Pae White, »Overserved« (Detail), 2017 (c) Pae White, courtesy kaufmann repetto, Milano/NewYork, Foto: Andrea Rossetti

Tief ins Glas geschaut

Unter dem Titel »Das Andere Sehen« zeigen sieben internationale Künstlerinnen und Künstler in den Räumen der Alexander Tutsek-Stiftung in Schwabing Arbeiten aus Glas

Die Schwabinger Villa, in der die Alexander Tutsek- Stiftung heute residiert, war einstmals das Ateliergebäude eines Bildhauers, was erklärt, warum zwischen dem Gebäude und seinen Räumlichkeiten und den bildenden Künsten eine besondere Verbindung besteht. Die neue Ausstellung präsentiert Arbeiten von sieben international bekannten Künstlerinnen und Künstlern. Mit Ausnahme von Ki-Ra Kim aus Korea sind sie aber nicht auf das Material Glas als künstlerisches Ausdrucksmittel spezialisiert. Eva-Maria Fahrner-Tutsek und ihrem Team ist es gelungen, für die Ausstellung herausragende Werke dieser Kunstschaffenden in München zu versammeln, die aus dem spröden und deshalb in der Bearbeitung so anspruchsvollen Material Glas gestaltet sind, dem sich die Stiftung in besonderem Maße verpflichtet fühlt. So wird in dieser Ausstellung für alle Besucherinnen und Besucher sichtbar, was Eva-Maria Fahrner-Tutsek, die Vorsitzende der Stiftung, so formuliert: »Das Material Glas hat eine enorme Aufwertung in der zeitgenössischen Kunst gewonnen.« Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler gehören zu der Generation, die zwischen dem Ende der 1940er- und der 1960er-Jahre geboren ist. Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf die deutsch-amerikanische Künstlerin Kiki Smith sowie auf Raimund Kummer, die beide mit mehreren Raumarbeiten in der Schau vertreten sind. An ihrer Seite sind Glasskulpturen des englischen Bildhauers Tony Cragg zu studieren, zweimaliger documenta-Teilnehmer und langjähriger Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, Körper aus geblasenem Glas, die Alejandra Seeber aus Argentinien beisteuert, Arrangements der palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum, eine raumgreifende Bodenarbeit der in Los Angeles lebenden Pae White sowie last, not least die Wandarbeit Glass Feathers der koreanischen Künstlerin Ki-Ra Kim, in der sie sich mit den Federn des Kranichs auseinandersetzt, eines Vogels, der in ganz unterschiedlichen Kulturen in Mythos, Symbolik und Heraldik kodiert ist.

Weisen des Sehens

Eine mögliche Lesart des Ausstellungstitels besteht darin, auf die Gleichberechtigung der beiden Wahrnehmungsperspektiven hinzuweisen, der von innen nach außen, wie sie im Allgemeinen vorherrscht, und der komplementären von außen nach innen. Kummers Installation, in der drei Augapfel-Segmente mit drei brückenartigen Hockern korrespondieren, sowie die durchsichtigen Speech Bubbles, in denen Alejandra Seeber die aus dem Comic geläufigen Sprechblasen verräumlicht und damit in die Freiheit der dritten Dimension entlässt, veranschaulichen diesen Doppelaspekt allen Sehens. Die existenziellen Aspekte des Anderen geraten bei Kiki Smith und Mona Hatoum in intensiver Weise in den Blick wie ins reflektierende Bewusstsein. Hatoum zeigt existenzielle Leere und »Geworfenheit« im ganz dinglichen Sinn in ihrer Installation auf, in der ausgetrunkene Flaschen achtlos ins Wasser geworfen zu sein scheinen, in dem sie nun kopfüber oder in Seitenlage herumschwimmen. Kiki Smith, der das Haus der Kunst eine umfangreiche Retrospektive widmet, kuratiert von der Münchner Kunsthistorikerin Petra Giloy-Hirtz, stellt einen Kindersarg aus altem, ausgelaugtem Holz in den Mittelpunkt ihrer Installation Ashen. In dem Sarg liegt natürlich kein Leichnam, sondern filigrane gläserne Plastiken von Pusteblumen in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien »wachsen« aus ihm empor. Das Thema Vergänglichkeit scheint hier in überraschender Doppelung auf und wird in seiner Mehrdeutigkeit erkennbar. In der Arbeit Sainte Geneviève and the Deer direkt im Eingangsbereich nimmt Kiki Smith das Verhältnis des Menschen zu einem großen Anderen – dem Tier – in den Blick.­­

Aktuelle Kommentare

Die kubistisch anmutende, unbetitelte Glasskulptur des Turner-Preisträgers Sir Tony Cragg veranschaulicht dagegen die menschliche Binnenbeziehung zwischen dem Ich und dem Anderen. Seine zweite hier präsentierte Glasarbeit Listeners befasst sich mit der technizistisch verwandelten Umwelt. Mit ihren beiden Parabolschüsseln verweist sie auf das Wechselverhältnis von Senden und Empfangen und klammert dabei auch nicht die leicht sinistre Dimension des Ortens, Standortermittelns und Erfassens aus. Wenn man so will, gibt der Bildhauer damit eine aktuelle Stellungnahme zu dem Problem des »dual use« zu friedlichen wie unfriedlichen Zwecken ab. Das Andere ist stets auch das, was wir gerne ausblenden möchten und das sich dann als Verdrängtes umso stärker Präsenz und Sichtbarkeit verschafft. Die Mauern in den Köpfen wie im Realen, um sich des Anderen zu erwehren, scheinen derzeit wieder im Wachsen begriffen zu sein. Einen ironischen Kommentar zu solchen Erscheinungen liefert die Bodenarbeit Overserved (abgefüllt, zu tief ins Glas geschaut) von Pae White aus dem Jahr 2017. Aus 52 formgeblasenen, blau eingefärbten sowie verspiegelten Kanistern entsteht hier eine Mauer aus Glasbausteinen – überraschend, manchmal verstörend sowie neue Ein- und Ausblicke eröffnend wie die gesamte Ausstellung.

Autor: Rüdiger Heise

 


»Das Andere Sehen«.

Bis 29. Juni, Di-Fr 14-18 Uhr, feiertags geschlossen, Alexander Tutsek-Stiftung, Karl- Theodor-Str. 127.

Informationen: Tel. (089) 55 27 30 60.

 

 

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