Michael Weseley, »Stilleben« (19.4. - 26.4. 2011) (c) Courtesy Nusser & Baumgart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Das Kallmann-Museum feiert mit einer ambitionierten Themenausstellung 25. Jubiläum ...

... Die Ausstellung trägt den Titel »Schön vergänglich – Blumen in der zeitgenössischen Kunst«. 15 Künstlerinnen und Künstler forschen in ihren Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen, Fotoarbeiten, Videos und Installationen danach, was uns durch die Blumen heute mitgeteilt werden kann.

Mit Blumen etwas durch die Blume jemandem mitteilen ist eine Fertigkeit, die an Ansehen verloren hat. Wir wollen alles direkt, ohne Umschweife und Umwege wissen. Erstaunlicherweise hat sich diese Attitüde auch des Themas der Vergänglichkeit bemächtigt. Soweit der Gedanke an die eigene Endlichkeit nicht verdrängt wird, drückt er sich technizistisch, salopp oder brutal aus. Über weiteste Abschnitte der Kulturentwicklung war das anders. Die Erinnerung an die eigene Endlichkeit wurde diskret und indirekt thematisiert. Gern bediente man sich dabei verschiedener Symbole und Metaphern. An dieser Stelle kommen die Blumen ins Spiel. Der verkürzte Naturzyklus der meisten Blumen vom Aussprießen des Samens, dem Erblühen, der Hochblüte bis hin zum Verwelken und Zerfallen zu Staub lässt sich von jedem beobachten und macht den Vorgang der Vergänglichkeit sinnfällig. Die Jubiläumsausstellung des Kallmann-Museums Ismaning vereint 15 zeitgenössische künstlerische Positionen, in denen auf ganz unterschiedliche Weise Blumen als Metaphern für Vergänglichkeit aufscheinen.

Die konstruierte Tradition

Durch die von ihm perfektionierte Technik der Langzeitbelichtung gelingt es dem in München geborenen, heute in Berlin lebenden Fotokünstler Michael Wesely, den Naturzyklus einer Blume in einem Bild synchron zu vereinen. Der japanische Fotograf Hiroyuki Masuyama bringt in seinen beiden in Ismaning gezeigten Arbeiten Fotografie und Bildhauerei sowie Fauna und Flora zusammen. In eine bienenwabenartige Struktur ist jeweils ein großformatiges Blumenbild eingelassen. Der Künstler bezeichnet seine Arbeiten als Stillleben, womit er sich auf das traditionelle Genre bezieht, in dem in der Malerei Vergänglichkeit dargestellt wird. Das deutsche Wort Stillleben verdeckt diesen Tatbestand, der sich im Englischen und Französischen als »nature morte« klar ausspricht. Macoto Murayama behandelt in seinen Arbeiten das Thema Stillleben, dem fast alle Exponate verpflichtet sind, auf eine wissenschaftliche Art. Er verwandelt die pflanzliche Vorlage in eine äußerst genaue, im Wiedergabe-Maßstab vergrößerte technische Zeichnung. Wenn man so will, liegt hier die Bauanleitung des Schöpfers vor – verstörend erhaben.

Die Schweizer Videokünstlerin Gabriella Gerosa bezieht in ihrer gezeigten Arbeit Die Blütenstaubfresserin II die kunstgeschichtliche Tradition der Vanitas- und Stillleben-Darstellung in ihre eigene Bildfindung mit ein: In einem an Vermeer-Gemälde erinnernden Interieur ist eine Frau in epochenspezifischer Kleidung dabei zu sehen, wie sie ihre Finger durch Rosenblüten bewegt. Vergänglichkeit und Vergeblichkeit gehen in diesem Video Hand in Hand. Die beiden Maler Hansjoerg Dobliar und Paul Morrison nähern sich dem Thema auf malerisch ganz unterschiedliche Weise: Dobliar führt in seiner Werkreihe Distorted Flower die floralen Formen durch eine kubistisch anmutende Aufspaltung, während Morrison sich des Mittels der monochromen Malerei bedient und dabei zugleich andeutet, welch bedeutsame Rolle das Blumenmotiv in der Frühzeit der Fotografie mit ihren unterschiedlichen Fixierungsverfahren innehatte. Die Plastiken und Installationen Anne Carneins lassen sich von der Praxis inspirieren, Blumen zu trocknen, um sie als Erinnerungszeichen zu konservieren. Luzia Simons nimmt in ihren großformatigen Fotodrucken, mit denen Kurator Rasmus Kleine die Ausstellung eröffnet, Bezug auf die Tulpenmanie im Europa des 16. Jahrhunderts, die 1637 mit der ersten gut dokumentierten Spekulationsblase abrupt zusammenbrach. Der Münchner Fotograf Christopher Thomas bedient mit seinen Pigmentdrucken ein Erhabenheitsverlangen, das die Vergänglichkeit zumindest ästhetisch in Ewigkeit überführen möchte.

Freie Variationen

Peter Rösels Plastiken frappieren durch die Materialwahl des Künstlers, die den ersten Eindruck konterkariert. Teile von Polizeiuniformen oder von Unterwäsche sowie Stacheldraht nutzt er zur Montage pflanzenähnlicher Gebilde. Stephanie Senge, ausgebildet an der Münchner Kunstakademie bei Olaf Metzel, injiziert Witz in diese Ausstellung mit ihren Arrangements aus gängigen Alltagsartikeln aus Plastik, die Blumensträußen ähneln und das Thema Stillleben ins Industriezeitalter heben. Die französische Filmemacherin Laure Prouvost, 2013 mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet, denkt das Thema im unterirdischen Wurzelreich weiter als Suche nach Ursprüngen, Erinnerungen und dem Zum-Licht-Kommen der Geburt. Altmeister Timm Ulrichs ist mit einer Arbeit über Gertrude Steins berühmtes Diktum »A rose is a rose is a rose« vertreten. Die großformatigen Gemälde Heidi Willbergs und die Arbeiten Miron Schmückles mit ihren aufgehellten Farbigkeiten zeigen auf, wie sich florale Formen und das Thema Vergänglichkeit in ganz andere Gefilde transzendieren lassen. Im letzten Raum der Ausstellung zeigen Gemälde und großformatige Zeichnungen, wie der Namensgeber des Museums, Hans Jürgen Kallmann (1908-1991), das Blumenstillleben gesehen hat.

Rüdiger Heise

 


Schön vergänglich. Blumen in der zeitgenössischen Kunst.

Bis 5. November. Di-So 14.30-17 Uhr. Kallmann-Museum Ismaning, Schloßstr. 3b, 85737 Ismaning.

Informationen: Tel. (089) 9 61 29 48.

 

 

 

 

 

 

 

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