Thomas Struth, »Study, Charité«, Berlin, 2015 © Foto: Thomas Dashuber, © Thomas Struth, Courtesy Galerie Rüdiger Schöttle, München

Der Blick nach innen

Die ERES-Stiftung zeigt in ihren Räumen in der Schwabinger Römerstraße, wie sich Kunst und Wissenschaft beim Thema Anatomie seit dem Frühbarock bis in die Gegenwart die Bälle zuspielen.

Es beginnt mit dem Vesalius. Gleich am Eingang ist ein Faksimile jenes bahnbrechenden Anatomieatlas ausgestellt, den der flämische Arzt Andreas Vesalius (1514-1564) erstmals 1543 unter dem vollständigen Titel De humani corporis fabrica libri septem (Über den Bau des menschlichen Körpers in sieben Büchern) vorlegte. Dieses Werk stellte das Studium der Anatomie des menschlichen Körpers in Europa auf eine neue Grundlage. Vesalius hatte seine Kenntnisse durch das Sezieren menschlicher Leichen erlangt und nicht durch die Übertragung von Analogieschlüssen bei Tiersektionen, wie sie sein antiker Vorgänger Galen gezogen hatte, was zu zahlreichen Ungenauigkeiten führte.

Die großen Holzschnitttafeln, auf denen Vesalius seine epochalen Erkenntnisse vorführte, stammen wahrscheinlich von Tizian selbst. Mit der Fabrica, wie Vesalius' Atlas kurz genannt wird, war in der Anatomie ein Niveau an Genauigkeit und Präzision etabliert, das auch in der Zukunft nicht unterschritten werden sollte. Vesalius sowie Tizian und seine Werkstatt beschränkten sich jedoch auf die zweidimensionale Darstellung. Ihre Nachfolger, darunter die fähigsten und begabtesten Bildhauer der Zeit von Lucas Kilian über Georg Petel und Stephan Zick bis hin zu Jean-Antoine Houdon, verwandelten die Anatomie des Atlas ins Dreidimensionale der Lebenswirklichkeit zurück.

Während Ganzkörpermodelle dabei meist einer Miniaturisierung unterworfen wurden, vergrößerten die Kunsthandwerker einzelne Organe, etwa den Augapfel, in ihren Modellen für didaktische Zwecke. Hauptabnehmer wie Auftraggeber neben den Universitäten waren in der Zeit des Barock dabei die Fürsten. Es war die große Zeit der Kunstund Wunderkammern. Während in Bibliotheken die Welterkundung über das Medium Buch erfolgte, versuchten die Fürsten, in ihren Wunderkammern in der Zweiteilung von Naturalia und Artificialia die Welt realiter zu erfassen. Die für diese Wunderkammern erstellten Modelle und Skulpturen, oft aus kostbarem Elfenbein geschnitzt, markieren dabei die aufregende Schnittstelle zwischen Natur- und Kunstdingen. Dass sich diese seltenen Stücke hier zeigen lassen, ist der Mitarbeit des Wunderkammer-Experten Georg Laue zu verdanken. Wolfgang Ure hat das erforderliche Vitrinensystem gebaut.

Rüdiger Heise

 


Den vollständigen Artikel finden Sie in der Applaus-Doppelausgabe 1/2/2019.

BODYSCAN – Anatomie in Kunst und Wissenschaft. Bis 2. März, Di, Mi und Sa 11-17 Uhr, geschlossen am 23.12. und 4.1., ERES-Stiftung, Römerstr. 15. Informationen: Tel. (089) 38 87 90 79 oder unter eres-stiftung.de.

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