Ernst Moritz Engert: »Radio«, 1933 © VG Bild-Kunst Bonn 2020 / Foto: Lenbachhaus

Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungs­bewusstsein.

Die neue Sonderausstellung im Lenbachhaus fordert Partizipation ein. Von Rüdiger Heise.
In einer Ausstellung neuen Typs befasst sich das Lenbachhaus mit sendungsbewussten Künstlerkollektiven der 20er-/30er-Jahre sowie der 60er-/70er-Jahre, in denen Fragen nach der gesellschaftlichen Beteiligung gestellt werden.
Als am 29. Oktober 1923 aus dem Vox-Haus in Berlin die erste Unterhaltungssendung des deutschen Rundfunks ausgestrahlt wurde, erlebten die Hörerinnen und Hörer die Geburt eines neuen immateriellen Mediums hörbar mit. Unsichtbare Wellen trugen Töne und Sprache in die unmittelbare Lebenswelt des einzelnen oder besser vereinzelten Hörers; denn in den Pionierjahres des Mediums konnte es nur über Kopfhörer vernommen werden. Vier Bilder im ersten Ausstellungsraum, gemalt im Stil der Neuen Sachlichkeit, zeigen Männer beim Radiohören − darunter Kurt Weinholds bemerkenswerter Radiohörer im Adamskostüm − oder beim eigenem Radiobauen. In der Weimarer Republik wandten sich die Mitglieder der Arbeiterradiobewegung wie auch der politischen Linken sich zuzählende Künstler, wie Bertolt Brecht, John Heartfield und Siegfried Kracauer, gegen eine Radiokommunikation, die in nur eine Richtung, nämlich vom Sender zum Empfänger verlief. Wenige Jahre später sollte sich zeigen, wie gerade das Radio sich für totalitäre Herrschaftssysteme und deren Zwecke einspannen ließ. In Radiolehrstücken, wie dem auf Initiative von Kurt Weill zusammen mit Paul Hindemith und Elisabeth Hauptmann von Brecht realisierten »Lindberghflug«, versuchten die Beteiligten den Hörenden eine aktive Rolle zu geben, so dass sich eine »Radiotheorie« hätte etablieren sollen, in der Sender und Empfänger gleichberechtigt und gleichbeteiligt wären. An die Seite dieser Arbeiten zum Radio stellen die beiden Kuratorinnen der Ausstellung Karin Althaus und Stephanie Weber Dokumente, die Zeugnis ablegen von der Begeisterung, die Künstler*innen und Intellektuelle für die Idee einer Universalsprache empfanden. Das Esperanto, erfunden gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom dem polnischen Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof, erlebte eine Renaissance in den 1920er-Jahren im Zeichen eines, vor allem von der Linken vertretenen Inter- oder besser Transnationalismus. Der argentinische Künstler Xul Solar (1887-1963), der auf seiner Europareise in den 1920er-Jahren auch in München Station machte, verfolgte mit seinem Neocriollo, mit der er dem südamerikanischen Subkontinent eine Universalsprache geben wollte, ein ähnliches Projekt. Der Gedanke einer weltweit einheitlichen Kommunikationsform stand auch am Beginn von Paul Renners in München entwickelter Futura-Schrifttype. Die Saaltexte in der Ausstellung sind in dieser Schrift verfasst, die Modernität und Entschleunigung, will sagen eine Reduktion der Lesegeschwindigkeit, in sich vereinigt.
 
Sprung um vier Jahrzehnte
Brechts Texte zum Radio entfalteten ihre stärkste Wirkung erst 40 Jahre später, als sie in der Studentenbewegung der 1960er-Jahre eifrig rezipiert wurden. Texte, Kunstwerke und Dokumente aus dem Umkreis Brechts bringt die Ausstellung zusammen mit solchen von verschiedenen Bewegungen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, die eine internationale Ausstrahlung erreichten. Es fällt Licht auf die italienische Spielart des Feminismus wie der Anti-Psychiatrie-Bewegung. Die Kuratorinnen befassen sich mit deren deutscher Ausformung, dem Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv. Aus Frankreich und den Benelux-Staaten kommt die Situationistische Internationale um Guy Debord und seine Mitstreiter*innen ins Spiel. Die Scharmützel Debords mit Münchens Beitrag in Gestalt der Gruppe Spur werden rekapituliert. Einer der materiellen Höhepunkte der Präsentation ist dabei der »Spur-Bau« aus dem Jahr 1963 samt seiner zeichnerischen Vorbereitungen. Allen diesen Bewegungen war eines gemeinsam: Sie strebten die herrschaftsfreie Kommunikation an und forderten gesellschaftliche Teilhabe ein, gegenwärtig gerne als Partizipation bezeichnet. Wie zu ersehen, sind beide Zielbestimmungen nach wie vor unabgegolten und deshalb hochaktuell.
 
Praktizierte Partizipation
Die aktuelle Seite der Ausstellung wird vor allem durch das umfangreiche Rahmenprogramm abgedeckt. Der dafür vorgesehene Raum im Sonderausstellungsbereich dient jenseits der Veranstaltungen als ein öffentliches Forschungs- und Lektürelabor. Das Labor, in dem die wesentlichen Texte zu den Ausstellungsthemen ausliegen, ist zu den Öffnungszeiten des Lenbachhauses frei, d.h. ohne Eintritt, für alle Interessierten zugänglich. In Zeiten des Corona-Virus sind genaue Ankündigungen unsicher geworden. Man informiere sich am besten über die, übrigens neugestaltete Website des Lenbachhauses: www.lenbachhaus.de
 
Vorgesehen sind am Dienstag, den 10. März 2020, ab 19 Uhr ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Andreas Zeising von der TU Dortmund mit dem Titel »Bilder der tönenden Welle. Zur Ikonografie des Radios zwischen Abstraktion und Neuer Sachlichkeit«. In Kooperation mit dem DOK.fest München soll am Dienstag, den 24. März 2020, um 19 Uhr der Film Dreams rewired – Mobilisierung der Träume aus dem Jahr 2015 im Aktionsraum gezeigt werden. Für den April und später sind die Vorstellung von Radioprojekten aus Italien und Griechenland – das Klangstück Ports in Transition von Kalas Liebfried in Kooperation mit dem Goethe-Institut Athen – geplant.
 
Öffentliche Führungen:
Freitag, 06.03.2020, 16 Uhr
Sonntag, 15.03.2020, 14 Uhr
Dienstag, 17.03.2020, 18 Uhr
Dienstag, 31.03.2020, 18 Uhr
Sonntag, 19.04.2020, 14 Uhr
Freitag, 08.05.2020, 16 Uhr
Sonntag, 10.05.2020, 14 Uhr
Dienstag, 21.07.2020, 18 Uhr
Sonntag, 31.05.2020, 14 Uhr
 
Die Führungen dauern rund eine Stunde lang und kosten 3,- €. Ausstellung und Rahmenprogramm ziehen sich bis in den Spätsommer, präzise bis zum Ausstellungsende am 23. August 2020.
 
Autor: Rüdiger Heise  

Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstsein. Bis 23. August 2020. Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-18 Uhr sowie an Feiertagen. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Lenbachhaus, Luisenstr. 33, 80333 München. www.lenbachhaus.de.

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