Elisabeth Schmuttermeier. 288 Seiten mit zahlreichen Abb., Dt./Engl., Birkhäuser Verlag, ISBN 978-3-0346- 1849-5, 44,95 €. »Anwendungen. Koloman Moser und die Bühne«. Hrsg. Daniela Franke und Kurt Ifkovits, 111 Seiten mit zahlreichen Abb., ISBN 978-3-99020-177-0, 24,95 €.

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