Ministerpräsident Kurt Eisner in Begleitung seiner Frau und des Ministers für Soziale Angelegenheiten, Hans Unterleitner, auf dem Weg zur Rücktrittserklärung im Landtag, Fotografie, 21. Februar 1919 (c) Münchner Stadtmuseum

Umwertungen 

Kurt Eisner und Oskar Maria Graf

Ein Publizist, der schließlich zum Politiker wurde, und ein oberbayerischer Schriftsteller, der die Hälfte seines Lebens in New York wohnte, stehen in diesem Sommer im Mittelpunkt von zwei Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen in München und seiner Umgebung.

Die Rede ist von dem Journalisten und ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919) und dem Schriftsteller Oskar  Maria Graf (1894-1967). Beide befanden sich, wie es der Autor in seiner Bekenntnisschrift Wir Gefangene aus dem Jahr 1927 ausdrückt, mehrere Male zur selben Zeit am selben Ort. Es war gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als Graf Kurt Eisner reden hörte und wenige Schritte von ihm entfernt im Marsch von der Bavaria im November 1918 mitging, der in München die Revolution einleitete. Die unruhigen Monate zwischen der Novemberrevolution, die den Ersten Weltkrieg beendete, und dem politischen Mord an Kurt Eisner am 21. Februar 1919 stehen im Mittelpunkt der Ausstellung im Münchner Stadtmuseum. Die Ausstellung aus Anlass von Kurt Eisners 150. Geburtstag unternimmt den Versuch, die Debatte über den umstrittenen Politiker zu versachlichen, indem sie über Irrtümer und teilweise mutwillige Missdeutungen Eisners und der von ihm verfolgten Politik während der ersten Münchner Räterepublik aufklärt. Die Ausstellung fällt dabei in eine Zeit, in der sich die bayerische Staatsregierung dazu durchzuringen scheint, die Rolle Eisners positiv zu würdigen. Das 100. Jubiläum der Novemberrevolution im nächsten Jahr wirft hier seine Schatten voraus. Die Ausstellung kämpft mit dem Mangel an authentischen Exponaten und verlangt den Besuchern einiges an Lesearbeit ab. Sie belohnt dafür mit Einsichten. Die Persönlichkeit Kurt Eisners bekommt Konturen, sein journalistischer Werdegang wird verdeutlicht, der Beginn und die Stationen seiner politischen Laufbahn treten hervor. Geboren und aufgewachsen in Berlin, zog Eisner 1910 nach München. Schon kurz nach Kriegsausbruch brach er mit der Mehrheitssozialdemokratie. Im April 1917 trat Kurt Eisner der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei. Als der bayerische König Ludwig III. Anfang November 1918 tatenlos der wachsenden Unzufriedenheit und der Streikbewegung zusah, reagierten Eisner und der Münchner Arbeiter- und Soldatenrat als Erste. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 erklärten sie: »Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!« Kurt Eisner regierte als dessen erster Ministerpräsident bis zu seiner Wahlniederlage im Februar 1919, als seine Partei nicht einmal drei Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Auf dem Weg zu seiner Rücktrittserklärung als Ministerpräsident vor dem Landtag am Vormittag des 21. Februar 1919 wurde Kurt Eisner in der Promenadestraße von einem Offizier aus nationalistischen und antisemitischen Motiven rücklings erschossen.

Oskar Maria Graf

Die Gründe für das politische Scheitern Kurt Eisners lassen sich in dem oben zitierten Buch Oskar Maria Grafs nachlesen. Graf, der sich schlitzohrig als »Provinz­schriftsteller« stilisierte, kannte die gesellschaftliche Lage in Stadt und Land aus eigener Anschauung. Er stammte aus dem Dorf Berg am Nord­ostufer des Starnberger Sees, in dem seine Familie eine Bäckerei betrieb. Da er sich mit seinem älteren Bruder, der die Bäckerei betrieb, überhaupt nicht verstand, verließ der spätere Autor bereits 1911 das Heimatdorf, um in München zu leben. Im München der Zwischenkriegszeit erlebte er seinen Durchbruch als Schriftsteller (Frühzeit, Das Bayerische Dekameron, Wir sind Gefangene, Bolwieser). Mit Beginn der Naziherrschaft in Deutschland ging Oskar Maria Graf ins Exil, zunächst nach Österreich, dann über die Tschechische Republik im Jahr 1938 in die USA. Abgesehen von Reisen, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederholt auch wieder in die bayerische Heimat, lebte Graf bis zu seinem Tod am 28. Juni 1967 in New York. In diesem Jahr wird in München und Berg zum einen der 50. Todestag des Schriftstellers begangen und außerdem seines 123. Geburtstages am 22. Juli gedacht. Die Sonderausstellung im Münchner Literaturhaus konzentriert sich dabei auf die Exilzeit Grafs von Ende Februar 1933 bis zu seinem Tod in New York 1967. Paraphernalia – darunter eine seiner geliebten »Krachledernen« –, Fotografien und Briefe sowohl von Graf wie auch berühmter Briefpartner wie Albert Einstein, Klaus und Katia Mann geben einen Einblick in die Lebenswelt des Exils. In kurzen Hörstationen kann man Oskar Maria Grafs Stimme vernehmen. Dem Paradoxon von Literaturausstellungen entkommt auch diese nicht: Bei Werkkenntnis wirken die Exponate nur wie Nebensächlichkeiten, bei Unkenntnis der schriftstellerischen Arbeiten vermögen die Ausstellungsstücke aber nicht davon zu überzeugen, warum man sich gerade für diesen Autor interessieren sollte. Die Oskar Maria Graf-Festtage 2017 in Berg verdanken sich einer Initiative von Katja Sebald und Andreas Ammer. Sie wollen den Schriftsteller symbolisch in sein Heimatdorf zurückholen. In Lesungen, Konzerten, Filmvorführungen und Ausstellungen, die auch den Bogen bis hin in die künstlerische Gegenwart spannen, findet sich Grafs tief ambivalentes Verhältnis zu seinem Geburtsort nachgezeichnet. Immerhin hat der Autor aber in seinem Hauptwerk Das Leben meiner Mutter die Gemeinde Berg in der Weltliteratur verankert. 

Rüdiger Heise

 


Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919). 

Bis 8. Oktober, Di-So 10-18 Uhr, Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1. Informationen: Tel. (089) 23 32 23 70.

 

Oskar Maria Graf – Rebell, Weltbürger, Erzähler. Bis 5. November, Mo-Mi & Fr 11-19 Uhr, 

Do 11-21.30 Uhr, 

Sa-So 10-18 Uhr, Literaturhaus München, Salvatorplatz 1. Infos: Tel. (089) 2 91 93 40.

 

Oskar Maria Graf-Festtage in Berg. 

27. Juni bis 16. Juli. 

Über das ganze Programm unterrichtet die eigens eingerichtete Website 

omg-berg.de.

 

»Ein gemütlicher Spektakel war überall.« Zum 123. Geburtstag von Oskar Maria Graf. 

Sonntag, 23. Juli, 11 Uhr. Lesung mit Musik und bayerischer Brotzeit. Monacensia im Hildebrandhaus/Forum Atelier, Siebertstr. 2.

 

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