Gabriele Münter, »Der blaue Bagger«, 1935-37 (c) Lenbachhaus, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Schicksal einer Malerin

Eine Neubewertung Gabriele Münters

Bisher hat das Publikum von Gabriele Münters Werk hauptsächlich die Arbeiten aus ihrer Zeit mit Kandinsky und dem Blauen Reiter wahrgenommen. Die umfangreiche Retrospektive im Kunstbau nimmt nun eine Neubewertung vor allem ihrer Gemälde vor.

Erste originelle Bildfindungen gelangen Gabriele Münter in ihren Fotografien. Sie war 20 Jahre alt und hatte gerade für mehrere Monate eine private Damenkunstschule besucht, als 1897 ihre Mutter starb. Daraufhin unternahm sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester eine Reise zu Verwandten in den USA. Die Kodak-Boxkamera, die sie dort geschenkt bekam, verwendete sie mit unbefangener Experimentierfreude. Münter nutzte das neue Medium, um Landschaften, einzelne Häuser und Menschen zu dokumentieren. Nahaufnahmen waren nicht machbar, weswegen sie weiterhin ihr unbekannte Pflanzen in Skizzen festhielt. Die Technik war damals aber schon so weit fortgeschritten, dass sie bei guten Lichtverhältnissen spontane Aufnahmen ermöglichte. War es weniger hell, konnte die Belichtungszeit bis zu zwei Sekunden betragen. Um Unschärfe wegen Verwackelns zu vermeiden, stellte Gabriele Münter den Apparat bisweilen hin. Auf manchen ihrer Fotografien sind daher Tischecken oder Geländer zu sehen, die auf den nicht ganz zu verbergenden Stativersatz hinweisen. Manchmal setzt ihr Schatten auf der Bildfläche einen zusätzlichen Akzent. Einige der entstandenen Bilder erinnern an traditionelle europäische Landschaftsgemälde, andere wieder wirken wie Vorboten von späteren Motiven der Künstlerin. Münters in Amerika entstandene Fotografien wurden vor einigen Jahren schon einmal im Lenbachhaus gezeigt. Nun werden sie der von Isabelle Jansen und Matthias Mühling kuratierten Gesamtschau von Gabriele Münters malerischem Werk vorangestellt, die den Titel Malen ohne Umschweife trägt. Ihre Fotografien sah Münter zwar nicht als Kunst an. Sie beweisen aber ihren ganz eigenen Gestaltungswillen.

Porträt, Landschaft und Interieur

Dass die Künstlerin heute vornehmlich mit Wassily Kandinsky und dem Blauen Reiter identifiziert wird, ist der Kunstgeschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet. In den gemeinsamen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sah Kandinsky Münter einerseits als intuitiv arbeitende Malerin, was die vorherrschende Meinung über zum Intellektuellen nicht fähige Frauen widerspiegelte, gleichzeitig vermittelte er ihr jedoch wichtige Ausstellungen. Zudem war Gabriele Münter innerhalb der Künstlergruppe um den Blauen Reiter eine angesehene Künstlerin. Hans Konrad Roethel, Direktor des Lenbachhauses, und Johannes Eichner, ihr zweiter Lebensgefährte, sorgten in den 1950er-Jahren wieder für regelmäßige Ausstellungen ihrer Bilder. Gleichzeitig reduzierten die beiden die Künstlerin auf die Zeit des Blauen Reiters. Nun endlich wird das Schaffen von Gabriele Münter in seiner Vielfältigkeit anerkannt und wahrgenommen. Um der Falle zu entgehen, dass das Augenmerk doch wieder an den zwischen 1903 und 1915 entstandenen Werken hängen bleibt, ist die Ausstellung nicht am Leitfaden der Chronologie entlang organisiert. Das Werk von Münter wird vielmehr in charakteristische Bereiche eingeteilt. Die traditionellen Themen Porträt, Landschaft und Interieur sind dabei naheliegende Schwerpunkte. 250 Porträts hat die Künstlerin insgesamt geschaffen. Ihr ganzes Leben lang widmete sie sich immer wieder auch dem Selbstporträt. Als Malerin trat sie in ihren Bildern nur vor dem Ersten Weltkrieg auf. Um das Jahr 1909 ist ein Selbstbildnis entstanden, auf dem sie sich als Dame mit Hut, die eine Palette in der rechten Hand hält, vor der Staffelei zeigt. Verschränkungen der Aussage wie der Werkphasen gibt es auch an anderer Stelle. Einen Blick aus dem Fenster suggeriert das Bild Stilleben vor dem gelben Haus (1953), dabei stellt es ein Stillleben vor Das gelbe Haus von 1911 dar.

Primitivismus, Arbeit und Technik

Mit dem Begriff des Primitivismus wird ebenfalls Spurensuche in Münters Kunst betrieben. Das Wort findet im Almanach Der Blaue Reiter des Öfteren Erwähnung. Hier wie bei der Beschreibung von Münters besonderem Darstellungsinteresse ist es im Sinne von einfach und ursprünglich gemeint. Das Interesse für die Volkskunst, das Erlernen der Technik der Hinterglasmalerei, Zeichnungen von und für Kinder sowie der Besuch von spiritistischen Sitzungen bilden den Hintergrund für einige von bäuerlicher Frömmigkeit inspirierte Bilder. Im Gegensatz dazu löst eine Distanziertheit, die der neuen Sachlichkeit nahesteht, in der zweiten Hälfte von Münters künstlerischem Schaffen die oft kräftigen und frohen Farben der Zeit vor 1914 ab. Auch Technik und Arbeit können für Gabriele Münter Bildgegenstand werden, wenn sie in ihrem Umfeld auftauchen. Die Olympiastraße nach Garmisch, die nahe an Murnau vorbeiführt, wurde 1935 gebaut. So entstanden zwischen 1935 und 1937 mehrere Gemälde von Baggern, besonders von einem blauen Exemplar. Durch Vermittlung ihrer Galeristin Erna Hanfstaengl wurde eines davon in der Ausstellung Die Straßen Adolf Hitlers gezeigt. Wie dieses Beispiel belegt, lassen sich in Katalog und Ausstellung viele unbekannte Seiten der Künstlerin entdecken. Wer will, kann sogar nachlesen, welche Filme sich Gabriele Münter, die lieber ins Kino als ins Theater ging, angesehen hat. 

Annemarie Zeiller

 


Gabriele Münter: Malen ohne Umschweife.

31. Oktober 2017- 8. April 2018, Di 10-20 Uhr, Mi-So und feiertags 10-18 Uhr, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Luisenstr. 33.

Informationen: Tel. (089) 23 33 20 00.

 

 

 

 

 

 

 

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